KAPITEL
11
Nehmen
die Treppen nie ein Ende?
Hallo, hat jeder
eine Eintrittskarte?
Eintrittskarte?
Sie befinden sich
im Moment in einer deutschen
Kultureinrichtung, auf den Treppen
aufwärts zum "Giebelsaal" der
Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg an
der Weser in Deutschland; sollten sie
behindert sein, ist Ihnen anheim
gestellt, um Assistenz nachzusuchen!
Eintrittskarten waren im Vorverkauf unter
anderem im Stadtbüro der Lokalzeitung
DIE HARKE erhältlich ...
Angesichts besonderer Umstände sind
Passagiere des afrikanischen
TAZARA-Expresses von der
Eintrittskartenpflicht ausgenommen ...
(Verwaltungs-Notiz für den Spielleiter:
Kompensation in Rechnung stellen beim
Afrika-Referat des Bundesministeriums
für wirtschaftliche Zusammenarbeit in
Berlin / Deutschland! ... Oder wer ist
zuständig? Die Europäische Union? Die
Vereinten Nationen? Klären!).
Sie sollen alle drei da sein! Die
Friedensnobelpreisträger Albert
Schweitzer, Henry Kissinger, Kofi Annan
...
Obwohl, unser Afrikaner hat den seinen ja
2001 teilen müssen mit seiner
Organisation, den Vereinten Nationen ...
... wie Kissinger, 1973 mit dem
Nordvietnamesen Lê Ðúc Tho der
den Preis jedoch ablehnte, da der
Vietnamkrieg zu dieser Zeit noch
andauerte.
... und der Nobelpreisträger von 1952
spielt zur Begrüssung eine Bach-Fuge!
Herr Möllenkamp,
Sie erinnern sich an das Klavier an der
Wand, gleich rechts vom Eingang in
Lambaréné? ...
Beeilen Sie sich, die anderen sind schon
die Treppen hoch! ... Dort übernimmt in
diesem Moment ...
SCHÜLER 1:
Die "ARBEITSGEMEINSCHAFT NOBLE
FRIEDENSPREISE" eine
Initiative von Schülern der
Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg an
der Weser begrüsst Sie, meine
Damen und Herren, zu einer Nachtsitzung
unter Einsatz von Multimedia-Anwendungen
hier im historischen
"Giebelsaal"!
SCHÜLER 2:
Die Albert-Schweitzer-Schule Nienburg ist
eine der ältesten Lehranstalten im
niedersächsischen Raum. Im Zuge der von
Graf Jobst II von Hoya im Jahre 1525
durchgeführten Reformation der Kirche
wurde auch ein Schulwesen entwickelt.
Dies geschah wahrscheinlich unter dem
Einfluss seiner gesellschaftlich
aufgeklärten Ehefrau Anna von Gleichen.
Es ist zu vermuten, dass die Schule ihre
Anfänge auch um 1525 hat. Denn in diesem
Jahr hat Martin Luther ein Sendschreiben
an alle deutschen Städte gerichtet, in
dem er die Einrichtung eines
"christlichen Schulwesens"
forderte. Die älteste urkundliche
Erwähnung findet die Schule 1541 in
Kirchendokumenten: Der Kantor liess zum
ersten Mal seine Schüler in der
Nienburger Kirche St. Martin singen ...
Im Herbst des Jahres 2000 feierte die
Schule ihren 150. Geburtstag als
staatliches Gymnasium sowie ihr
475-jähriges Bestehen ...
SCHÜLER 3:
Dieser "Giebelsaal" hier wird
nicht nur als Schul-Aula genutzt, sondern
auch für öffentliche Veranstaltungen
der Stadt Nienburg, zum Beispiel für die
jährlich stattfindenden
"Meisterkonzerte" ... heute
abend erleben Sie als Bach-Solisten: Dr.
Albert Schweitzer!
Was Sie im Moment hören, kommt
allerdings von einer Schallplatte ...
Tatsache ist, dass Albert Schweitzer im
aktuellen Schulleben schon lange keine
Rolle mehr gespielt hat. Es gibt keine
schulische Arbeitsgemeinschaft, die sich
um ihn oder um seine Arbeit in Afrika
gekümmert hätte.
Dass heute abend Albert Schweitzer im
Mittelpunkt der Präsentation einer
Arbeitsgemeinschaft von Schülern steht,
ist der Anfrage zu verdanken, ob der
Bahnhof Nienburgs kurzfristig nach
Afrika, oder der afrikanische
TAZARA-Express auf die Gleise des
Bahnhofs in Nienburg zu versetzen sei. In
jedem Fall sollte es zu einer Begegnung
von TAZARA-Reisenden mit Schülern
unserer Albert-Schweitzer-Schule kommen.
Die Schüler-Vertretung hat für eine
dritte Alternative optiert: für die Zeit
unserer Präsentation sei der historische
Teil der Albert-Schweitzer-Schule
Nienburgs nach Afrika zu transportieren
...
SCHÜLER 1:
Nach seinem Arbeitsalltag im Hospital in
Lambaréné spielte Albert Schweitzer auf
einem extra für ihn gebauten
tropenfesten Klavier mit Orgelpedal. Er
übte damit auch für seine
Schallplatteneinspielungen mit Werken
Johann Sebastian Bachs und für die
Orgelkonzerte, deren Erlös seiner
karitativen Arbeit zugute kam.
Angeregt von seinem Orgellehrer, brachte
Albert Schweitzer eine komplette
Notenausgabe für Bachs Orgelwerke
heraus, und er veröffentlichte 1908 eine
Bach-Monographie, die in
musikästhetischer Hinsicht nach wie vor
als Standardwerk gilt ...
SCHÜLER 2:
... Bachs "Kunst der Fuge" ist
ein von Legenden umranktes Spätwerk des
großen Leipziger Thomaskantors. Nach
seiner Veröffentlichung in Bachs
Todesjahr 1750 in Vergessenheit geraten,
wurde es in der zweiten Hälfte des
vergangenen Jahrhunderts einem weltweiten
Publikum wieder nahegebracht, als ein
Buchautor auf die Idee kam, den Namen des
Komponisten und Musiktheoretikers Bach
mit zwei ganz anderen Bereichen
menschlichen Denkens und Fühlens zu
verbinden mit der Mathematik von
Kurt Gödel und mit der Malerei von
Marits Cornelis Escher ...
SCHÜLER 3:
... Alle drei haben es in ihren
jeweiligen Bereichen geschafft, den
menschlichen Sinn zu täuschen, etwas zu
schaffen, das sich von einem Anfang
weiterentwickelt, um genau an diesem
Anfang wieder anzukommen Bewegung
in einer endlosen Schleife.
Beim Maler Escher zum Beispiel sehen wir
Gegenstände oder architektonische
Bauten, die auf den ersten Blick völlig
natürlich zu sein scheinen, auf den
zweiten aber in ihrer Konstruktion
unmöglich sind ...
Wir sprechen hier nicht von der
eigentlich unmöglichen Versetzung
unseres Schulgebäudes an den Bahnsteig
einer afrikanischen Eisenbahnstation, das
scheint wie Ihre und unsere
Anwesenheit an diesem Ort beweist
dem Leiter dieses TAZARA-Spiels durchaus
möglich zu sein ...
Wir sprechen von Eschers Darstellung
perspektivischer Unmöglichkeiten,
optischer Täuschungen und multistabiler
Wahrnehmungsphänomene ...
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:
So zeigt sein Bild "Wasserfall"
einen Wasserlauf, der sich vom Betrachter
fortbewegt, dann links fliesst, als ein
Wasserfall nach unten fällt und dabei
wieder an seinen eigenen Anfang
anschliesst. Was im zweidimensionalen
Bild ohne weiteres zu funktionieren
scheint, wäre in der Realität schlicht
unmöglich, da das Wasser hierzu den Berg
hinauffliessen müsste. Sein Bild
"Treppauf Treppab" zeigt eine
auf ähnliche Weise konstruierte
viereckige, endlose Treppe ...
SCHÜLER 3:
... Es ist, wohlgemerkt, kein Abbild der
Treppe hier herauf zu unserem
"Giebelsaal"!
SCHÜLER 2:
Als Physiker und Informatiker untersuchte
der schon erwähnte Bestseller-Autor
unter Bezug auf die "endlosen
Schleifen" bei Gödel, Escher und
Bach die Frage, wie aus relativ
einfachen, "dummen"
Bestandteilen wie beispielsweise
den Neutronen des menschlichen Gehirns
intelligente Systeme mit der
Fähigkeit zur Selbstreflexion entstehen
können ...
Der Autor, Douglas Richard Hofstadter,
ist selber sozusagen nobles Material: Er
kam 1945 als Sohn des
Physik-Nobelpreisträgers Robert
Hofstadter zur Welt, und seit den 1980er
Jahren ist er einer der Vertreter jener
wissenschaftlichen Richtung, die sehr
weitgehende Erwartungen an das Fachgebiet
der "Künstlichen Intelligenz"
knüpfen.
(Verwaltungs-Notiz
für den Spielleiter: Den Namen
Hofstadter notieren! Mitverantwortlich
für die drohende Abschaffung des Rades?
Klären!)
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:
"GÖDEL, ESCHER, BACH. EIN
ENDLOS GEFLOCHTENES BAND"
(Douglas R.
Hofstadter, übersetzt von Hainer Kober,
Hermann Feuersee und Philipp
Wolff-Windegg, mit einem Vorwort von Gero
von Randow, Klett-Cotta, 2006, 17.
Auflage)
... Worum geht es? Nicht allein um
Mathematik, nicht nur um Logik, schon gar
nicht nur um Musik oder Kunst. Das Buch
ist ein Werk, das viele verschiedene
Gebiete behandelt, nicht bloss im
Vorübergehen streift, sondern aus vielen
verschiedenen Wissenschaftsbereichen
Erkenntnisse sammelt und dabei versucht,
eine der wichtigsten Fragen zu
beantworten: Wie entsteht das Ich, das
Selbst? Wie kann sich Bewusstsein aus
einem unbewussten Stoff entwickeln?
Welches Gebilde ist das "Ich"
und wie konnte es sich aus Materie
entwickeln? ...
(Maria-Bernadette
Ehrenhuber zur Neuauflage des Buches)
Kategorien: DDR-Witze und Ossiwitze
In der Straßenbahn liest ein Musiker
eine Partitur. Ein Staatsschützer hält
das Notenblatt für Geheimschrift und
verhaftet den Musiker unter
Spionageverdacht, obwohl der versichert,
das sei eine Fuge von Bach. Der
Verhaftete wird am nächsten Tag einem
Kommissar vorgeführt, der ihn anschreit:
"Also raus mit der Sprache! Sie
könnens ruhig sagen, Bach hat
schon gestanden!"
SCHÜLER 1:
Heute abend bei uns im
"Giebelsaal" der
Albert-Schweitzer-Schule zu Nienburg an
der Weser erleben Sie:
SCHWEITZER, KISSINGER, ANNAN
EIN ENDLOS GEFLOCHTENES BAND
... Worum geht es? Nicht allein um
Caritas, nicht nur um Diplomatie, schon
gar nicht nur um Krieg oder Frieden.
Unsere Arbeitsgemeinschaft behandelt
heute abend viele verschiedene Gebiete
nicht bloss im Vorübergehen, sondern sie
sammelt aus vielen verschiedenen
Wissenschaftsbereichen Erkenntnisse und
versucht dabei, einige der wichtigsten
Fragen zu beantworten:
· Wie hat sich das
Bewusstsein von
Friedensnobelpreisträgern entwickelt?
· Aus welcher Materie
ist es entstanden?
· Wie entstand das Ich
von Albert Schweitzer, von Henry
Kissinger, von Kofi Annan?
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:

Albert Schweitzer war ein bekannter
Orgelspieler, Musikwissenschaftler,
Theoretiker des Orgelbaus und einer der
für das zwanzigste Jahrhundert
stilbildenden Interpreten der Musik
Johann Sebastian Bachs.
SCHÜLER 2:
Doch dafür erhielt er nicht den
Nobel-Preis!
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:
In
der Quintessenz seines philosophischen
Denkens ging Schweitzer davon aus, dass
sich Menschen beim Nachdenken über sich
selbst und über ihre Grenzen
wechselseitig als Brüder erkennen, die
über sich selbst und ihre Grenzen
nachdenken. Im Zuge des
Zivilisationsprozesses werde die
Solidarität, die ursprünglich nur auf
den eigenen Stamm bezogen war, nach und
nach auf alle, auch unbekannte Menschen
übertragen. Zentral für seine Ethik der
"Ehrfurcht vor dem Leben" ist
der Satz: "Ich bin Leben, das leben
will, inmitten von Leben, das leben
will."
SCHÜLER 1:
Doch dafür erhielt er nicht den
Nobel-Preis!
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:

Trotz aller Ängste vor anderen
militärischen Mächten forderte
Schweitzer aus elementarer Angst vor dem
Geist der Unmenschlichkeit eine
einseitige Abrüstung. Obwohl die
Menschlichkeit doch das eigentliche Wesen
der Menschheit sei, sei die resignierte
Vernunft zu befangen und erkenne nicht,
dass Vernichtungskriege in keinem
Verhältnis zu den Problemen stünden,
die mit ihnen gelöst werden sollten. Nur
mit dem Mut der Lehre der Ehrfurcht vor
dem Leben könne der Massenvernichtung
vielleicht begegnet werden, ohne diesen
Mut habe die Menschheit gar keine Chance.
Sie müsse die Hoffnung und das
Pflichtgefühl entwickeln, dass die
Öffentlichkeit die Verantwortung über
Krieg und Frieden übernehmen könne, und
sie müsse die Idee einer weltbejahenden
Kultur entwerfen, die Kriege gegen Mensch
und Kreatur unmöglich mache.
SCHÜLER 2:
Doch dafür erhielt er nicht den
Nobel-Preis!
Den Friedensnobelpreis erhielt Albert
Schweitzer, weil er dank der Wirksamkeit
neuer, weltweit wahrgenommener Medien als
der "gute Doktor von
Lambaréné" bekannt wurde.
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:
... wie viele seiner Zeitgenossen war
Schweitzer nach wie vor von der
kulturellen Höherentwicklung Europas
überzeugt. Er hatte ein zwiespältiges
Verhältnis zum Kolonialismus, an dem er
einerseits die inhumane Vorgehensweise
kritisierte, von der er sich mit dem
Begriff der "Brüderlichkeit"
abgrenzte, dessen Ideologie er aber
andererseits so stark verinnerlicht
hatte, dass er Schwarze als primitive
Menschenkinder betrachtete, die nicht
ausgerottet oder kolonial, sondern
ordentlich nach christlichen Grundsätzen
geführt und angeleitet werden sollten.
Die primitiven Lebensbedingungen in
Lambaréné entsprachen diesem Bild von
Primitiven, das wegen der Verehrung
Schweitzers durch die europäische und
amerikanische Öffentlichkeit verstärkt
wurde, die seine bevormundende Güte mit
Spenden honorierte, auf die er ja
angewiesen war. Er musste seine
Aktivitäten den Erwartungen anpassen,
und je mehr sie diesen Erwartungen
entsprachen, desto höher waren die
Spenden, die zu einem großen Teil in den
Ausbau des "village de lumiere"
zur Entsprechung der Vorstellungen
gesteckt wurden, auf denen die konkreten
Erwartungen der teilnehmenden
Öffentlichkeit gründeten.
ORIGINALE SCHWEITZER-ZITATE:
1. Für den Primitiven hat die
Solidarität enggezogene Grenzen. Sie
beschränkt sich auf seine
Blutsverwandten im engeren Sinne, das
heißt, auf die Mitglieder seines
Stammes, die für ihn die Familie im
Großen repräsentieren. Ich spreche aus
Erfahrung. In meinem Spital habe ich
solche Primitiven. Wenn ich einem nicht
bettlägrigen Patienten aus dieser Gruppe
kleine Dienste für einen Kranken
auftrage, der das Bett hüten muss, wird
er es nur dann tun, wenn dieser des
gleichen Stammes ist wie er. Ist dies
nicht der Fall, wird er mir treuherzig
antworten: "Dieser ist nicht Bruder
von mir." Weder durch Belohnung noch
durch Drohung wird er sich bewogen
fühlen, diesem Fremden einen Dienst zu
leisten.
(Albert Schweitzer:
Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben,
aus: Siegwart Horst Günther, Gerald
Götting: Was heißt Ehrfurcht vor dem
Leben? Begegnung mit Albert Schweitzer,
neues leben, 2005)
2. Der Schwarze arbeitet unter Umständen
sehr gut, aber er arbeitet nur so viel,
wie es die Umstände von ihm verlangen.
Er ist immer nur Gelegenheitsarbeiter.
(Albert Schweitzer,
Text geschrieben und gesprochen von
Albert Schweitzer, Film, Regie: Jerome
Hill, 1957)
SCHÜLER 3:
Wir wollen nicht mehr übersehen, dass im
Kern der eigentlichen Tätigkeit von
Albert Schweitzer, seiner Arbeit im
Urwaldhospital Lambaréné, von dem
französischen Tropenmediziner André
Audoynaud im Jahr 2005 ernstzunehmende,
professionelle Kritik geübt wurde.
Audoynaud war von 1963 66
ärztlicher Direktor des benachbarten
französischen Hôpital administratif:
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:

Schweitzer habe seine Aufbauleistung
übertrieben, denn Lambaréné sei
keinesfalls weltabgelegen und
unzivilisiert gewesen, sondern sogar ans
Telefonnetz angeschlossen gewesen. Eine
medizinische Versorgung habe es schon vor
seiner Ankunft gegeben, 1928 wurde sogar
ein französisches Krankenhaus eröffnet
und 1953 erweitert.
Ausserdem soll er sein Spital
selbstherrlich geführt haben; Audoynaud
behauptet sogar, der damals fast 90 Jahre
alte Schweitzer habe Farbige aus einer
rassistischen Gesinnung heraus selbst
körperlich drangsaliert. Ärztliche
Behandlungen mussten mit Geld oder mit
der Arbeitskraft von Verwandten bezahlt
werden, die als Farbige nur für niedere
Arbeiten und nicht für gehobenere
pflegerische Dienste eingesetzt und durch
die Verzögerung von
Patientenentlassungen ungebührlich lange
ausgenutzt wurden.
Trotz hoher Geldspenden liess Schweitzer
sein Krankenhaus weder mit Elektrizität,
Kanalisation, Duschen noch WCs
ausstatten. Das einzige WC war Weißen
vorbehalten, Küchen- und andere
Abwässer flossen offen durchs Lager,
stehendes Gewässer, Brutstätte für
Krankheitserreger, soll er auf seinem
Gelände toleriert, sich für das Leben
von Flughunden, die Tollwut übertragen,
eingesetzt und Holzschutzmittel für die
Baracken trotz Termitenbefall untersagt
haben.
Statt wie die französischen Mediziner
Krankheiten durch Präventionsmaßnahmen
wie Impfungen, Ernährungsberatung und
Trockenlegung stehender Gewässer
vorzubeugen, hätte Schweitzer blind ein
europäisches Modell der
Krankenversorgung auf die Verhältnisse
Afrikas übertragen und nur
Symptomkuriererei betrieben. Eine
Zusammenarbeit mit Einrichtungen vor Ort
hätte der sehr zurückgezogen lebende
und an Land und Leuten desinteressierte
Schweitzer abgelehnt, obwohl die meisten,
der Weltöffentlichkeit in seinem
fotogenen "village de lumiere"
vorgeführten Leprapatienten gesund
gewesen seien, weil sie zur Hälfte im
"Hôpital administratif"
geheilt worden waren.
Kurzum: Schweitzer sei dem 19.
Jahrhundert verhaftet gewesen, im Grunde
nie richtig in Afrika angekommen, habe
trotz hoher Geldspenden und weisser
Fachkräfte ein kümmerliches Ergebnis
erzielt und sich überdies sehr
medienwirksam mit fremden Federn
geschmückt.
SCHÜLER 1:
Albert Schweitzer laut
"Schulweb" Namensgeber für
inzwischen weit mehr als fünfzig Schulen
im deutschsprachigen Raum ...
... Wir in Nienburg an der Weser waren
die ersten, die seinen Namen trugen, und
wir sind auch die ersten bei dem Versuch,
herauszufinden, wie sich das Bewusstsein
unseres Namenspatrons entwickelte, und
aus welcher Materie heraus das
"Ich" von Albert Schweitzer
entstand ...
MULTIMEDIA-ANWENDUNG:

Herzlich willkommen in der AG
Journalismus! Jeden Mittwoch in der
siebten und achten Stunde treffen wir
Schülerinnen und Schüler der Stufen 10
bis 13 uns in Raum 112 und haben nichts
anderes im Sinn als das Schreiben ...
Hier kann jeder mitmachen, der gerne
wissen und ausprobieren möchte, was es
auf sich hat mit bestellten Texten,
automatischem Schreiben, Radio, Riech-,
Hör- und Klopftexten, Problemfällen,
Zettellawinen, Phantasiereisen ...
SCHÜLER 2:
... für unsere Gäste aus dem
afrikanischen TAZARA-Express haben wir
uns gerne auf eine Phantasiereise
eingelassen, und als
"ARBEITSGEMEINSCHAFT NOBLE
FRIEDENSPREISE" haben wir unter
anderem herausgefunden, dass Albert
Schweitzer vierundvierzig Jahre alt war,
als seine nationale Zugehörigkeit in
einem Eisenbahnwaggon entschieden wurde
...
REPLAY bitte!
... Eine triste Waldlandschaft mit
laublosen Bäumen. Ein Schienenstrang
führt in die Mitte des Bildes. Weit im
Hintergrund treffen sich zwei Züge. Vom
linken sieht man das Ende, offenbar
geparkt in einer langen Linkskurve des
Gleises, vom rechten sehen wir den Kopf
mit einer Dampflokomotive; er muss kurz
vor einer Weiche gestoppt haben, die auf
das Hauptgleis führt ...
Was wir tatsächlich sehen, ist eine
Weichenstellung der Weltgeschichte ...
Wir sehen den Rahmen, in dem im Wald von
Compiègne am 11. November 1918 der
Waffenstillstand geschlossen wurde, der
den Ersten Weltkrieg beendete ...
SCHÜLER 2:
... Seine elsässische Heimat war 1918
als Folge des Ersten Weltkrieges vom
Deutschen Reich getrennt und von
Frankreich annektiert worden. Damit
erhielt er die französische
Staatsangehörigkeit. Er selbst
bezeichnete sich jedoch gern als
Elsässer und "Weltbürger",
das Deutsche und das Französische
beherrschte er gleichermassen gut.
Die kritische Auseinandersetzung mit der
gerade in Frankreich populär gewordenen
Existenzphilosophie beschäftigte Albert
Schweitzer noch in seinen letzten
Lebensjahren, wohl auch, weil ihn mit
Frankreich Jean-Paul Sartre verband, der
war Sohn seiner Cousine Anne-Marie ...
Halt! Den hatten
wir doch schon mal! ...
Wo ist Genosse Trotzki? Etwa im Zug
geblieben?
Hatte er nicht von diesem französischen
Philosophen einen Rat erhalten?
"Hier bin ich! So gerne ich immer
mit der Eisenbahn gefahren bin, die
Neugier war doch stets grösser auf das
Ziel, auch wenn es sich immer bloss als
Zwischenstation herausstellte wie
dieses deutsche Schulgebäude am Rande
eines Bahnsteiges in afrikanischer Nacht
...
Ich dachte, hier seien wir den
Lautsprecherstimmen für einen Moment
entronnen, sie seien endlich
zurückgeblieben im Zug ...
Nun, Genosse
Trotzki, hatten Sie uns nicht selbst von
der äusserst effektiven Kommunkation in
Ihrem gepanzerten Revolutionszug
berichtet? ... REPLAY bitte!
... Der Zug war stets darüber
orientiert, was in der Welt vorging.
Darüberhinaus waren die Waggons
miteinander durch Innentelefone und
Signalvorrichtungen verbunden ...
Und Sie glauben,
wir seien da weniger gut ausgerüstet?
Sie wissen doch, dass wir Spezialwaggons
mitziehen, einige sind rostrot, einige
werden sich noch in anderen Farben und
Formen vorstellen, angehängt oder
abgehängt als Fahrzeuge zwischen Punkten
der Geschichte. Stellen Sie sich die
Schule, in der Sie sich gerade befinden,
als einen Spezialwaggon unseres Zuges
vor. Und natürlich ist der mit unserer
Zentrale vernetzt. Sie wissen doch,
Genosse Trotzki: "Vertrauen ist gut,
Kontrolle ist besser" ein
Zitat Ihres Genossen Lenin! ...
Aber wir fragten Sie nach Sartre ...
"Ja Sartre hatte mir geraten,
Frantz Fanon zu lesen, "Die
Verdammten dieser Erde". Ich warte
noch darauf, dass er irgendwann zusteigt
war das nicht von Ihrem
Zug-Regisseur, von diesem Herrn André
Dunkler, angekündigt worden?
Und befindet der sich nicht, wie er
sagte, auf der Suche nach afrikanischen
Zirkusartisten?
Was meinte er eigentlich damit? ...
Sorry, diese
Selektion ist noch lange nicht dran! Wir
unterbrachen unsere Gastgeber im
"Giebelsaal" der Nienburger
Albert-Schweitzer-Schule ...
SCHÜLER 2:
... Darf ich jetzt weitermachen?
Wir bitten darum!
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