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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009

Lenin-Statue an einem russischen Bahnsteig -44

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„Stimmt nicht — es war nicht bloss ein Waggon, es war ein ganzer Sonderzug, und versiegelt war auch nichts!“

Was will uns denn dieser Junge erzählen? Und wie kommt er in den Zug?

„Nun, ich habe mich eingeschlichen — wie seinerzeit im Eisenbahnbetriebswerk zu Rastatt, während der Osterferien im Frühjahr 1917.“

Und Sie sind … ?

„Mein Name ist: Emil Belzner.“ ...

29 Wir Gymnasiasten waren Cäsars und der Geschichte überdrüssig. Und darum froh, daß die Ferien verlängert wurden und wir noch eine weitere Woche Hilfsdienst auf dem Perron, in der Verpflegungsbaracke des Roten Kreuzes, im Verwundeten-Wartesaal oder bei der Eisenbahn selber machen durften. Alle guten Lehramtspraktikanten und jüngeren Professoren waren eingezogen. Wir wurden von Greisen unterrichtet, die voll patriotischer Lust aus dem Pensions- und Ruhestand auf das Katheder zurückgekehrt waren, oder von begeisterten Militärdienst-Untauglichen ...
Auf dem Feld der Ehre waren seit Kriegsbeginn schon zahlreiche Primaner gefallen, die sich freiwillig gemeldet hatten. Keiner durfte beim Abitur durchfallen, der rechtzeitig vorher sich verpflichtet hatte, er würde sofort nach bestandener Reifeprüfung sich freiwillig melden.
Um zu fallen ...


Nun, junger Mann, Sie haben überlebt, um der Nachwelt eine Fussnote der Geschichte aufzuschreiben, ein Buch über Liebe, Macht und Revolution, in dem sich Bericht und Beschwörung, Phantasie und Reflexion auf verblüffende Weise verbinden. So urteilte die Baseler National-Zeitung, und Sie schrieben im Vorwort …

29 ... Der Weltseele zu begegnen, die vielleicht ein Wunschbild der vielen mechanischen Gottheiten ist, die das Universum unsicher machen und unser Schicksal in Abhängigkeit von Zufällen halten, mag vermessen und lächerlich erscheinen. Aber es kann einem passieren; selbst einem gleichgültigen Passanten der Zeit.
Man kann der Weltseele an heroischen oder gemütlichen Plätzen begegnen, auf dem Schlachtfeld oder vor dem „Schwarzen Bären“ zu Jena. Ich bin ihr unvorbereitet in einem ramponierten Salonwagen begegnet ...


„Ja, das schrieb ich über das Frühjahr 1917 oder — wie es im Hundertjährigen Bauernkalender heisst: April, April, der macht, was er will ...“

29 Ich war dem Eisenbahnbetriebswerk Rastatt als Hilfsfreiwilliger zugeteilt, wo ich schon mehrfach Feriendienst an Kohlenbunkern und Wasserkranen für die Lokomotiven gemacht hatte. Aber auch das Klopfen mit dem langstieligen Hämmerchen an den Achslagern der Waggons (am Ton hörte man es, ob sie sich heißgelaufen hatten) war mir vertraut, ebenso konnte ich Ziehharmonikabälge koppeln und die Plattformteller zwischen den Wagendurchgängen richtig werfen, daß sie im Drehpunkt exakt aufeinanderlagen. Und selbstverständlich kunstgerecht von dem anfahrenden Zug abspringen. Das Wichtigste: wir hatten Vierkantschlüssel für alle Wagen und Abteile, eine schirmlose Eisenbahnermütze und einen Bremser- oder Rangiererkittel. Sperren und Barrieren gab es für uns nicht. Bei Nacht hatten wir windgesicherte ehemalige Ölfunzeln umhängen, in denen in diesen Kriegstagen schon sogenannte „Hindenburg-Lichter“ aufs dürftigste brannten. Klassenbuch und Turnhalle des Großherzoglichen Gymnasiums waren versunken und vergessen. Jetzt waren wir wieder bei der Großherzoglichen Eisenbahn. Komme, was da wolle. Und es kam.
Gegen Mittag, hieß es, träfe aus der Schweiz — via Konstanz, Singen, Offenburg — ein Zug mit entflohenen sibirischen Sträflingen ein, die nach Rußland zurückwollten. Auch die weitere Reisestrecke wurde genannt: Frankfurt, Berlin, Saßnitzer Fähre, Trelleborg, Stockholm, Petrograd. Der russische Zar war gestürzt, der bürgerliche Revolutionär Kerenski an der Macht. So stand es in den Zeitungen. Extrablätter berichteten, daß Kerenski den Krieg weiterführen wolle. Was die ehemaligen sibirischen Sträflinge sollten, war unbekannt. Der Zug kam mit Verspätung. Ein Lazarettzug mußte durchgelassen werden. Der Sonderzug irgendeines Kronprinzen oder Erbprinzen war bereits auf dem Ötigheimer Gleis abgestellt. Auf dieses Gleis, das eine wenig befahrene Strecke versorgte, wurde auch der Schweizer Sonderzug geschoben. Adjutanten aus dem Prinzenzug sprangen gestikulierend und schreiend zwischen den Schottern umher. Es half nichts. Auch eilige Truppentransporter hatten Vorrang. Und für die Schweizer Kombination galt: besondere Dringlichkeit, über allen anderen Dringlichkeitsstufen. Allerhöchster Befehl, gezeichnet von Ludendorff, vom Feldeisenbahnchef, vom Reichskanzler und vom Kaiser. Nun, die mußten ja wissen, was es auf sich hatte. Ein Sträflingszug und ein Hofzug in Richtung der gleichen Nebenstrecke abgestellt, wie sonderbar. Bei den Schweizern mußte ein Schaden behoben werden. Sie verloren am Küchen- und Heizungswagen Wasser. Schlimm für Teetrinker. Außerdem schwelte eine Achse. Spezialarbeiter reparierten von außen und rückten wieder ab.
Das war nun unsere, das heißt meine Stunde, mein Augenblick. Ich gab einem Karlsruher Gewerbeschüler, der gleichfalls Hilfsdienst machte, jetzt aber zur Kantine mußte, meine leere Schmierkanne mit und ging mit meinem langstieligen Achs-Hämmerchen zu den sibirischen Sträflingen hinüber. Die mußte ich sehen. Entflohene sibirische Sträflinge, das war etwas Ungeheuerliches für einen Sechzehnjährigen, die Phantasie Erregendes wie Neger, Indianer oder australische Eingeborene. An dem einen Wagen waren die Vorhänge zugezogen. Hinter den Vorhängen ging es offenbar lebhaft zu. Stimmen, Gelächter, Krach, Befehle, so schien es. Ich klopfte mit dem langen Holzstiel des Hämmerchens an ein Fenster in der Mitte des Wagens. Sofort wurde der Vorhang halb auseinandergezogen. Ein ganz fernes Dämonengesicht, nicht ohne Güte und Sorge, ein mächtiger fremdartiger Schädel blickte auf mich nieder, erst ärgerlich, dann ungeduldig, lächelte kurz und riß den Vorhang wieder zu. Alles dieses ganz energisch, sowohl der Ärger wie das Lächeln. Nebelschauer sprühten. Es war wie eine verregnete Szene aus der Stummfilmzeit ...
Aber unser Eisenbahner-Stummfilm blieb nicht stumm. Ich sprang kurzerhand auf das Trittbrett des Waggons mit den geschlossenen Vorhängen, der übrigens nicht plombiert, sondern nur abgeschlossen war. Ich öffnete die Tür mit dem Vierkantschlüssel und schlug sie, sobald ich drinnen war, hinter mir zu. Da hatte mich auch schon ein baumstarker Koch, der mich aus dem anhängenden Heiz-, Küchen- und Wasserwagen beobachtet hatte, am Wickel. Er nahm mir das Hämmerchen ab, polterte einen alemannischen Fluch heraus, schloß die Tür mit seinem Vierkantschlüssel ab, holte ein Bleisiegel und eine Plombierzange aus der Joppe und plombierte die Wagentür von innen ...


Und jetzt wollen Sie uns erzählen, wie der „mächtige fremdartige Schädel“ sich als der des historischen Anführers der vorgeblich sibirischen Ex-Sträflingsgruppe entpuppt, nicht wahr … brütend über revolutionären Strategien am Ziele des geheimnisvollen Zuges?
Nun, wir blättern ein wenig weiter in Ihren Erinnerungen und stellen vergnügt fest, der alte Emil Belzner war als junger Emil Belzner noch von einer ganz anderen Person in diesem Zug fasziniert. Im April 1917 reiste Lenin in Begleitung seiner Freundin Inès Armand, und schon auf Seite 12 erhalten Sie von dieser einen Apfel und einen Kuss … tiefere Einblicke gewährt die schöne Frau dem pubertierenden Schüler auf Seite 17 ... aber bitte fahren Sie doch mit Ihren eigenen Worten fort.


29 Sie glich einer wirklichen Muse, einer unverheirateten Muse, an deren Brust man liegt, in deren Schoss man liegt, die einen austrägt und beherbergt und die dann unversehens sagt: „Nun spring mal, Kleiner!“ Und ohne sich an einem Griff oder sonstwo festhalten zu können, ist man dann mitten im Leben, viel weiter als die Jahre besagen. Nicht einmal ganz 16 waren es in jenem April. Und doch hätte ich sagen können, ich sei auf den Zug als mutwilliger Knabe gesprungen und während der Fahrt um ein Jahrhundert in mir selber weitergekommen. Es gibt Riesengeschwindigkeiten in wenigen Augenblicken. Hätte ich ihre bloße Brust gesehen, ich hätte in jenen inspirativen Momenten wahrscheinlich die ganze Sachlage der Welt und den Schöpfungsprozeß der Menschen überblickt — nicht nur wie er gemacht wird, sondern auch: was er machen wird ...

Was hören wir? Revolutionäre Verzückung?

29 ... Ungeheuer war die Lust, die sie erweckte, ich wußte damals nicht gleich, zu wem sie gehörte. Sie war für einen Gymnasiasten eine richtige Muse, ganz irdisch und ganz himmlisch, Tochter des Zeus und der Erde, voller Erinnerungen an Gewesenes und Zukünftiges für jeden. Auch die Zukünftigkeiten sind Erinnerungen an Wünsche, die wir hatten. Ich wußte damals viel mehr, als ich heute weiß. Und als sie sich jetzt an mir vorüberbeugte und ich eine schneeweißbläuliche Spur von Halbkugeln sah, hätte ich ihr am liebsten die Kleider vom Leib gerissen, so erregt war ich und so wenig bedacht auf die Umgebung. Das Rattern des Zuges klang wie Beschwörungsformeln. „Siehst du nicht, wo es ist?“ fragte sie. — „Ja, ich sehe es bis in die Mitte.“ — „Ai!“ Ich habe diesen märchenhaften Tierlaut nie wieder gehört. „Dann behalte es“, sagte sie. — „Was macht ihr denn da?“ fragte die Duma-Haushälterin. — „Ich hatte ein Kämmchen aus dem Haar verloren, Verehrteste.“ Sie streifte an mir vorbei und setzte sich wieder neben mich: „Und der Emiljewitsch hat’s gefunden.“ Dann band sie die Bluse, nachsichtig mit sich selber, leichthin zu.

Die „Duma-Haushälterin“! Duma, das war der Rat der Volksvertreter im revolutionären Umbruch Russlands. Wir erfahren von Ihnen, Emil Belzner, nur indirekt, daß es sich bei der hausbackenen, aber politisch gewieften Dame im Zug um die Krupskaja, die Ehefrau Lenins handelte …

29 Er neigte sich zu der Älteren über dem Duma-Haushaltsbuch: „Ich glaube, die Schweiz war die letzte gute Lehre, der letzte revolutionäre Pfiff, den wir bekommen haben — diese profitierenden Nichtkriegführenden, diese Auserwählten des Kapitals!“ Sie wischte ihm mit einem Tüchlein den wunderbar geformten Schädel ab, mit einem Tüchlein Zärtlichkeit, nicht mit der Hand. Und er tat einen Blick auf ihre Haushaltsliste und sagte zufrieden: „Je mehr Provokateure, desto besser; je mehr Abgemeldete, desto sicherer: Wir können es nur mit den Wenigen schaffen, bei denen Wort und Tat zusammenfallen. Diese Wenigen sind für uns die siegreiche Mehrheit. Dabei nicht an Worten kleben, dabei nicht an Taten kleben; die Macht ist eine bewegliche Wahrheit. Gut, daß du auch noch die Zurückgebliebenen, die erst später Einreisenden durchkontrolliert hast. Ja, ‚Malinowski‘ lese ich da, ‚Roman Malinowski‘. Bei Malinowski bin ich unsicher. Malinowski könnte ein Schurke und Spitzel der Dritten Abteilung des Zaren gewesen sein. Ein Ochrana-Einschiebsel in unsere Partei. Wenn ihn das Heimweh treibt, wenn er zurückkehrt, und wenn er erschossen wird, erschießt man auch ein Stück von mir, denn ich habe ihm vertraut. Er ist ein glänzender Schachspieler. Er hat mich in Maxim Gorkis Garten auf Capri an einem steinernen Tisch an einem Nachmittag zweimal geschlagen. Aber wenn er weg muß, muß er weg, sobald wir Gericht halten können.“
„Gericht halten können“, sprach jetzt ein Mann, der sich durch die Kurven und Stöße des Zuges heranarbeitete, ein Mann mit dicken, schweren Brillengläsern und einem Backenbart, der um das Kinn herumlief, ein Mann, der aussah wie die sogenannten Existentialisten ein halbes Jahrhundert später bei uns ausgesehen haben. Ein Mann, der Radek-Sobelsohn war und eine zerknüllte Ausgabe des ‚Petit Parisien‘ aus der Tasche zog: „Sobald wir Gericht halten können, müssen wir unsere Reihen säubern, lichten. Wie es um Trotzki steht, weiß ich nicht. Er befindet sich im Augenblick wohl noch in Amerika. Das ist ohnehin ein Fall für später, dem man eine Bewährungsfrist zubilligen muß. Er versteht etwas von Waffen und Armee-Organisation. Er wird wahrscheinlich unentbehrlich sein, ein Ikarus, der unseren Revolutionswagen in die Nähe der Sonne und auf eine Bahn um die Erde bringt — und dann sich löst und abstürzt. Ich bin seines Stammes und ahne etwas von dieser Tragödie.“ ...



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