© KJS / 2007

Einführung
Vorwort
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Kapitel 08
Kapitel 09
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40

 
TAZARAmit der Eisenbahn durch die Zeitgeschichte © KJS / 2008
Albert Schweitzer in Lambaréné - Quelle: wikipedia
ACHTUNG AN DER BAHNSTEIGKANTE!
Steigen Sie ein zur Fahrt mit dem TAZARA-Express durch die Zeitgeschichte.
Die virtuelle Reise ist längst über die hier vorgestellten Lesestationen hinaus.
Sie ist auf bisher 412 Seiten dokumentiert.
Eine pdf-Version kann erworben werden für nur:
4 Euro
Einfach am Monitor blättern, oder alles ausdrucken.
Schicken Sie dem Weichensteller, Klaus Jürgen Schmidt, eine Anfrage:
radiobridge@aol.com
Mit dem Text erwerben Sie das Recht, kostenlos auch das Ende der TAZARA-Geschichte als pdf-file zu erhalten, sobald die Protagonisten des virtuellen TAZARA-Expresses das Abstellgleis erreicht haben. Ausserdem gibt es Zugang zu einer Website mit allen ständig aktualisierten online-Quellen.
Diese erlauben eigene, weiterführende Recherchen.

KAPITEL 11

Nehmen die Treppen nie ein Ende?

Hallo, hat jeder eine Eintrittskarte?

Eintrittskarte?

Sie befinden sich im Moment in einer deutschen Kultureinrichtung, auf den Treppen aufwärts zum "Giebelsaal" der Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg an der Weser in Deutschland; sollten sie behindert sein, ist Ihnen anheim gestellt, um Assistenz nachzusuchen!
Eintrittskarten waren im Vorverkauf unter anderem im Stadtbüro der Lokalzeitung DIE HARKE erhältlich ...
Angesichts besonderer Umstände sind Passagiere des afrikanischen TAZARA-Expresses von der Eintrittskartenpflicht ausgenommen ...

(Verwaltungs-Notiz für den Spielleiter: Kompensation in Rechnung stellen beim Afrika-Referat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Berlin / Deutschland! ... Oder wer ist zuständig? Die Europäische Union? Die Vereinten Nationen? Klären!).


Sie sollen alle drei da sein! Die Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, Henry Kissinger, Kofi Annan ...

Obwohl, unser Afrikaner hat den seinen ja 2001 teilen müssen — mit seiner Organisation, den Vereinten Nationen ...

... wie Kissinger, 1973 mit dem Nordvietnamesen Lê Ðúc Tho — der den Preis jedoch ablehnte, da der Vietnamkrieg zu dieser Zeit noch andauerte.

... und der Nobelpreisträger von 1952 spielt zur Begrüssung eine Bach-Fuge!

Herr Möllenkamp, Sie erinnern sich an das Klavier an der Wand, gleich rechts vom Eingang in Lambaréné? ...
Beeilen Sie sich, die anderen sind schon die Treppen hoch! ... Dort übernimmt in diesem Moment ...


SCHÜLER 1:
Die "ARBEITSGEMEINSCHAFT NOBLE FRIEDENSPREISE" — eine Initiative von Schülern der Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg an der Weser — begrüsst Sie, meine Damen und Herren, zu einer Nachtsitzung unter Einsatz von Multimedia-Anwendungen hier im historischen "Giebelsaal"!

SCHÜLER 2:
Die Albert-Schweitzer-Schule Nienburg ist eine der ältesten Lehranstalten im niedersächsischen Raum. Im Zuge der von Graf Jobst II von Hoya im Jahre 1525 durchgeführten Reformation der Kirche wurde auch ein Schulwesen entwickelt.
Dies geschah wahrscheinlich unter dem Einfluss seiner gesellschaftlich aufgeklärten Ehefrau Anna von Gleichen. Es ist zu vermuten, dass die Schule ihre Anfänge auch um 1525 hat. Denn in diesem Jahr hat Martin Luther ein Sendschreiben an alle deutschen Städte gerichtet, in dem er die Einrichtung eines "christlichen Schulwesens" forderte. Die älteste urkundliche Erwähnung findet die Schule 1541 in Kirchendokumenten: Der Kantor liess zum ersten Mal seine Schüler in der Nienburger Kirche St. Martin singen ...
Im Herbst des Jahres 2000 feierte die Schule ihren 150. Geburtstag als staatliches Gymnasium sowie ihr 475-jähriges Bestehen ...

SCHÜLER 3:
Dieser "Giebelsaal" hier wird nicht nur als Schul-Aula genutzt, sondern auch für öffentliche Veranstaltungen der Stadt Nienburg, zum Beispiel für die jährlich stattfindenden "Meisterkonzerte" ... heute abend erleben Sie als Bach-Solisten: Dr. Albert Schweitzer!
Was Sie im Moment hören, kommt allerdings von einer Schallplatte ...
Tatsache ist, dass Albert Schweitzer im aktuellen Schulleben schon lange keine Rolle mehr gespielt hat. Es gibt keine schulische Arbeitsgemeinschaft, die sich um ihn oder um seine Arbeit in Afrika gekümmert hätte.
Dass heute abend Albert Schweitzer im Mittelpunkt der Präsentation einer Arbeitsgemeinschaft von Schülern steht, ist der Anfrage zu verdanken, ob der Bahnhof Nienburgs kurzfristig nach Afrika, oder der afrikanische TAZARA-Express auf die Gleise des Bahnhofs in Nienburg zu versetzen sei. In jedem Fall sollte es zu einer Begegnung von TAZARA-Reisenden mit Schülern unserer Albert-Schweitzer-Schule kommen.
Die Schüler-Vertretung hat für eine dritte Alternative optiert: für die Zeit unserer Präsentation sei der historische Teil der Albert-Schweitzer-Schule Nienburgs nach Afrika zu transportieren ...

SCHÜLER 1:
Nach seinem Arbeitsalltag im Hospital in Lambaréné spielte Albert Schweitzer auf einem extra für ihn gebauten tropenfesten Klavier mit Orgelpedal. Er übte damit auch für seine Schallplatteneinspielungen mit Werken Johann Sebastian Bachs und für die Orgelkonzerte, deren Erlös seiner karitativen Arbeit zugute kam.
Angeregt von seinem Orgellehrer, brachte Albert Schweitzer eine komplette Notenausgabe für Bachs Orgelwerke heraus, und er veröffentlichte 1908 eine Bach-Monographie, die in musikästhetischer Hinsicht nach wie vor als Standardwerk gilt ...

SCHÜLER 2:
... Bachs "Kunst der Fuge" ist ein von Legenden umranktes Spätwerk des großen Leipziger Thomaskantors. Nach seiner Veröffentlichung in Bachs Todesjahr 1750 in Vergessenheit geraten, wurde es in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einem weltweiten Publikum wieder nahegebracht, als ein Buchautor auf die Idee kam, den Namen des Komponisten und Musiktheoretikers Bach mit zwei ganz anderen Bereichen menschlichen Denkens und Fühlens zu verbinden — mit der Mathematik von Kurt Gödel und mit der Malerei von Marits Cornelis Escher ...

SCHÜLER 3:
... Alle drei haben es in ihren jeweiligen Bereichen geschafft, den menschlichen Sinn zu täuschen, etwas zu schaffen, das sich von einem Anfang weiterentwickelt, um genau an diesem Anfang wieder anzukommen — Bewegung in einer endlosen Schleife.
Beim Maler Escher zum Beispiel sehen wir Gegenstände oder architektonische Bauten, die auf den ersten Blick völlig natürlich zu sein scheinen, auf den zweiten aber in ihrer Konstruktion unmöglich sind ...
Wir sprechen hier nicht von der eigentlich unmöglichen Versetzung unseres Schulgebäudes an den Bahnsteig einer afrikanischen Eisenbahnstation, das scheint — wie Ihre und unsere Anwesenheit an diesem Ort beweist — dem Leiter dieses TAZARA-Spiels durchaus möglich zu sein ...
Wir sprechen von Eschers Darstellung perspektivischer Unmöglichkeiten, optischer Täuschungen und multistabiler Wahrnehmungsphänomene ...

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


So zeigt sein Bild "Wasserfall" einen Wasserlauf, der sich vom Betrachter fortbewegt, dann links fliesst, als ein Wasserfall nach unten fällt und dabei wieder an seinen eigenen Anfang anschliesst. Was im zweidimensionalen Bild ohne weiteres zu funktionieren scheint, wäre in der Realität schlicht unmöglich, da das Wasser hierzu den Berg hinauffliessen müsste. Sein Bild "Treppauf Treppab" zeigt eine auf ähnliche Weise konstruierte viereckige, endlose Treppe ...


SCHÜLER 3:
... Es ist, wohlgemerkt, kein Abbild der Treppe hier herauf zu unserem "Giebelsaal"!

SCHÜLER 2:
Als Physiker und Informatiker untersuchte der schon erwähnte Bestseller-Autor unter Bezug auf die "endlosen Schleifen" bei Gödel, Escher und Bach die Frage, wie aus relativ einfachen, "dummen" Bestandteilen — wie beispielsweise den Neutronen des menschlichen Gehirns — intelligente Systeme mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion entstehen können ...
Der Autor, Douglas Richard Hofstadter, ist selber sozusagen nobles Material: Er kam 1945 als Sohn des Physik-Nobelpreisträgers Robert Hofstadter zur Welt, und seit den 1980er Jahren ist er einer der Vertreter jener wissenschaftlichen Richtung, die sehr weitgehende Erwartungen an das Fachgebiet der "Künstlichen Intelligenz" knüpfen.

(Verwaltungs-Notiz für den Spielleiter: Den Namen Hofstadter notieren! Mitverantwortlich für die drohende Abschaffung des Rades? Klären!)

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:

"GÖDEL, ESCHER, BACH. EIN ENDLOS GEFLOCHTENES BAND"
(
Douglas R. Hofstadter, übersetzt von Hainer Kober, Hermann Feuersee und Philipp Wolff-Windegg, mit einem Vorwort von Gero von Randow, Klett-Cotta, 2006, 17. Auflage)


... Worum geht es? Nicht allein um Mathematik, nicht nur um Logik, schon gar nicht nur um Musik oder Kunst. Das Buch ist ein Werk, das viele verschiedene Gebiete behandelt, nicht bloss im Vorübergehen streift, sondern aus vielen verschiedenen Wissenschaftsbereichen Erkenntnisse sammelt und dabei versucht, eine der wichtigsten Fragen zu beantworten: Wie entsteht das Ich, das Selbst? Wie kann sich Bewusstsein aus einem unbewussten Stoff entwickeln? Welches Gebilde ist das "Ich" und wie konnte es sich aus Materie entwickeln? ...
(Maria-Bernadette Ehrenhuber zur Neuauflage des Buches)


Kategorien: DDR-Witze und Ossiwitze
In der Straßenbahn liest ein Musiker eine Partitur. Ein Staatsschützer hält das Notenblatt für Geheimschrift und verhaftet den Musiker unter Spionageverdacht, obwohl der versichert, das sei eine Fuge von Bach. Der Verhaftete wird am nächsten Tag einem Kommissar vorgeführt, der ihn anschreit: "Also raus mit der Sprache! Sie können’s ruhig sagen, Bach hat schon gestanden!"

SCHÜLER 1:
Heute abend bei uns im "Giebelsaal" der Albert-Schweitzer-Schule zu Nienburg an der Weser erleben Sie:

SCHWEITZER, KISSINGER, ANNAN
EIN ENDLOS GEFLOCHTENES BAND

... Worum geht es? Nicht allein um Caritas, nicht nur um Diplomatie, schon gar nicht nur um Krieg oder Frieden. Unsere Arbeitsgemeinschaft behandelt heute abend viele verschiedene Gebiete nicht bloss im Vorübergehen, sondern sie sammelt aus vielen verschiedenen Wissenschaftsbereichen Erkenntnisse und versucht dabei, einige der wichtigsten Fragen zu beantworten:
· Wie hat sich das Bewusstsein von Friedensnobelpreisträgern entwickelt?
· Aus welcher Materie ist es entstanden?
· Wie entstand das Ich von Albert Schweitzer, von Henry Kissinger, von Kofi Annan?

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


Albert Schweitzer war ein bekannter Orgelspieler, Musikwissenschaftler, Theoretiker des Orgelbaus und einer der für das zwanzigste Jahrhundert stilbildenden Interpreten der Musik Johann Sebastian Bachs.


SCHÜLER 2:
Doch dafür erhielt er nicht den Nobel-Preis!

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


In der Quintessenz seines philosophischen Denkens ging Schweitzer davon aus, dass sich Menschen beim Nachdenken über sich selbst und über ihre Grenzen wechselseitig als Brüder erkennen, die über sich selbst und ihre Grenzen nachdenken. Im Zuge des Zivilisationsprozesses werde die Solidarität, die ursprünglich nur auf den eigenen Stamm bezogen war, nach und nach auf alle, auch unbekannte Menschen übertragen. Zentral für seine Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" ist der Satz: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."

SCHÜLER 1:
Doch dafür erhielt er nicht den Nobel-Preis!

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


Trotz aller Ängste vor anderen militärischen Mächten forderte Schweitzer aus elementarer Angst vor dem Geist der Unmenschlichkeit eine einseitige Abrüstung. Obwohl die Menschlichkeit doch das eigentliche Wesen der Menschheit sei, sei die resignierte Vernunft zu befangen und erkenne nicht, dass Vernichtungskriege in keinem Verhältnis zu den Problemen stünden, die mit ihnen gelöst werden sollten. Nur mit dem Mut der Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben könne der Massenvernichtung vielleicht begegnet werden, ohne diesen Mut habe die Menschheit gar keine Chance. Sie müsse die Hoffnung und das Pflichtgefühl entwickeln, dass die Öffentlichkeit die Verantwortung über Krieg und Frieden übernehmen könne, und sie müsse die Idee einer weltbejahenden Kultur entwerfen, die Kriege gegen Mensch und Kreatur unmöglich mache.


SCHÜLER 2:
Doch dafür erhielt er nicht den Nobel-Preis!
Den Friedensnobelpreis erhielt Albert Schweitzer, weil er dank der Wirksamkeit neuer, weltweit wahrgenommener Medien als der "gute Doktor von Lambaréné" bekannt wurde.

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


... wie viele seiner Zeitgenossen war Schweitzer nach wie vor von der kulturellen Höherentwicklung Europas überzeugt. Er hatte ein zwiespältiges Verhältnis zum Kolonialismus, an dem er einerseits die inhumane Vorgehensweise kritisierte, von der er sich mit dem Begriff der "Brüderlichkeit" abgrenzte, dessen Ideologie er aber andererseits so stark verinnerlicht hatte, dass er Schwarze als primitive Menschenkinder betrachtete, die nicht ausgerottet oder kolonial, sondern ordentlich nach christlichen Grundsätzen geführt und angeleitet werden sollten. Die primitiven Lebensbedingungen in Lambaréné entsprachen diesem Bild von Primitiven, das wegen der Verehrung Schweitzers durch die europäische und amerikanische Öffentlichkeit verstärkt wurde, die seine bevormundende Güte mit Spenden honorierte, auf die er ja angewiesen war. Er musste seine Aktivitäten den Erwartungen anpassen, und je mehr sie diesen Erwartungen entsprachen, desto höher waren die Spenden, die zu einem großen Teil in den Ausbau des "village de lumiere" zur Entsprechung der Vorstellungen gesteckt wurden, auf denen die konkreten Erwartungen der teilnehmenden Öffentlichkeit gründeten.


ORIGINALE SCHWEITZER-ZITATE:

1. Für den Primitiven hat die Solidarität enggezogene Grenzen. Sie beschränkt sich auf seine Blutsverwandten im engeren Sinne, das heißt, auf die Mitglieder seines Stammes, die für ihn die Familie im Großen repräsentieren. Ich spreche aus Erfahrung. In meinem Spital habe ich solche Primitiven. Wenn ich einem nicht bettlägrigen Patienten aus dieser Gruppe kleine Dienste für einen Kranken auftrage, der das Bett hüten muss, wird er es nur dann tun, wenn dieser des gleichen Stammes ist wie er. Ist dies nicht der Fall, wird er mir treuherzig antworten: "Dieser ist nicht Bruder von mir." Weder durch Belohnung noch durch Drohung wird er sich bewogen fühlen, diesem Fremden einen Dienst zu leisten.
(Albert Schweitzer: Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben, aus: Siegwart Horst Günther, Gerald Götting: Was heißt Ehrfurcht vor dem Leben? Begegnung mit Albert Schweitzer, neues leben, 2005)

2. Der Schwarze arbeitet unter Umständen sehr gut, aber er arbeitet nur so viel, wie es die Umstände von ihm verlangen. Er ist immer nur Gelegenheitsarbeiter.
(Albert Schweitzer, Text geschrieben und gesprochen von Albert Schweitzer, Film, Regie: Jerome Hill, 1957)

SCHÜLER 3:
Wir wollen nicht mehr übersehen, dass im Kern der eigentlichen Tätigkeit von Albert Schweitzer, seiner Arbeit im Urwaldhospital Lambaréné, von dem französischen Tropenmediziner André Audoynaud im Jahr 2005 ernstzunehmende, professionelle Kritik geübt wurde. Audoynaud war von 1963 – 66 ärztlicher Direktor des benachbarten französischen Hôpital administratif:

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


Schweitzer habe seine Aufbauleistung übertrieben, denn Lambaréné sei keinesfalls weltabgelegen und unzivilisiert gewesen, sondern sogar ans Telefonnetz angeschlossen gewesen. Eine medizinische Versorgung habe es schon vor seiner Ankunft gegeben, 1928 wurde sogar ein französisches Krankenhaus eröffnet und 1953 erweitert.
Ausserdem soll er sein Spital selbstherrlich geführt haben; Audoynaud behauptet sogar, der damals fast 90 Jahre alte Schweitzer habe Farbige aus einer rassistischen Gesinnung heraus selbst körperlich drangsaliert. Ärztliche Behandlungen mussten mit Geld oder mit der Arbeitskraft von Verwandten bezahlt werden, die als Farbige nur für niedere Arbeiten und nicht für gehobenere pflegerische Dienste eingesetzt und durch die Verzögerung von Patientenentlassungen ungebührlich lange ausgenutzt wurden.
Trotz hoher Geldspenden liess Schweitzer sein Krankenhaus weder mit Elektrizität, Kanalisation, Duschen noch WCs ausstatten. Das einzige WC war Weißen vorbehalten, Küchen- und andere Abwässer flossen offen durchs Lager, stehendes Gewässer, Brutstätte für Krankheitserreger, soll er auf seinem Gelände toleriert, sich für das Leben von Flughunden, die Tollwut übertragen, eingesetzt und Holzschutzmittel für die Baracken trotz Termitenbefall untersagt haben.
Statt wie die französischen Mediziner Krankheiten durch Präventionsmaßnahmen wie Impfungen, Ernährungsberatung und Trockenlegung stehender Gewässer vorzubeugen, hätte Schweitzer blind ein europäisches Modell der Krankenversorgung auf die Verhältnisse Afrikas übertragen und nur Symptomkuriererei betrieben. Eine Zusammenarbeit mit Einrichtungen vor Ort hätte der sehr zurückgezogen lebende und an Land und Leuten desinteressierte Schweitzer abgelehnt, obwohl die meisten, der Weltöffentlichkeit in seinem fotogenen "village de lumiere" vorgeführten Leprapatienten gesund gewesen seien, weil sie zur Hälfte im "Hôpital administratif" geheilt worden waren.
Kurzum: Schweitzer sei dem 19. Jahrhundert verhaftet gewesen, im Grunde nie richtig in Afrika angekommen, habe trotz hoher Geldspenden und weisser Fachkräfte ein kümmerliches Ergebnis erzielt und sich überdies sehr medienwirksam mit fremden Federn geschmückt.


SCHÜLER 1:
Albert Schweitzer — laut "Schulweb" Namensgeber für inzwischen weit mehr als fünfzig Schulen im deutschsprachigen Raum ...
... Wir in Nienburg an der Weser waren die ersten, die seinen Namen trugen, und wir sind auch die ersten bei dem Versuch, herauszufinden, wie sich das Bewusstsein unseres Namenspatrons entwickelte, und aus welcher Materie heraus das "Ich" von Albert Schweitzer entstand ...

MULTIMEDIA-ANWENDUNG:


Herzlich willkommen in der AG Journalismus! Jeden Mittwoch in der siebten und achten Stunde treffen wir Schülerinnen und Schüler der Stufen 10 bis 13 uns in Raum 112 und haben nichts anderes im Sinn als das Schreiben ...
Hier kann jeder mitmachen, der gerne wissen und ausprobieren möchte, was es auf sich hat mit bestellten Texten, automatischem Schreiben, Radio, Riech-, Hör- und Klopftexten, Problemfällen, Zettellawinen, Phantasiereisen ...


SCHÜLER 2:
... für unsere Gäste aus dem afrikanischen TAZARA-Express haben wir uns gerne auf eine Phantasiereise eingelassen, und als "ARBEITSGEMEINSCHAFT NOBLE FRIEDENSPREISE" haben wir unter anderem herausgefunden, dass Albert Schweitzer vierundvierzig Jahre alt war, als seine nationale Zugehörigkeit in einem Eisenbahnwaggon entschieden wurde ...

REPLAY bitte!

... Eine triste Waldlandschaft mit laublosen Bäumen. Ein Schienenstrang führt in die Mitte des Bildes. Weit im Hintergrund treffen sich zwei Züge. Vom linken sieht man das Ende, offenbar geparkt in einer langen Linkskurve des Gleises, vom rechten sehen wir den Kopf mit einer Dampflokomotive; er muss kurz vor einer Weiche gestoppt haben, die auf das Hauptgleis führt ...
Was wir tatsächlich sehen, ist eine Weichenstellung der Weltgeschichte ... Wir sehen den Rahmen, in dem im Wald von Compiègne am 11. November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde, der den Ersten Weltkrieg beendete ...


SCHÜLER 2:
... Seine elsässische Heimat war 1918 als Folge des Ersten Weltkrieges vom Deutschen Reich getrennt und von Frankreich annektiert worden. Damit erhielt er die französische Staatsangehörigkeit. Er selbst bezeichnete sich jedoch gern als Elsässer und "Weltbürger", das Deutsche und das Französische beherrschte er gleichermassen gut.
Die kritische Auseinandersetzung mit der gerade in Frankreich populär gewordenen Existenzphilosophie beschäftigte Albert Schweitzer noch in seinen letzten Lebensjahren, wohl auch, weil ihn mit Frankreich Jean-Paul Sartre verband, der war Sohn seiner Cousine Anne-Marie ...

Halt! Den hatten wir doch schon ‘mal! ...
Wo ist Genosse Trotzki? Etwa im Zug geblieben?
Hatte er nicht von diesem französischen Philosophen einen Rat erhalten?


"Hier bin ich! So gerne ich immer mit der Eisenbahn gefahren bin, die Neugier war doch stets grösser auf das Ziel, auch wenn es sich immer bloss als Zwischenstation herausstellte — wie dieses deutsche Schulgebäude am Rande eines Bahnsteiges in afrikanischer Nacht ...
Ich dachte, hier seien wir den Lautsprecherstimmen für einen Moment entronnen, sie seien endlich zurückgeblieben im Zug ...

Nun, Genosse Trotzki, hatten Sie uns nicht selbst von der äusserst effektiven Kommunkation in Ihrem gepanzerten Revolutionszug berichtet? ... REPLAY bitte!

... Der Zug war stets darüber orientiert, was in der Welt vorging. Darüberhinaus waren die Waggons miteinander durch Innentelefone und Signalvorrichtungen verbunden ...

Und Sie glauben, wir seien da weniger gut ausgerüstet? Sie wissen doch, dass wir Spezialwaggons mitziehen, einige sind rostrot, einige werden sich noch in anderen Farben und Formen vorstellen, angehängt oder abgehängt als Fahrzeuge zwischen Punkten der Geschichte. Stellen Sie sich die Schule, in der Sie sich gerade befinden, als einen Spezialwaggon unseres Zuges vor. Und natürlich ist der mit unserer Zentrale vernetzt. Sie wissen doch, Genosse Trotzki: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" — ein Zitat Ihres Genossen Lenin! ...
Aber wir fragten Sie nach Sartre ...


"Ja — Sartre hatte mir geraten, Frantz Fanon zu lesen, "Die Verdammten dieser Erde". Ich warte noch darauf, dass er irgendwann zusteigt — war das nicht von Ihrem Zug-Regisseur, von diesem Herrn André Dunkler, angekündigt worden?
Und befindet der sich nicht, wie er sagte, auf der Suche nach afrikanischen Zirkusartisten?
Was meinte er eigentlich damit? ...

Sorry, diese Selektion ist noch lange nicht dran! Wir unterbrachen unsere Gastgeber im "Giebelsaal" der Nienburger Albert-Schweitzer-Schule ...

SCHÜLER 2:
... Darf ich jetzt weitermachen?

Wir bitten darum!

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