KAPITEL
1
Es riecht nach Russ und nach Altöl.
Das ist für meine Nase.
Für meine Augen hat beides tranigen Film
entwickelt auf verbliebenem Glas im
rostigen Dachsieb hoch über der zugigen
Halle, in jeder Scherbe schillernde
Erinnerung an grossartige Ingenieurskunst
durch mehr als zweihundert Jahre ...
Das Licht der Sonne bleibt fahl in dieser
monumentalen Halle, egal ob morgens,
mittags oder abends nur für
Momente fixiert als gleissende, von oben
weisende Finger in wandernden Wolken aus
Staub.
Erst Dampf, dann Diesel, nein
nicht Strom!
Die letzten Lokomotiven, die hier
rasteten, dann rosteten sie waren
des Bahningenieurs höchste Vollendung
jener Entwicklung, an deren Anfang sich
das Rad bewegte, das Rad!
Mit dem Strom kam die Entmachtung des
Rades. Oh, er hat das Rad lange genutzt,
der Strom, er brauchte ihn für seine
Existenz, dann hat er selber das Rad
angetrieben mag sein, sogar besser
als Dampf und Diesel, aber am Ende macht
er das Rad verzichtbar für den Betrieb
intelligenter Maschinen, ersetzt es schon
jetzt durch endlose Reihen von Buchstaben
und Ziffern in flickernden Computern
in denen sich bald nichts mehr
dreht.
Zum Betrieb von Produktion und
Kommunikation wird die Matrix
stromgetriebener Maschinen das Rad stumpf
dienen lassen als Sklave digitaler
Chiffren, als rollendes Elend unter
Lasten-Robotern.
Vorbei die Zeiten, da eiserne Schienen
rollenden Rädern die Bahn freimachten
zur Eroberung fremder Welten.
Oh, ich habe das Geheimnis des Stroms
studiert, hier ist der Schalter, der ihn
mir dienlich macht für meinen Zweck in
dieser Halle ...
Klick!
tazara tazara tazara
...
Bin ich der da?
Wer da?
Der da!
Oder die da? ...
tazara tazara tazara
...
... plötzlich kein eintöniges Dröhnen
mehr ... stattdessen:
tazara tazara tazara
...
... wie beim Rollen über eine Brücke!
Auf Brücken scheppert es immer, da haben
wir ja nicht geschweisst, Brücken
gehörten nie zum Programm ...
... Doch keine Brücke ist so lang! ...
Ergo: wir sind über den Punkt hinweg,
bis zu dem das Geld gereicht hat
keine rüttelfreien Schweissnähte mehr,
die Schienen weiter Stück für Stück
scheppernd auf Betonschwellen, wie vor
dreissig Jahren, jede einzelne versehen
mit einem chinesischen Schriftzug,
verlegt von fünfundwanzigtausend
chinesischen und fünfzigtausend
afrikanischen Arbeitern, durch Täler und
Tunnel, über Flüsse und Schluchten
Ostafrikas ... dreihundertzehntausend
Tonnen stählerne Schienen,
dreihundertzwanzig Brücken,
dreiundzwanzig Tunnel,
einhundertsiebenunvierzig
Eisenbahnstationen ...
The Great Uhuru Railway
Die Grosse
Freiheitsbahn ...
tazara tazara tazara
...
... eintausendachthundertundsechzig
Kilometer, zwei Nächte und fast drei
Tage wenn der Fahrplan eingehalten
wird ...
tazara tazara tazara
...
... das heisst, wir sind der Grenze um
mindestens sechshundert Kilometer näher
... auch der Antwort? Oder entferne ich
mich von ihr?
Bin ich der da?
Wer da?
Der da!
Oder die da? ...
Das muss geklärt werden, das ist doch
immer geklärt, wenn einer zu erzählen
beginnt, oder eine sonst muss man
gar nicht erst anfangen. Wer erzählt
das? Das will der doch wissen, oder die
da ...
tazara tazara tazara
...
Aber wenn es nicht einmal der oder die
weiss, der oder die was erzählen
will? Und ich weiss doch nicht, wer von
allen hier ich bin ... hat von denen
schon jemand begonnen, das hier zu
erzählen? Oder bin ich es? ...
Bin ich die, die ich bisher nur gehört
habe, aber noch nicht gesehen, die im
anderen Abteil.
... Stimmt nicht, ihre Hände habe ich
gesehen und ihre Arme, als sie einen Sack
voll mit Mangos hereinhob vom Kopf der
Frau unten am Ende des Bahnsteigs, als
der Zug schon langsam losrollte, und ihre
herabreichende, manikürte Hand in die
hochgestreckte, rissige Hand ein
Röllchen Geldscheine schob.
Aber vor allem ihre Stimme habe ich
gehört, und die Stimmen der anderen
Frauen im Nachbarabteil ... in einem
Abteil nur für Frauen ...
Wer hat das eigentlich eingeführt
Geschlechtertrennung im Zug ... die
Chinesen vielleicht? Wie diesen
Heisswasserhahn am Ende von jedem Waggon
der Ersten Klasse wofür
eigentlich? Für ihre Thermoskannen
wahrscheinlich für frischen Tee
Selbstbedienung!
Ganz anders als unsere Männer, damals
wie heute! Haben sich schon immer lieber
bedienen lassen, von Frauen, am liebsten
wenn diese vor ihnen auf Knien rutschen.
FRAUEN TRAGEN DIE HÄLFTE DES HIMMELS
Ha, Mao, alter Schlawiner ... soweit geht
die Freundschaft nicht!
... Wenn ich aber der wäre, der da neben
der Schiebetür zum Gang, der aussieht
wie einer nicht von hier eher gelb
ist der, kein Afrikaner! Hat der damals
mitgeschufet? Zu jung dafür! Höchstens
vierzig, schätze ich! Da wär er
zehn gewesen, vor dreissig Jahren ...
eher Resultat von Völkerverständigung
links und rechts des grossen
Streckenbaus, der da an der Schiebetür
... vielleicht ist er doch von hier? ...
Was heisst denn hier? Das
hier rollt doch! Von hier
nach dort von dort nach hier! Für
einen, der erzählen wollte es war
einmal ein Zug, mag er sogar nur
von dort nach
dort rollen, irgendein Zug
voller Geschichten nach nirgendwo ...
... Und wenn ich alles loslasse und
hochspringe, rollt es dann unter mir weg,
das hier? Ohne mich? Für
einen Moment wenigstens?
Er sieht immer her, wenn er glaubt, ich
merk es nicht, der da am Fenster
weisser Dünkel. Das Auto, das ihn
brachte, war von irgendwoher bis auf den
Bahnsteig gerollt, direkt zum Einstieg.
Hat nicht im überfüllten Bahnhofssaal
warten müssen, hat gewusst, wann es
wirklich losgeht um sechs Stunden
verpätet.
Und der andere, der sich oben
eingerichtet hat, die Decke überm
Kinn, Pantoffeln an den Füssen, die
Lackschuhe neben der Plastiktüte. Die
hat geklirrt, als er sie oben neben
seinem Koffer deponierte, Bierflaschen.
Der kennt sich aus, fährt nicht zum
ersten Mal mit der weiss, daß sie
das Bier im Speisewagen mit Eisblöcken
kühlen, die schon bei der Abfahrt in
einem Metallkasten schmelzen, nach
hundert Kilometern ist das Bier warm
wenns überhaupt noch
welches gibt! Der hat sich versorgt, aber
kalt kann ers alleine nicht alle
kriegen ... ich trinke kein Bier, nie!
Woher soll er das aber wissen? Angeboten
hat er keins!
Was suchen die beiden Touristen hier?
Platzreservierungen werden doch
kontrolliert ... Ach der
Pferdeschwanz gehört ja einem Mann!
Platz für ein Pärchen? Das können die
vergessen! Hier kommen nur Frauen rein!
Schade eigentlich ...
Nachmittag sollte es sein, Nacht ist es
geworden, sechs Stunden Verspätung!
Dar-es-Salaam hat uns wegschleichen
lassen, aus seinem Verkehrssumpf, aus
seiner brütenden Hitze, aus dem
stickigen Kuppelbau seiner chinesischen
Festhalle, ohne Strom, nur ein paar
Notfunzeln unter der hohen Decke, an den
Wänden die prächtigen
Kristall-Kandelaber aus China
lichtlos ...
Erzählt nun der da?
Wer da?
Der da!
Oder die da? ...
arazat arazat arazat
...
Wenn wir in umgekehrte Richtung führen,
von West nach Ost?
arazat arazat arazat
...
Also in die Morgenröte?
arazat arazat arazat
...
In die Richtung, in der die Chinesen die
Schienen legten ...
arazat arazat arazat
...
aus Solidarität mit Afrika?
arazat arazat arazat
...
... fänden wir nachts am Bahnhof von
Kapiri Mposhi ausreichend starke Lampen,
die Schatten vertreiben und Männern mit
Helmen helfen sollen, über den Schatz
aus Afrikas Boden zu wachen: Schwere,
gefaltete Bleche aus Kupfer,
herangeschafft aus Sambias Gruben und
Schmelzen, gestapelt und bewacht für den
Export von Dar-es-Salaam über das grosse
Meer nach Fernost.
Dafür hatten die Chinesen ihr erstes
grosses Entwicklungsprojekt in Afrika
geplant und gebaut, für jährlich
zweieinhalb Millionen Tonnen Ladung
in beide Richtungen ...
Bloss, daß kurz nach Fertigstellung der
Strecke weltweit die Kupferpreise
verfielen und der Hafen von Dar-es-Salaam
sowieso nie ausgebaut wurde, mehr als
achthunderfünfundsechzigtausend Tonnen
pro Jahr kamen nie auf die Schiene.
Und über das grosse Meer aus Fernost
kommt auf diese Schiene? ...
Hoffnung auf ein neues Morgenrot
im Osten? Das liegt hinter uns, wir
rollen ja nach Westen ...
tazara tazara tazara
...
... schon daran gewöhnt! Aber die da,
die habens gar nicht bemerkt, ist
ihnen egal, obs scheppert oder
dröhnt. Die vielen Millionen Schillinge
haben sowieso nicht gereicht, alles zu
verschweissen ...
Nein, nicht tansanische
österreichische Schillinge!
Zehn Jahre später, als die Verträge zur
Rehabilitierung der Schienen endlich
ausgehandelt ... und andere europäische
Partner längst ausgestiegen waren ... da
gab es auch in Österreich keine
Schillinge mehr, stattdessen Euro, und
die reichten mal gerade für ein
Drittel der Strecke ... Interessiert hier
keinen, mich auch nicht mehr ...
Eine Mütze Schlaf schnell noch, kann die
kalte Zugluft nicht ab, später, wenn es
hoch geht in die Berge. Pech, daß wieder
ein muzungu dabei ist
Frischluft-Fanatiker! Schiebt das Fenster
immer wieder hoch bis
Tunnelröhren verbrannten Dieselhauch
ins Abteil spucken.
Mangos im groben Jutesack!
Fingernagellack abgesplittert!
... Und was haben sie an der nächsten
Station? Ich glaube, getrockneten Fisch,
Fisch aus dem Bergsee. Der wird stinken
wenns wärmer wird, später,
wenns runter geht aus den Bergen
... vielleicht kann ich ihn im
Gepäckwagen lassen?
Zwiebeln hab ich schon, Kartoffeln
auch, Tomaten brauche ich noch ... Immer
ein schöner Zuverdienst wenn ich
es schnell loswerde, unterwegs und am
Ende der Reise!
... Kein Signal im cellphone! In
Mpika, beim Betriebswerk der Bahn
wirds vielleicht funktionieren, da
hat es meistens funktioniert, aber das
ist erst die vierte Station nach der
Grenze; da arbeiten ein paar tausend
Leute für Sambias TAZARA-Verwaltung ...
Die warten schon auf das frische Gemüse
aus Tansania ...
... Aber das Auto muss kommen, sonst
sitz ich mit dem ganzen Zeug da!
Hab ich das eigentlich noch nötig? ...
Krämerseele!
Noch fünf Stationen bis zur Grenzstation
Tunduma ...
... Was wollte der Pferdeschwanz? Geld
tauschen fürs Visum? Muss
meine Dollars zusammenhalten ... hier
Tanzania Shilling, dort Kwacha, und was
noch später? Plastiktüten mit
Mickymaus-Geld! ... Der amerikanische
Dollar ist Eintrittskarte geblieben! Das
Visum gibts nur für grüne bucks
heute nacht! Mit Euro wirst du da noch
immer nix ...
... Und mit Pferdeschwanz und
Französisch schon gar nicht ...
... Ah, non! Hätt mich
nicht auf sie verlassen sollen,
hätt mich gar nicht erst mit ihr
einlassen sollen! Aber der wollte das so,
dieser Afrikaner da im portugiesischen
Café in Harare ... oder ob ich mich etwa
mit dem Lord of War
anlegen wolle, der zahle schliesslich
seine und meine Spesen.
Seigneur de Guerre,
wollte ich wissen mit einem
Hollywood-Gespenst anlegen? Und ich
dachte an Nicolas Cage im Kinofilm vor
zwei Jahren.
Nein, mit dem echten Merchant
of Death, sagte er, und
bestellte noch zwei Espresso.
Er will einen Mann im Zug, ne Frau
als Kurier ... und zum richtigen
Zeitpunkt will er selber mitspielen ...
Mitspielen?
Diese Damenuhr macht sich unauffälliger
an ihrem Arm, n'est-ce pas? ...
Aber hier brauchen wir argent
cash! verdammt noch mal!
Bringt die Uhr, aber keine Dollars!
Der hat ihn abblitzen lassen ... und mich
hat er gar nicht erst gefragt ...
Weisse Dünkel, mit und ohne
Pferdeschwanz! ...
... Aber bevor er die Hand von der
Schiebetür nahm, hab ichs gesehen!
Das war ein LANGE & SÖHNE
DATOGRAPH, Handaufzug, in Platin mit
Faltschliesse!! Ganz ohne Zweifel!
Schwarzes Zifferblatt
schwarzes Gesicht sagen
Sammler dazu, übergrosse Datumsanzeige
... dreissigtausend Dollar mindestens,
oder mehr!!! Zuletzt wo gesehen?
... Auf der Rennbahn! ... An schwarzem
Krokodilleder-Armband unter weitem
Seidenärmel! Wer sich für
dreissigtausend oder mehr ne
Armbanduhr leistet und einen Stall
voller Rennpferde, der braucht keinen
Schneider aus Hong Kong! ...
Ausser Spesen nichs gewesen! ... Na ja,
lag auf dem Weg ... Dubai ... werd
ich Mr. Moon erklären müssen ...
Aber, der da, mit dem Pferdeschwanz und
den ausgefransten Jeans?
tazara tazara tazara
...
Wer schneller als wir mit dem Zug in
Kapiri Mposhi sein will, hat in
Dar-es-Salaam einen Bus bestiegen.
Gelegentlich kreuzen die TAZARA-Schienen
den TANZAM-Highway, geteert,
zweitausendvierhundert Kilometer lang. In
Sambia heisst die Strasse Great North
Road. Ich weiss, sie ist Zentralachse des
Drogenschmuggels zwischen Ost- und
Südafrika und eine Avenue der
Straßenprostitution. Sambia gehört zu
den Ländern mit der höchsten
HIV-Infektionsrate. Sie weiss das
hoffentlich auch ... an der ersten
Station nach der Grenze soll sie in einen
Bus wechseln.
Und ich? ...
Soll im Zug aufpassen, ob es zu einem
Gipfeltreffen kommt? ... Und dann rufen:
OHNE SPONSOR KEIN
GIPFELTREFFEN?
Als Code für den Merchant of
Death?
Ist der da Viktor? Oder bloss sein
Handlanger?
Ich sollte mehr erfahren über ihn ...
Mr. Moon würde das interessieren ...
Oh nein, wir sind nicht die einzigen an
Bord, die Geschichten erzählen können
...
Ich, der weiss, wie Anzugstoffe und
Armbanduhren zusammenpassen
Ich, der heimliche Kurier
Ich, der mehr weiss über Eisenbahnbau
als jeder andere hier
Ich, der ewige Animateur
Ich, die es nicht nötig hätte, sich die
Maniküre verderben zu lassen
Ich, der Sponsor des ganzen Unternehmens
Oh nein, wir sind nicht die einzigen an
Bord, die Geschichten erzählen können
...
Geschichten huschend wie
Nachtschatten über verstummten Hütten,
flatternd wie Lichtbänder über dunklen
Feldern, an Berghängen hochkriechend,
entlang Schluchten taumelnd,
vorbeischleichend an rostenden Wracks von
Waggons, die aus der Kurve flogen
und an bleichen Schädeln von Elefanten,
Überbleibsel nächtlicher Begegnung auf
der noch warmen Schotterstrecke,
vorüberzuckelnd an Signalmasten aus
Zement, die von Anfang bis Ende den
Strang aus Eisen begleiten ... keiner ist
umgefallen in dreissig Jahren, doch die
Drähte dazwischen sind gekappt ... den
Dieben haben sie hoffentlich zu vollen
Bäuchen verholfen, elektrischen Signalen
stehen sie nicht mehr zur Verfügung!
Die Gedanken sind frei ... Geisterstunde
... bis auf weiteres sind wir abgenabelt
vom Globalen Dorf!
Geschichten ... rüttelnd und wankend wie
Brücken ...
tazara tazara tazara
...
Geschichten ... fauchend und stinkend wie
Tunnel ...
tazara tazara tazara
...
Geschichten ... fauchend und stinkend wie
Tunnel ...
Den Griff loslassen von der Gestalt,
die vor der Welt einen Namen trägt; die
das Bewusstsein durch gesellschaftlichen
Ehrgeiz und zügelnden Formwillen
aufgebaut hat.
Loslassen, um zu fallen, fallen in
blinder Hingabe vertrauend. Zu etwas
anderem, einem anderen
Gesteuert werden von dem, was lebt, wenn
wir nicht länger leben als Interessenten
oder Besserwisser.
Lauschen und sehen können bis zu dem in
uns, das im Dunkel ist.
Und schweigen ...
(Dag
Hammarskjöld, "Zeichen am
Weg", Droemer Knaur, München -
Zürich, 1965) = (1)
Aus welchem Tunnel
bist du zugestiegen, Dag? Du christlicher
Mystiker du fernöstlicher
Philosoph du naturreligiöser
Pantheist!
Hast du überhaupt eine Platzkarte?
Und hast du die fünfzig Dollar für das
Visum an der Grenze?
Die willst du dir verdienen, indem du aus
deinem Testament vorliest?
Ist ja mal eine originelle Idee!
Nimm Platz ...
Hey, will jemand Gedichte hören von
einem Verzagten, von einem Lebensmüden?
Von einem, der sich zerreiben liess im
afrikanischen Treibsand!
Warten,
wo man mich hinstellte
nackt an die Zielscheibe
genagelt von den ersten Pfeilen.
Aufs neue den Bogen gespannt,
Pfeilgeschwirre
vorbei?
Spielten sie?
Bebte die Hand?
Oder war es der Wind?
Was fürchte ich?
Wenn sie treffen
und töten,
was ist da zu beweinen?
Andere gingen voran.
Andere folgen. (1)
Nein, Dag, du warst
nie wirklich ein Verzagter, nie ein
Lebensmüder du hast dir deine
Platzkarte längst verdient! Aber bitte,
schlag uns die Zeit tot, lies vor
aus deinen Kongo-Tagen ... erzähl
vom ...
... Bösen, kriechend, schleichend,
nagend und aushöhlend, das dich wie
Treibsand zu ereilen versucht. Es hat den
süssen Geruch von Verfall, Niedergang
und geheuchelter Liebe, es verlangt nach
Mitgefühl und Sympathie und ruft nach
Hilfe, wenn es ihm nicht gelingt, andere
in seinen Sumpf hinabzuziehen. Für diese
Art des Bösen gibt es keine Hilfe und
keine Heilmittel. (1)
Vor fast fünfzig Jahren hat er das
aufgeschrieben, der alter Schwede? So
sieht sein Anzug auch aus, feinstes
dunkelblaues Garn, zeitloser Stil!
Den hätt ich gern in meinem
Portfolio gehabt, erstklassige Referenz
für meine Diplomaten-Kunden! ...
Ist er nicht süss? Aber schüchtern!
Seht euch mal an, wie er die Hände
bewegt, a-sexuell würde ich sagen ...
Glaubt mir, Mädels, der ist nicht zu
haben!
So ruht der Himmel an der Erde.
In des Waldsees dunkler Ruhe öffnet sich
der Schoss des Forsts.
Und so wie der Mann ihren Leib mit seiner
überdauernden Zärtlichkeit bedeckt,
so umhüllt der Erde und der Bäume
Nacktheit des Morgens stilles, starkes
Licht.
Selber fühle ich ein Brennen, das Sehnen
nach Vereinigung ist, nach Aufgehen, nach
einem Teilhaben an dieser Begegnung.
Ein Brennen, das eins ist mit Begierde
irdischer Liebe aber auf Erde und
Wasser und Himmel gerichtet, und vom
Rauschen der Bäume, vom Duft der Erde,
vom Schmeicheln des Windes und von der
Umarmung der Luft und des Wassers kommt
Antwort.
Zufrieden? Nein, nein, nein aber
gekühlt, ausgeruht wartend. (1)
Wir stellen uns
dein Gesicht vor während endloser
Debatten im fahlen Neonlicht des
Glaspalastes am East River, als Vorsteher
der schwarz-weiss-gelben
Völkerversammlung, bei Gesprächen mit
politischen Feuerköpfen, mit Nasser, Ben
Gurion, Lumumba ruhig zuhörend
abwartend abwägend
politisch argumentierend, aber im Inneren
die Stille nordschwedischer
Hochgebirgsnächte mit dir tragend ...
... die uralte Ruhe der Erde, viel
realer als die Unrast der Menschen ...
(1)
Wer
"Lumumba" für Kakao mit einem
Brandy hält, wird dein Testament sowieso
nicht hören wollen, Dag! Denen ist das
alles viel zu verschwiemelt ...
Dieser Zug, mein Lieber, fährt da hin,
wo sie die Zielscheibe für dich
bereitgestellt hatten, am 18. September
1961 geografischer Breitengrad
12° 58 Süd, geografischer
Längengrad 28° 31 Ost im
Wald, zehn Kilometer vor Ndola, das ist
ein bisschen nördlich von Kapiri Mposhi,
da wo unsere Reise enden wird ... am
Kupfergürtel Sambias ...
Was für ein Traum hätte da drei Jahre
später beginnen können, Dag!
Sambia war 1964 beim Erreichen seiner
Unabhängigkeit einer der wohlhabendsten
Staaten Afrikas Dank seiner
Kupferminen.
Aber, dein Kongo liess grüssen
Katanga! Du weisst schon ...
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