© KJS / 2007

Einführung
Vorwort
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Kapitel 08
Kapitel 09
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40

 
TAZARAmit der Eisenbahn durch die Zeitgeschichte © KJS / 2008
Sir Henry Kissinger - Quelle: wikipedia
ACHTUNG AN DER BAHNSTEIGKANTE!
Steigen Sie ein zur Fahrt mit dem TAZARA-Express durch die Zeitgeschichte.
Die virtuelle Reise ist längst über die hier vorgestellten Lesestationen hinaus.
Sie ist auf bisher 412 Seiten dokumentiert.
Eine pdf-Version kann erworben werden für nur:
4 Euro
Einfach am Monitor blättern, oder alles ausdrucken.
Schicken Sie dem Weichensteller, Klaus Jürgen Schmidt, eine Anfrage:
radiobridge@aol.com
Mit dem Text erwerben Sie das Recht, kostenlos auch das Ende der TAZARA-Geschichte als pdf-file zu erhalten, sobald die Protagonisten des virtuellen TAZARA-Expresses das Abstellgleis erreicht haben. Ausserdem gibt es Zugang zu einer Website mit allen ständig aktualisierten online-Quellen.
Diese erlauben eigene, weiterführende Recherchen.

KAPITEL 9

Mr. Le Carré, es wird Zeit, Sie bekanntzumachen mit Señor Eduardo Galeano, der ja selber Journalist ist. Señor Galeano wir bitten um Entschuldigung für die Unterbrechung!
Da war Afrika in der Leitung, und während dieser ersten Nacht im Zug macht sich wohl schon eine gewisse Schläfrigkeit bemerkbar ...
Sie sagten, unser Zug aus Afrika führe jetzt durch Lateinamerika ? ...

"... und ich hatte die Quiz-Frage gestellt: Was änderte sich, würde man ‘Lateinamerika’ durch ‘Afrika’ ersetzen? ..."

Richtig, daraufhin hatte sich der Teilnehmer aus Simbabwe gemeldet ...

"Nun, was ändert sich? Zunächst einmal die Geografie! Schauen Sie aus den Fenstern. Dort sehen wir gerade noch die höchsten Giganten der Anden, den schneebedeckten Tupungato, und dahinter den höchsten Gipfel der westlichen Hemisphäre, den Aconcagua, 6.958 Meter über dem Meeresspiegel.
Und jetzt fahren wir ein in einen der längsten Tunnel der Anden-Region, in den Cumbre-Tunnel.
Achten Sie auf den Klang der Glocke, sie ertönt in dem Moment, da wir etwa die Mitte des Tunnels passieren ...

Jetzt!!

... in diesem Moment befindet sich unser Zug im Herzen des Berges ein paar tausend Meter unterhalb einer Christus-Figur. Sie markiert über uns auf dem Berggipfel die Grenze zwischen Argentinien und Chile. Und eine Inschrift sagt ..."

Eher werden diese Berge zu Staub zerfallen, bevor die Völker Argentiniens und Chiles den Frieden brechen, dessen Wahrung sie zu Füssen von Christus, dem Erlöser, geschworen haben.

"Unglücklicherweise ist dieser Christus über uns auf dem Berg bloss aus Bronze — aus einer Legierung also mit mehr als sechzig Prozent Kupfergehalt. Stünde er nicht so abgelegen, wahrscheinlich wäre er längst geklaut.
Seit ich die erste Fassung meines Buches veröffentlichte, haben einige Regierungen versucht, die ‘Offenen Adern Lateinamerikas’ zu schliessen, sie verstaatlichten zum Beispiel Kupfer-, Zinn-, Silber-, Gold-Bergwerke — auch die Erdölförderung ..."

Wie immer, wenn sich der Staat als Eigentümer des wichtigsten Produktes eines Landes erklärt, muss jedoch die Frage gestellt werden, wer der Eigentümer des Staates ist.

"Was half Chile der Schwur mit Nachbar Argentinien — wenn doch der Feind im eigenen Land woanders einen Paten fand?"

Señor Galeano — con permiso!
Mit Ihrer Erlaubnis würden wir gerne an dieser Stelle ein paar Dokumente einführen — sozusagen in multimedialer Solidarität? ... Graçias!

An einem 11. September ändern Flugzeuge plötzlich ihren Kurs, jagen aufs Stadtzentrum zu. Kurz darauf Explosionen, berstende Fassaden, Tote, Fliehende, Staub. Die Medien übertragen die Tragödie ...

New York, 2001?

Nein!

Am 11. September 1973 um 10:32 Uhr Ortszeit übertrug ein von militärischen Putschisten schon in den Untergrund getriebener Regierungssender die letzte Rede des chilenischen Staatspräsidenten Salvador Allende aus der Moneda.

REGIE! BITTE TON AB!


Ich werde mit meinem Leben die Verteidigung der Prinzipien bezahlen, die diesem Land teuer sind. Ein Mantel der Schande wird auf die fallen, die ihre Pflichten verletzt, ihr Wort gebrochen und die bisherigen Grundsätze der Streitkräfte zerstört haben.
Das Volk muß wachsam sein, es darf sich nicht provozieren aber auch nicht widerstandslos abschlachten lassen, es muß seine Errungenschaften verteidigen. Es muß auch das Recht verteidigen, mit seinen Kräften ein menschenwürdigeres und besseres Leben aufzubauen.
Ein Wort an die, die sich Demokraten nennen und den Aufstand schürten, an die, die sich Vertreter des Volkes nennen, die aber grob und schmutzig gehandelt haben, um diesen Putsch zu ermöglichen. Sie bringen Chile an den Rand des Abgrunds!
Im Namen der heiligsten Interessen des Volkes, im Namen des Vaterlandes rufe ich euch dazu auf, Zutrauen zu haben: Die Geschichte wird nicht aufgehalten, weder durch Unterdrückung, noch durch Verbrechen. Dies ist eine Etappe, sie wird überwunden. Dies ist ein harter und schwerer Augenblick. Es ist möglich, daß sie uns zerschmettern, aber der Morgen wird dem Volk, den Arbeitern gehören. Die Menschheit schreitet voran, um ein besseres Leben zu erringen!
Landsleute, es ist möglich, daß dieser Abschied engültig ist — in diesem Augenblick fliegen die Bomber über uns — es ist möglich, daß sie uns niederschießen. Aber ihr sollt wissen, daß wir zusammen mit unserem Beispiel zeigen, daß es in diesem Land Menschen gibt, die ihre Aufgabe erfüllen.
Ich werde es tun mit dem Mandat des Volkes und mit dem bewußten Willen eines Präsidenten, der die Würde seines Amtes wahrt.


Um 10:45 Uhr begann der Kampf um den Präsidentenpalast, ab etwa 12:00 Uhr wurde er aus der Luft bombardiert. Gegen 14:00 Uhr wurde Salvador Allende Gossens, demokratisch gewählter Präsident der Republik Chile, ermordet.
REGIE! BITTE FILM AB!


Originaltitel: MISSING
Regie: Constantin Costa-Gavras
Buch: Donald Stewart, Constantin Costa-Gavras
Kamera: Ricardo Aronovich Musik: Françoise Bonnot
Darsteller: Jack Lemmon, Sissy Spacek, Melanie Mayron, John Shea
Produktion: U.S.A., 1981
Länge: 122 min
Während des blutigen Militärputsches in Chile 1973 verschwindet der linksliberale Gelegenheitsjournalist Charles Horman (John Shea) spurlos. Als sich seine Frau Beth (Sissy Spacek) bei den chilenischen Behörden und der amerikanischen Botschaft nach seinem Verbleib erkundigt, hält man sie mit vagen Andeutungen und leeren Versprechungen hin. Zwei Wochen später trifft Charles Vater Ed (Jack Lemmon) in Santiago ein. Der redliche, konservative New Yorker Geschäftsmann ist ein überzeugter Patriot, Sohn und Schwiegertochter hält er für linksintellektuelle Spinner mit „Anti-Establishment-Paranoia". Während seiner Nachforschungen aber wird er Dinge sehen, die ihm die Augen öffnen: mit Flüchtlingen überquellende Spitäler und Botschaften; das als provisorisches KZ dienende Fußballstadion; in Kühlhäusern etagenweise gestapelte Tote. Am Ende wartet die Erkenntnis, dass sein Sohn mit Wissen der US-Botschaft verhaftet, gefoltert und ermordet worden ist.
Constantin Costas-Gavras erhielt einen Oscar (Bestes Drehbuch) und die Goldenen Palme von Cannes. Der authentische „Fall Horman" wurde durch den Film 1981 prominent — gelöst ist er immer noch nicht. Vielmehr beschäftigen freigegebene Regierungsakten auch heute noch die amerikanische Öffentlichkeit, die die aktive Rolle der CIA in Chile lange nicht wahrhaben wollte.



REGIE! BITTE DVD AN!

Arte-TV, 9. April 2004, 20:45 Uhr
ANGEKLAGT: Henry Kissinger
Dokumentation von Alex Gibney & Eugene Jarecki
Mit tatkräftiger Hilfe der U.S.A. putscht General Augusto Pinochet gegen den gewählten sozialistischen Staatschef Salvador Allende und lässt die Luftwaffe den Präsidentenpalast angreifen. Es ist der Beginn einer siebzehn Jahre währenden Militärdiktatur, in der Tausende von Menschen gejagt, gefoltert, getötet werden. Unterstützer und Befürworter des Staatsstreiches: Henry Kissinger, damals frisch ernannter US-Außenminister. Darauf weisen zumindest Dokumente hin, die erst vor wenigen Jahren freigegeben wurden. Und es ist nicht die einzige Menschenrechtsverletzung, in die der Politiker verwickelt gewesen sein soll.
Als "Lichtgestalt der Diplomatie" hat man Henry Kissinger bezeichnet, als Superstar der Außenpolitik ihm den Friedensnobelpreis verliehen. Kaum ein Außenminister des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde so mit Lob überhäuft. Kritische Stimmen verklangen dahinter. Doch das Bild vom genialen Diplomaten hat inzwischen einen Fleck bekommen. Im Zuge des Prozesses gegen Augusto Pinochet im Jahr 1998 musste die US-Regierung bisher verschlossene Dokumente der CIA öffnen — und die lassen Kissinger in einem Licht erscheinen, das lange Schatten wirft. Glühendster Gegner Kissingers ist der Journalist Christopher Hitchens. Anhand des Archivmaterials und von Zeugenaussagen porträtierte er den Ex-Minister schon 2001 in seinem Buch "The Trial of Henry Kissinger" (Die Akte Kissinger) als einen skrupellosen Strategen, der eine blutige Spur von Vietnam über Chile bis Indonesien zog. Legte man an ihn dieselben Maßstäben wie heute an einen Milosevich oder Pinochet, dann wäre auch Kissinger vor ein internationales Tribunal zu laden. Wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Verschwörung zu Mord, Entführung und Folter ...



"Leave poor Henry alone – he’s such a nice dinner guest!"

Oh, wieder munter, Mr. Rockefeller? Wir verstehen: "Lasst den armen Henry in Ruhe — er ist bei Festessen so ein netter Gast" — das schrieb die WASHINGTON POST, als die Untersuchung seiner Untaten noch in Nischen stattfand.
In Nischen! — Obwohl sein Wirken Millionen von Menschen rund um die Erde Unglück brachte ... sein Wirken als ...

· gelehriger Adlatus und Vertrauter Ihres Sohnes Nelson, Mr. Rockefeller, bei der konspirativen Durchsetzung wirtschaftlichen und politischen Einflusses in mehreren US-Administrationen
· Planer verdeckter amerikanischer Operationen von Indochina bis Iran, von Chile bis Rhodesien
· Partner von Politikern und Geschäftemachern, die inzwischen — daheim und in aller Welt — zumeist als Gesetzesbrecher hinter Schloss und Riegel endeten ...

In Nischen?
Das selbsternannte "Sturmgeschütz der Demokratie" — das deutsche Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL — fand in "60 Jahren Zeitgeschichte" Platz für Henry Kissinger ...

... als Gratulant!

REGIE! DVD AN!


"Der Spiegel - 60 Jahre Zeitgeschichte" / DVD
2007 - Spiegel TV - Hamburg

(Henry Kissinger — über die Bedeutung der Zeitschrift)
Niemand kann ignorieren, dass der SPIEGEL einen wichtigen Beitrag macht, ohne den man sich die Entwicklung in Deutschland nicht vorstellen kann.

(Henry Kissinger — über die Bedeutung des Gründers und verstorbenen Herausgebers)
Ich habe nicht immer mit all seinen Kriegen übereingestimmt, mit allen Schlachten, die er geführt hat, aber ich habe immer grossen Respekt für seine Werte gehabt und ihn menschlich besonders geschätzt, denn das war ein Freund, auf den man sich verlassen konnte.


Von allen guten Geistern verlassen wäre, wer erwartete, dass in den vom SPIEGEL beleuchteten sechzig Jahren Zeitgeschichte der so gelobte Rudolf Augstein mehr als nur Nischen zur Untersuchung der Untaten seines Freundes Henry zugelassen hätte.
Anders erging es Augsteins ehemaligem Saufkumpan Franz Josef Strauß, dessen Reise 1977 nach Chile für einige Aufregung sorgte. Er empfing dort die Ehrendoktorwürde der Rechtswissenschaft, lobte ausdrücklich die Militärdiktatur Pinochets und übernachtete in der Colonia Dignidad des Sektenführers Paul Schäfer, der in Deutschland per Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern gesucht wurde.
Fünfzehn Jahre zuvor war Strauss über die SPIEGEL-Affäre gestolpert.
Was veranlasste Rudolf Augstein — und bis heute die SPIEGEL-TV-Redaktion — den einen als Freund, den anderen als Feind zu adoptieren?

REGIE! DVD AB!


"Der Spiegel - 60 Jahre Zeitgeschichte" / DVD
2007 - Spiegel TV - Hamburg
Die Tatsache, dass Strauß zu Augsteins Lieblingsgegner avanciert, hat eine lange Vorgeschichte.
(Original-Augstein) "1957 war die einhellige Meinung: Der hier nicht! ... Ich hatte ihn nach Hause eingeladen, und dort wurde ordentlich gepichelt, eigentlich überall, wo Strauß und ich zusammenwaren. Und, äh, und der Strauß benahm sich sehr unflätig."
Der weinselige Redaktionsabend bei Augstein zu Hause festigt die SPIEGEL-Meinung, dass dieser Mann, der die Sowjets mit Sittlichkeitsverbrechern vergleicht, nicht nur keine Manieren hat, sondern in seinem Drängen nach Macht gefährlich werden kann. Strauß darf niemals Kanzler werden, lautet die Parole, die Augstein ausgibt ...


REGIE! ROLLTEXT AB!

Leseprobe aus: AUGSTEIN
Autor: Dieter Schröder
Siedler, ISBN-13: 978-3-88680-782-6
September 2004
KAPITEL 15
Multiple Persönlichkeit
Er schätze bei seinen Freunden am meisten, "daß es wenige sind", sagte Augstein im FAZ-Fragebogen. Es waren sehr wenige.
Die vielen anderen, die er Freunde nannte, waren Nenn-Freunde, mit denen ihn im Grunde nicht viel verband, außer dass er sie im Moment interessant fand oder sich mit ihren Namen schmückte ...
Es gab Ausnahmen wie Hans-Dietrich Genscher, der bis zum Schluss der einzige Politiker blieb, mit dem er ständig Kontakt hielt, oder Henry Kissinger, auf dessen Urteil und Sympathie er Wert legte. Als Kissinger ihm eine heftige Kritik an seinen Memoiren verargte und sich lange Zeit nicht meldete, war er betroffen. Das war ungewöhnlich, denn sonst scherte er sich wenig um das, was andere über ihn dachten ...
... er bewunderte Menschen, die er für Originale hielt, halb gut, halb böse, das Abgründige faszinierte ihn. Und er bedauerte, dass sie aussterben.
Der Aufklärer und Wahrheitssucher Augstein liebte das Spiel mit der Verstellung: "Wer mich Zyniker nennt, der ehrt mich, ich bin gern Zyniker." ...
... Wenn sie fair sind, erinnern sich seine Chefredakteure an die guten und an die schlechten Seiten des "Menschen" Augstein; wenn sie tief verletzt sind, fallen ihnen vor allem die negativen ein.
Er war, sagt Jacobi, dessen Erinnerungen freundschaftlich sind, "ein ruchloser Verfechter seiner Interessen"; "er entschied selber, was gut und was böse, was falsch und was richtig ist" ...


"Männerfreundschaft als Weichenstellung zu der Empfindung, was gut und was böse ist?"

Ja, Señor Galeano — und religiöse Sinn-Suche!
Als Rudolf Augstein starb, sah man wieder wichtige Bilder aus seinem Leben: die seiner Verhaftung im Oktober 1962 und die seiner Entlassung Anfang 1963. Dazwischen lagen einhundertdrei Tage Untersuchungshaft wegen angeblichen Landesverrats. Einhundertdrei Tage, in denen Augstein viel Zeit zum Lesen hatte.
Ein Buch hatte ihn im Gefängnis besonders gefesselt: Albert Schweitzers "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung". Dessen Abrechnung mit allen Versuchen, eine Biografie Jesu zu schreiben, weckte bei ihm die Frage: "Wer war dieser Jesus eigentlich?"
Er machte sich auf die Suche nach "Jesus Menschensohn" — und er fand heraus: ohne Kaiser Konstantin und die Vertriebskanäle des römischen Reiches wäre das Christentum eine kleine Sekte geblieben. Im klassischen Rom hatten die Astrologen und der Schachclub weit mehr Zulauf als die paar Christen mit ihrem merkwürdigen Kult.
In Konstantin, der das Christentum im Römischen Reich als Staatsreligion einführte, sah Augstein einen "Skrupellosen", der "unter den vorhandenen Götterlehren das Christentum als Kitt für die gefährdete Weltmacht ausersah". Der Bund ging, so Augstein, einher mit dem Verrat der urchristlichen Lehren.
Augstein war schon 1968 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Anfang 2000 war er davon überzeugt, dass die Kirche heute nicht mehr gebraucht wird: "In der Gesellschaft des Einundzwanzigsten Jahrhunderts spielt sie keine Rolle mehr", sagte er. Allerdings müsse man zwischen den Kirchen und den Christen unterscheiden: "Ohne Christen wäre die Welt ärmer". Dass Christen entsprechende Berufe wählten, Freizeit und Geld, manche sogar ihr Leben für ihren Glauben opferten, nötigte ihm Respekt ab ...

"Das Abgründige" habe Augstein fasziniert, haben wir gehört, "Menschen — halb gut, halb böse".

Einen wie Kissinger? Einen wie Judas?

Bei seinen Bibel-Studien muss ihn das Widersprüchliche an dieser Verräter-Figur gereizt haben — und die Konsequenz: Ohne Judas — keine Kreuzigung! Ohne Kreuzigung — keine Auferstehung!
Das Böse als Werkzeug zur Durchsetzung des Guten!


"Das Gute verkleidet als das Böse? — Oder eher umgekehrt?"

In der geopolitischen Konzeption des Imperialismus ist Mittelamerika nichts weiter als ein natürliches Anhängsel der Vereinigten Staaten. Nicht einmal Abraham Lincoln, der auch die Annektierung dieses Territoriums erwog, konnte sich dem Bann der "offenbaren Bestimmung" der Grossmacht für die angrenzenden Gebiete entziehen ...
1912 erklärte der Präsident William H. Taft: "Der Tag liegt nicht fern, an dem drei Sternenbanner an drei gleich weit entfernten Punkten die Ausdehnung unseres Territoriums anzeigen werden: eines am Nordpol, das andere am Panamakanal, und das dritte am Südpol. Es wird zur Tatsache werden, dass die ganze Hemisphäre uns gehört, wie sie uns auch, dank unserer rassischen Überlegenheit, moralisch schon jetzt gehört."
(4)

"Wissen Sie, die Ankläger des Henry Kissinger sollten aus der amerikanischen Justizgeschichte lernen: auch grossen Haien kommt man mit einem zierlichen Fischmesser bei!
Al Capone, genannt Scarface — ein Landsmann und Zeitgenosse von Ihnen, Mr. Rockefeller — wurde als Gangsterchef in Chicago der Mitwirkung an zahlreichen brutalen Bandenmorden beschuldigt, aber 1931 nur wegen nachweislicher Steuerdelikte zu elf Jahren Haft verurteilt ...
Eine Petitesse in der Verfassung der Vereinigten Staaten ist das Verbot für Persönlichkeiten des öffentlichen Dienstes, ohne Zustimmung des Kongresses einen im Ausland verliehenen Adelstitel zu akzeptieren!"

»No title of nobility shall be granted by the United States; and no person holding any office of profit or trust under them, shall, without the consent of the Congress, accept of any present, emolument, office, or title, of any kind whatsoever, from any king, prince, or foreign state«

... "Übrigens darf sich auch kein Träger eines öffentlichen Amtes der Vereinigten Staaten von Amerika in den Dienst eines fremden Staates stellen ...
Vielleicht ist dieser Hinweis von Nutzen bei der weiteren Suche nach Spuren, die Sir Heinz Alfred Kissinger im Gleisnetz der jüngeren Weltgeschichte hinterlassen hat. Ich denke, was Sie da über seine Selbstbekenntnisse im Chatham-House zu London ausgegraben haben, sein Geständnis, gelegentlich enger mit der britischen als mit der amerikanischen Administration zusammengearbeitet zu haben, das sollte doch schon reichen ..."

Señor Galeano, wir bedanken uns für diesen Hinweis ... Und vielleicht spielt ja auch noch die Frage eine Rolle, weshalb Queen Elizabeth II., Königin von Grossbritannien und Nordirland sowie Haupt des Commonwealth, überhaupt so viele mächtige US-Amerikaner geadelt hat: neben Henry Kissinger unter anderen Norman Schwarzkopf, Colin Powell, Casper Weinberger, Ronald Reagan, George Bush (Senior), Rudy Giullani, Alan Greenspan ...

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