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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
TAZARA-Express wikipedia
Station 2  



— tazara — tazara — tazara ...

Bin ich der da?
Wer da?
Der da!
Oder — die da? ...

— tazara — tazara — tazara ...

... plötzlich kein eintöniges Dröhnen mehr ... stattdessen:

— tazara — tazara — tazara ...

... wie beim Rollen über eine Brücke! Auf Brücken scheppert es immer, da haben wir ja nicht geschweisst, Brücken gehörten nie zum Programm ...
... Doch keine Brücke ist so lang! ... Ergo: wir sind über den Punkt hinweg, bis zu dem das Geld gereicht hat — keine rüttelfreien Schweissnähte mehr, die Schienen weiter Stück für Stück scheppernd auf Betonschwellen, wie vor dreissig Jahren, jede einzelne versehen mit einem chinesischen Schriftzug, verlegt von fünfundwanzigtausend chinesischen und fünfzigtausend afrikanischen Arbeitern, durch Täler und Tunnel, über Flüsse und Schluchten Ostafrikas ... dreihundertzehntausend Tonnen stählerne Schienen, dreihundertzwanzig Brücken, dreiundzwanzig Tunnel, einhundertsiebenunvierzig Eisenbahnstationen ...

„The Great Uhuru Railway“ — „Die Grosse Freiheitsbahn” ...

— tazara — tazara — tazara ...

... eintausendachthundertundsechzig Kilometer, zwei Nächte und fast drei Tage — wenn der Fahrplan eingehalten wird ...

— tazara — tazara — tazara ...

... das heisst, wir sind der Grenze um mindestens sechshundert Kilometer näher ... auch der Antwort? Oder entferne ich mich von ihr?

Bin ich der da?
Wer da?
Der da!
Oder — die da? ...

Das muss geklärt werden, das ist doch immer geklärt, wenn einer zu erzählen beginnt, oder eine — sonst muss man gar nicht erst anfangen. Wer erzählt das? Das will der doch wissen, oder die da ...

— tazara — tazara — tazara ...

Aber wenn es nicht einmal der oder die weiss, der oder die ‘was erzählen will? Und ich weiss doch nicht, wer von allen hier ich bin ... hat von denen schon jemand begonnen, das hier zu erzählen? Oder bin ich es? ...

Bin ich die, die ich bisher nur gehört habe, aber noch nicht gesehen, die im anderen Abteil.
... Stimmt nicht, ihre Hände habe ich gesehen und ihre Arme, als sie einen Sack voll mit Mangos hereinhob vom Kopf der Frau unten am Ende des Bahnsteigs, als der Zug schon langsam losrollte, und ihre herabreichende, manikürte Hand in die hochgestreckte, rissige Hand ein Röllchen Geldscheine schob.
Aber vor allem ihre Stimme habe ich gehört, und die Stimmen der anderen Frauen im Nachbarabteil ... in einem Abteil nur für Frauen ...

Wer hat das eigentlich eingeführt — Geschlechtertrennung im Zug ... die Chinesen vielleicht? Wie diesen Heisswasserhahn am Ende von jedem Waggon der Ersten Klasse — wofür eigentlich? Für ihre Thermoskannen wahrscheinlich — für frischen Tee — Selbstbedienung!
Ganz anders als unsere Männer, damals wie heute! Haben sich schon immer lieber bedienen lassen, von Frauen, am liebsten wenn diese vor ihnen auf Knien rutschen.

FRAUEN TRAGEN DIE HÄLFTE DES HIMMELS

Ha, Mao, alter Schlawiner ... soweit geht die Freundschaft nicht!

... Wenn ich aber der wäre, der da neben der Schiebetür zum Gang, der aussieht wie einer nicht von hier — eher gelb ist der, kein Afrikaner! Hat der damals mitgeschufet? Zu jung dafür! Höchstens vierzig, schätze ich! Da wär’ er zehn gewesen, vor dreissig Jahren ... eher Resultat von Völkerverständigung links und rechts des grossen Streckenbaus, der da an der Schiebetür ... vielleicht ist er doch von hier? ...

Was heisst denn „hier”? Das „hier” rollt doch! Von hier nach dort — von dort nach hier! Für einen, der erzählen wollte „es war einmal ein Zug”, mag er sogar nur von „dort” nach „dort” rollen, irgendein Zug voller Geschichten nach nirgendwo ...
... Und wenn ich alles loslasse und hochspringe, rollt es dann unter mir weg, das „hier”? Ohne mich? Für einen Moment wenigstens?

Er sieht immer her, wenn er glaubt, ich merk’ es nicht, der da am Fenster — weisser Dünkel. Das Auto, das ihn brachte, war von irgendwoher bis auf den Bahnsteig gerollt, direkt zum Einstieg. Hat nicht im überfüllten Bahnhofssaal warten müssen, hat gewusst, wann es wirklich losgeht — um sechs Stunden verspätet.

Und der andere, der sich oben eingerichtet hat, die Decke über’m Kinn, Pantoffeln an den Füssen, die Lackschuhe neben der Plastiktüte. Die hat geklirrt, als er sie oben neben seinem Koffer deponierte, Bierflaschen.
Der kennt sich aus, fährt nicht zum ersten Mal mit — der weiss, daß sie das Bier im Speisewagen mit Eisblöcken kühlen, die schon bei der Abfahrt in einem Metallkasten schmelzen, nach hundert Kilometern ist das Bier warm — wenn’s überhaupt noch welches gibt! Der hat sich versorgt, aber kalt kann er’s alleine nicht alle kriegen ... ich trinke kein Bier, nie! Woher soll er das aber wissen? Angeboten hat er keins!

Was suchen die beiden Touristen hier? Platzreservierungen werden doch kontrolliert ... Ach — der Pferdeschwanz gehört ja einem Mann! Platz für ein Pärchen? Das können die vergessen! Hier kommen nur Frauen rein! Schade eigentlich ...

Nachmittag sollte es sein, Nacht ist es geworden, sechs Stunden Verspätung!
Dar-es-Salaam hat uns wegschleichen lassen, aus seinem Verkehrssumpf, aus seiner brütenden Hitze, aus dem stickigen Kuppelbau seiner chinesischen Festhalle, ohne Strom, nur ein paar Notfunzeln unter der hohen Decke, an den Wänden die prächtigen Kristall-Kandelaber aus China — lichtlos ...

Erzählt nun der da?
Wer da?
Der da!
Oder — die da? ...

— arazat — arazat — arazat ...

Wenn wir in umgekehrte Richtung führen, von West nach Ost?

— arazat — arazat — arazat ...

Also in die Morgenröte?

— arazat — arazat — arazat ...

In die Richtung, in der die Chinesen die Schienen legten ...

— arazat — arazat — arazat ...

… aus Solidarität mit Afrika?

— arazat — arazat — arazat ...

... fänden wir nachts am Bahnhof von Kapiri Mposhi ausreichend starke Lampen, die Schatten vertreiben und Männern mit Helmen helfen sollen, über den Schatz aus Afrikas Boden zu wachen: Schwere, gefaltete Bleche aus Kupfer, herangeschafft aus Sambias Gruben und Schmelzen, gestapelt und bewacht für den Export von Dar-es-Salaam über das grosse Meer nach Fernost.
Dafür hatten die Chinesen ihr erstes grosses Entwicklungsprojekt in Afrika geplant und gebaut, für jährlich zweieinhalb Millionen Tonnen Ladung — in beide Richtungen ...
Bloss, daß kurz nach Fertigstellung der Strecke weltweit die Kupferpreise verfielen und der Hafen von Dar-es-Salaam sowieso nie ausgebaut wurde, mehr als achthunderfünfundsechzigtausend Tonnen pro Jahr kamen nie auf die Schiene.

Und über das grosse Meer aus Fernost kommt auf diese Schiene?

Hoffnung auf ein neues Morgenrot — im Osten? Das liegt hinter uns, wir rollen ja nach Westen ...

— tazara — tazara — tazara ...

... schon daran gewöhnt! Aber die da, die haben’s gar nicht bemerkt, ist ihnen egal, ob’s scheppert oder dröhnt. Die vielen Millionen Schillinge haben sowieso nicht gereicht, alles zu verschweissen
Nein, nicht tansanische — österreichische Schillinge!
Zehn Jahre später, als die Verträge zur Rehabilitierung der Schienen endlich ausgehandelt ... und andere europäische Partner längst ausgestiegen waren ... da gab es auch in Österreich keine Schillinge mehr, stattdessen Euro, und die reichten ‘mal gerade für ein Drittel der Strecke ... Interessiert hier keinen, mich auch nicht mehr ...

Eine Mütze Schlaf schnell noch, kann die kalte Zugluft nicht ab, später, wenn es hoch geht in die Berge. Pech, daß wieder ein muzungu dabei ist — Frischluft-Fanatiker! Schiebt das Fenster immer wieder hoch — bis Tunnelröhren verbrannten Dieselhauch in’s Abteil spucken.

Mangos im groben Jutesack! Fingernagellack abgesplittert!
... Und was haben sie an der nächsten Station? Ich glaube, getrockneten Fisch, Fisch aus dem Bergsee. Der wird stinken wenn’s wärmer wird, später, wenn’s runter geht aus den Bergen ... vielleicht kann ich ihn im Gepäckwagen lassen?
Zwiebeln hab’ ich schon, Kartoffeln auch, Tomaten brauche ich noch ... Immer ein schöner Zuverdienst — wenn ich es schnell loswerde, unterwegs und am Ende der Reise!
... Kein Signal im cellphone! In Mpika, beim Betriebswerk der Bahn wird’s vielleicht funktionieren, da hat es meistens funktioniert, aber das ist erst die vierte Station nach der Grenze; da arbeiten ein paar tausend Leute für Sambias TAZARA-Verwaltung. die warten schon auf das frische Gemüse aus Tansania ...
... Aber das Auto muss kommen, sonst sitz’ ich mit dem ganzen Zeug da! Hab ich das eigentlich noch nötig? ... Krämerseele!

Noch fünf Stationen bis zur Grenzstation Tunduma ...

... Was wollte der Pferdeschwanz? Geld tauschen — für’s Visum? Muss meine Dollars zusammenhalten ... hier Tanzania Shilling, dort Kwacha, und was noch — später? Plastiktüten mit Mickymaus-Geld! ... Der amerikanische Dollar ist Eintrittskarte geblieben! Das Visum gibt’s nur für greenbacks heute nacht! Mit Euro wirst du da noch immer nix ...

... Und mit Pferdeschwanz und Französisch schon gar nicht ...

... Ah, non! Hätt’ mich nicht auf sie verlassen sollen, hätt’ mich gar nicht erst mit ihr einlassen sollen! Aber der wollte das so, dieser Afrikaner da im portugiesischen Café in Harare ... oder ob ich mich etwa mit dem „Lord of War“ anlegen wolle, der zahle schliesslich seine und meine Spesen.
„Seigneur de Guerre“, wollte ich wissen — mit einem Hollywood-Gespenst anlegen? Und ich dachte an Nicolas Cage im Kinofilm vor zwei Jahren.
Nein, mit dem echten „Merchant of Death“, sagte er, und bestellte noch zwei Espresso.
Er will einen Mann im Zug, ‘ne Frau als Kurier ... und zum richtigen Zeitpunkt will er selber mitspielen ... Mitspielen?
Diese Damenuhr macht sich unauffälliger an ihrem Arm, n'est-ce pas? ... Aber hier brauchen wir argentcash! verdammt noch mal! Bringt die Uhr, aber keine Dollars!

Der hat ihn abblitzen lassen ... und mich hat er gar nicht erst gefragt ...
Weisse Dünkel, mit und ohne Pferdeschwanz! ...
... Aber bevor er die Hand von der Schiebetür nahm, hab ich’s gesehen! Das war ein LANGE & SÖHNE DATOGRAPH, Handaufzug, in Platin mit Faltschliesse!! Ganz ohne Zweifel! Schwarzes Zifferblatt — ‚schwarzes Gesicht‘ sagen Sammler dazu, übergrosse Datumsanzeige ... dreissigtausend Dollar mindestens, oder mehr! — Zuletzt wo gesehen? ... Auf der Rennbahn! ... An schwarzem Krokodilleder-Armband unter weitem Seidenärmel! Wer sich für dreissigtausend oder mehr ‘ne Armbanduhr leistet — und einen Stall voller Rennpferde, der braucht keinen Schneider aus Hong Kong! ...
Ausser Spesen nichs gewesen! ... Na ja, lag auf dem Weg ... Dubai ... werd’ ich Mr. Moon erklären müssen ...
Aber, der da, mit dem Pferdeschwanz und den ausgefransten Jeans?

— tazara — tazara — tazara ...

Wer schneller als wir mit dem Zug in Kapiri Mposhi sein will, hat in Dar-es-Salaam einen Bus bestiegen. Gelegentlich kreuzen die TAZARA-Schienen den TANZAM-Highway, geteert, zweitausendvierhundert Kilometer lang.
In Sambia heisst die Strasse Great North Road. Ich weiss, sie ist Zentralachse des Drogenschmuggels zwischen Ost- und Südafrika — und eine Avenue der Straßenprostitution. Sambia gehört zu den Ländern mit der höchsten HIV-Infektionsrate.
Sie weiss das hoffentlich auch ... an der ersten Station nach der Grenze soll sie in einen Bus wechseln.
Und ich? ...
Soll im Zug aufpassen, ob es zu einem Gipfeltreffen kommt? ... Und dann rufen:
„OHNE SPONSOR — KEIN GIPFELTREFFEN“?
Als Code für den „Merchant of Death“?

Ist der da Viktor? Oder bloss sein Handlanger?
Ich sollte mehr erfahren über ihn ... Mr. Moon würde das interessieren ...

Oh nein, wir sind nicht die einzigen an Bord, die Geschichten erzählen können ...

Ich, der weiss, wie Anzugstoffe und Armbanduhren zusammenpassen
Ich, der heimliche Kurier
Ich, der mehr weiss über Eisenbahnbau als jeder andere hier
Ich, der ewige Animateur
Ich, die es nicht nötig hätte, sich die Maniküre verderben zu lassen
Ich, der Sponsor des ganzen Unternehmens

Oh nein, wir sind nicht die einzigen an Bord, die Geschichten erzählen können ...

Geschichten — huschend wie Nachtschatten über verstummten Hütten, flatternd wie Lichtbänder über dunklen Feldern, an Berghängen hochkriechend, entlang Schluchten taumelnd, vorbeischleichend an rostenden Wracks von Waggons, die aus der Kurve flogen — und an bleichen Schädeln von Elefanten, Überbleibsel nächtlicher Begegnung auf der noch warmen Schotterstrecke, vorüberzuckelnd an Signalmasten aus Zement, die von Anfang bis Ende den Strang aus Eisen begleiten. Keiner ist umgefallen in dreissig Jahren, doch die Drähte dazwischen sind gekappt ... den Dieben haben sie hoffentlich zu vollen Bäuchen verholfen, elektrischen Signalen stehen sie nicht mehr zur Verfügung!
Die Gedanken sind frei ... Geisterstunde ... bis auf weiteres sind wir abgenabelt vom Globalen Dorf!

Geschichten ... rüttelnd und wankend wie Brücken ...

— tazara — tazara — tazara ...

Geschichten ... fauchend und stinkend wie Tunnel ...




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