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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
Ein Berg auf Reisen KJS/privat
KAPITEL 51



— kaklong — kaklong — kaklong ...

Festhalten! Es wird jetzt etwas holperig, meine Damen und Herren!
Über diese Schienen rollte ab 1964 ein Berg an die Ostküste Afrikas. Nur zu diesem Zweck war die Eisenbahnstrecke gebaut worden, um einen Berg aus Afrika über das Meer zu schaffen, bis nach Asien! Als der Berg weg war, so gegen Ende der siebziger Jahre, wurde die Bahnlinie nicht mehr gebraucht. Wir sind die ersten, die sie wieder nutzen.
Einer unserer Geschichtstunnel bringt uns zum Berg, wie er war, bevor er nach Asien verschwand. Er wird uns seine erstaunliche Geschichte selber erzählen …


26 In den Ngwenya Hills bin ich mit mehr als eintausendachthundert Metern der zweithöchste Gipfel in diesem Land. Das wurde um 1750 von Norden her durch Menschen besiedelt, die es später nach einem ihrer Könige Swaziland nannten. Sich selber nannten sie Swazis.
Die ersten Menschen, die ich kennenlernte, sahen anders aus. Sie waren kleiner, und sie mochten, was ich ihnen schenkte.
Es war vor ungefähr dreiundvierzigtausend Jahren, da kletterte der Führer einer wandernden Gruppe von San zu mir herauf. Vielleicht suchte er eine Höhle als Schutz für seine Grossfamilie, vielleicht wollte er das gewaltige Panorama bewundern, wie es sich unterhalb meines Gipfels bis zum Horizont erstreckt, als sich wellende Tönungen von Grün, weit hinten sich mischend mit strahlendem Blau und wehendem Weiss von Himmel und Wolken.
Als er sich an den Abstieg machte, liessen Sonnenstrahlen unter einem Felsüberhang winzige Kristalle in einer dunklen Steinschicht glimmern. Er strich mit der Hand darüber, und weil der Stein kühl war, strich er mit der Hand über sein heisses Gesicht.
Er kehrte zurück zu seiner Gruppe, die ihn ehrfurchtsvoll bestaunte. Auf seiner dunklen Haut glimmerte es wie der Widerschein einer Sternennacht.
Ich hatte den San das Sternenpuder geschenkt.
Sie gewannen es aus dem feinkörnigen Roteisenstein. Als ich sie an meiner Flanke eine Erzschicht finden liess, die noch feinkörniger war und die sich — zerrieben — in Wasser lösen lässt, hatten sie ein Getränk mit dem Geschmack von Blut entdeckt. Das Erz nannten sie Blutstein, es wurde Bestandteil ihrer heiligen Zeremonien. Die Stelle, aus der sie das Erz mit Steinwerkzeugen holten, ist das älteste Bergwerk der Welt.
Dann, etwa vierhundertfünfzig Jahre vor Beginn der modernen Zeitrechnung, kamen von Süden her Bantu-sprechende Siedler in die Gegend. Ihre Werkzeuge, ihre Waffen waren nicht mehr aus Stein, sie waren aus Eisen.
Sie waren nicht interessiert an meinem Sternenpulver.
Hinter Roteisenstein und Blutstein entdeckten sie jenes Element, das — in Feuer geschmolzen und geschmiedet — meinen Tod einläutete.
Bei ihrem Mühen, das Erz aus meiner Seite zu brechen, richteten sie noch keinen grossen Schaden an. Die grösste Narbe war hundert Meter lang, fünfundzwanzig Meter breit, dreizehn Meter tief.
Mein Tod kam in der Neuzeit mit der Bahn aus Eisen, von Ngwenya an die Küste, nach Lourenço Marques, dem späteren Maputo.
Jahrzehntelang hatten Prospektoren versucht, für das Erz aus meinem Bauch Investoren zu interessieren. Es gelang ihnen an der Johannesburger Börse. Die Colonial Development Corporation und die Anglo-American Corporation trieben dort das nötige Kapital auf. 1964 war es soweit, sie starteten mit mir ihr globales Karussell.
Dynamit zerfetzte mich Stück für Stück. Riesige Bagger räumten den Schutt auf Förderbänder. Als staubige, braune Brösel schaffte mich die Bahn über zweihundertzehn Kilometer zum Indischen Ozean. Der Hafen war vertieft worden, damit drei gigantische, extra in Norwegen gebaute Spezialschiffe anlegen konnten. Sie kamen aus Europa, um mich von Afrika nach Asien zu bringen. Jede Reise dauerte zwei Wochen. In Japan verschwand ich — Schiffsladung für Schiffsladung — in einer Eisenschmelze. Auferstanden unter japanischem Autolack ging die Reise abermals über’s Meer. Auf jedem Kontinent rollt jetzt ein Stück von mir.
1977 entschied der Konzern, es lohnt sich nicht mehr, zu viel Schutt, zu wenig Eisen.
Ich wurde zum Freilicht-Museum.
Im ausgescharrten Loch, umgeben von kahlen Restwänden, etwa dort, wo meine Mitte war, beugt sich jede Woche ein schwarzer Mann über den dunklen Spiegel des Grundwassers. Er füllt eine Cola-Flasche. Das Wasser bringt er den Menschen, mit denen er betet. Ach — er glaubt, er könnte noch Kraft aus mir gewinnen ...
Um die Ecke sollte er klettern, über Stahlstufen, die mit freundlicher Unterstützung der Europäischen Union über meine ausgekehlten Flanken führen, zu jenem musealen Platz, wo ich den San das Sternenpuder gab ...

BODENSCHÄTZE SIND FÜR AFRIKA KEINE MENSCHENSCHÄTZE

— kaklong — kaklong — kaklong ...

Sie wollen schon weg? Ich habe so selten Besucher!

Nun, wir haben das schon einmal gehört:

BODENSCHÄTZE SIND FÜR AFRIKA KEINE MENSCHENSCHÄTZE?

Bei unserer Spurensuche würden wir gerne herausfinden, wie es dazu kam. Deshalb müssen wir weiter …

Aber da sind Sie hier doch richtig! Muss der Berg erst zum Weisen kommen?
Oh — von hier oben habe ich alles gesehen!
Afrikanische Häuptlinge verkauften Untertanen an Sklavenhändler, erst an arabische, später an europäische. Auf fernen Plantagen halfen verkaufte Menschen aus Afrika den Reichtum Europas und Nordamerikas zu mehren.
Afrikanische Häuptlinge verkauften Elfenbein und Edelmetall an fremde Händler. Die schafften es über die Meere zur Weiterverwertung durch Künstler und Handwerker in anderen Teilen der Welt.
Statt aus den eigenen Ressourcen durch die eigenen Menschen Mehrwert schaffen zu lassen, vergaben afrikanische Häuptlinge Konzessionen an Fremde.
Oh — von hier oben habe ich den König gesehen, der Afrikas verrückteste Jagd auf Konzessionen erlaubte.
26 In den Ngwenya Hills bin ich mit mehr als eintausendachthundert Metern der zweithöchste Gipfel 1880 kamen in’s Land zwei Prospektoren, Tom McLachlan und Walter Carter. Sie verhandelten mit Swazi-König Mbandzeni über eine Konzession für das exklusive Recht, in den Bergen nördlich des Komati-Flusses nach Bodenschätzen zu suchen.
Zwei andere Prospektoren, James und David Forbes, erhielten die Konzession, dasselbe südlich des Komati zu tun. Als sie Gold fanden, begann der Sturm auf alle möglichen Konzessionen. König Mbandzenis Hauptstädtchen Mbekelweni war bald belagert durch europäische Glücksritter. Als der König 1889 starb, hatte er mehr als fünfhundert Konzessionen vergeben. Die betrafen jede nur denkbare Aktivität und nahezu jeden Hektar seines Landes. Jede Konzession brachte dem Besitzer ein Monopol. Dafür verpflichtete er sich, dem König eine jährliche Rente zu zahlen.
Doch was waren das für Konzessionen? Eine erlaubte einer Mrs. Parr, als einzige entlang von Eisenbahnstrecken Erfrischungsräume einzurichten und zu betreiben. Ein anderer Konzessionär hatte sich tatsächlich das exklusive Recht gesichert, eine Eisenbahnlinie zu bauen und zu betreiben. Doch beide Konzessionäre wurden durch einen dritten blockiert. Der hatte das alleinige Recht, den Dampf für Maschinen bereitzustellen ...
Für lange Zeit lebten die Menschen in Swaziland auf geborgtem Land, nahezu jedes Stück gehörte einem Konzessionär. Nach dem Englisch-Burischen Krieg begann eine britische Kolonialverwaltung den Versuch, durch gesetzliche Regelung Ansprüche für nichtig zu erklären.
1921 wurde der einundzwanzig Jahre alte Sobhuza II als König installiert. Ihm gelang es, London zu bewegen, Land von Konzessionären zu kaufen. Swazis zahlten auf Bitten des Königs in einen nationalen Fund, mit dem Land erworben werden konnte, sobald es keine privaten Ansprüche mehr gab. 1967 gewährten die Briten den Swazis die Unabhängigkeit. König Sobhuza führte sein Volk in eine Ära, in der es wenig Unruhe gab, wenig Korruption, wenig Ausbeutung. Die Swazis hatten das Glück, einen gütigen, starken und intelligenten Führer zu haben ... Oh ja — von hier oben habe ich alles gesehen!

Sobhuza II ? Da muss es doch einen Sobhuza I gegeben haben?

Auch den habe ich gesehen von hier oben ...
Natürlich nannte er sich nicht Sobhuza der Erste. Er konnte ja nicht wissen, daß es noch einen König dieses Namens geben würde — etwa einhundertsiebzig Jahre nach ihm.
26 In den Ngwenya Hills bin ich mit mehr als eintausendachthundert Metern der zweithöchste Gipfel Die Menschen, die aus dem Norden gekommen waren, um das Jahr 1750, nannten sich selbst Nguni, und ihr Häuptling hiess Dlamini. Die Nguni spalteten sich auf, eine Gruppe kam in diese Gegend, ihr Führer war Ngwane III. Die Gruppe bestand aus wenigen Familien. Sie siedelten in den Bergen über dem Pongolo-Fluss.
Ich erinnere mich an die Beerdigung des alten Ngwane. Das war auf dem Rücken eines Berges in einem Tabu-Wald, der seither eMbilaneni genannt wird — „der geweihte Platz“. Nachkommen der Ngoltsheni-Familie stellen bis heute Hüter des Grabes.
Ngwanes Grossenkel war Sobhuza, den wir jetzt den Ersten nennen. Er hatte die Ambitionen eines Staatengründers, und er verfolgte diese Ambitionen mit Gewalt. Seine Krieger unterwarfen eine Volksgruppe nach der anderen unter das Regime ihres Königs. Doch gegen die kämpferischen Zulu brauchte Sobhuza Verbündete. Portugiesische Händler aus Lourenço Marques brachten die Feuerkraft ihrer Gewehre zum Einsatz.
Aber sie brachten noch etwas anderes mit, das das Leben der Menschen im südlichen Afrika verändern sollte.
Es kam über ein frühes Karussel der Globalisierung: Von Südamerika war es mit den portugiesischen Kolonisatoren nach Europa und nun mit portugiesischen Händlern nach Afrika gelangt: MAIS!

— kaklong — kaklong — kaklong ...

Mais, seither Grundnahrungsmittel für viele Afrikaner — im gegenwärtigen Karussel der Globalisierung jedoch Symbol für „kreativen Kapitalismus“! Das ist das Stichwort für den nächsten Gast auf unserer rollenden Bühne.
Wir müssen uns jetzt wirklich verabschieden.
Während wir uns wieder ankoppeln an’s internationale Schienennetz, begrüssen wir einen Spinner und Unruhestifter aus Deutschland!



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