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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009

Pazifik-Atlantik-Bahnverbindung, 10. Mai 1889promontory-point-utah

KAPITEL 10  



Genosse Trotzki, unser deutscher Gymnasiast hier mit seiner klassisch-humanistischen Bildung hat die Erkenntnisse aus jenem schicksalhaften Zug erst als älterer Herr literarisch aufbereitet. Da hatte die Sonne dem „Ikarus“ die Flügel längst versengt ...
Emiljewitsch, bleiben Sie doch noch, wir wollen später noch die eine oder andere Schnurre von Ihrer Begegnung mit Lenin bei der „Fahrt in die Revolution“ hören ...
Seinerzeit konnten Sie nicht ahnen, daß der Zug vierzig Millionen Goldmark an Bord nehmen würde — beim Aufenthalt in Berlin, so heisst es — vielleicht aber schon auf dem Rastatter Nebengleis? Aus jenem ominösen Hofzug? Vielleicht waren deshalb die Waggons noch nicht plombiert? Und die Insassen erwarteten einen Geldkurier, keinen abenteuerlustigen deutschen Gymnasiasten? …
Das Geld habe aus der Kasse des Deutschen Reiches gestammt, behaupten Zeitgeschichtler. Es habe die bolschewistische Revolution vorantreiben sollen, in der Hoffnung, nach dem Umsturz in Russland würde es zu einem Separatfrieden kommen ... Unzweifelhaft ist allerdings, daß Lenins Rückkehr nach Russland dank deutscher Weichenstellung stattfand.


„Aber, es war nicht Lenin, der in Russland für die blutige Niederschlagung von Bauernaufständen verantwortlich war — sondern dieser Herr hier! Und was war mit den Kronstätter Matrosen? ... Sie waren 1921 Oberster Heerführer, Sie haben doch den Aufstand jener Matrosen niederschlagen lassen, die einst Kerntruppe Ihrer Oktoberrevolution waren, in der Festung Kronstadt vor Petersburg! ...”
„Petrograd, Mr. Rockefeller ... wir nannten es Petrograd! ... Ansonsten wissen Sie erstaunlich gut Bescheid! ...
Ich werde gleich auf meine Verantwortung bei den Aufständen von Bauern und Matrosen während der sowjetischen Revolutionsjahre eingehen. Zuvor möchte ich aber doch gerne vermitteln, wie gut ich Bescheid weiss, nach meiner Zeit als Reporter einer kommunistischen Zeitung an der Ostseite der New Yorker City ...
... Ich war ein wissbegieriger Besucher in Ihren öffentlichen Bibliotheken, ich las alles, was mir unter die Augen kam, vor allem, wenn es mit der Organisierung des amerikanischen Wirtschaftssystems und dessen Auswirkungen auf das Leben der abhängig Beschäftigten zu tun hatte ... da wäre es schwer gewesen, nicht dem Namen Rockefeller zu begegnen!
Ich will erzählen, was ich mir seinerzeit notierte ...

Ihr Vater, Mr. Rockefeller, führte seit 1859 mit seinem Partner Clark eine erfolgreiche Handelsfirma in Cleveland. Hauptprodukte waren Getreide und Fleisch. 1862 sah er seine Chance im boomenden Ölraffinerie-Business und gründete die Firma Andrews, Clark & Company, die einen rapiden Expansionskurs einschlug. Um schneller wachsen zu können, zahlte er schon 1865 seine Partner aus und investierte alle Profite und Kredite in den weiteren Ausbau.
Mit Hilfe seines Bruders William, der später eine steile Karriere als Bankier machte, und seinem lebenslangen Geschäftspartner Henry Flagler gründete er dann 1867 die Firma Rockefeller, Andrews & Flagler, die schon im folgenden Jahr zu den grössten Raffinerien der Welt zählte ...”

— tazara — tazara — tazara ...

... und auch in der Geschichte des Rockefeller-Imperiums spielte die Eisenbahn eine gewichtige Rolle.

REGIE!

Wir blenden gleich das Bild ein, meine Herren, bei der nächsten Tunnel-Durchfahrt — nicht in Öl gemalt, sondern ein historisches Schwarz-Weiss-Foto, aufgenommen am 10. Mai 1889, in Promontory Point im U.S.-Bundesstaat Utah.


— tazara — tazara — tazara ...

ACHTUNG TUNNEL! ... PROJEKTION!

35 Links mit breitem, trichterförmigem Schornstein sehen wir die eine Dampflok — sie kam aus Sacramento ... Rechts mit schmal aufragender, eleganter Esse, sehen wir die andere Dampflok — sie kam aus Omaha ...
Die pazifische und die atlantische Küste der Vereinigten Staaten von Amerika waren an diesem Tag zum ersten Mal durch eine transkontinentale Eisenbahnlinie verbunden ... zwei Honoratioren prosten sich mit Sekt zu, zwei andere reichen sich die Hände, und zwischen beiden Loks etwa hundert Arbeiter, für die an diesem Tag der Fotograf von der United Pacific Railroad und seine Kamera wohl die grössere Attraktion gewesen sein dürfte ...
Der Staat unterstützte den Eisenbahnbau dadurch, daß er für jedes verlegte Streckenstück einen entsprechenden Zuschuss gewährte und ausserdem den Bahngesellschaften Land entlang der Bahnlinie schenkte ... so heisst es in der offiziellen geschichtlichen Darstellung ...

REGIE! ACHTUNG FILM AB!


„SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD”!
Originaltitel: „C'era una volta il Wes”"
Italien/U.S.A., 1968
Regie: Sergio Leone
Musik: Ennio Morricone
Film-Länge: 164 Min.

... Eine Bahnstation, irgendwo im Wilden Westen: Drei Männer in langen Mänteln warten auf einen Fahrgast. Ein Mann mit einer Mundharmonika (Charles Bronson) steigt aus, wechselt ein paar Worte mit dem Trio und erschießt sie dann — alle ....
An einem anderen Ort im Westen wartet gerade der Farmer Brett McBain (Frank Wolff) darauf, daß seine Frau Jill (Claudia Cardinale) eintrifft — die beiden haben erst vor kurzem in New Orleans heimlich geheiratet. Da tauchen auch bei McBain einige Männer mit langen Mänteln auf und bereiten der Existenz seiner gesamten Familie ein Ende ...
Die „Männer im Mantel” handeln im Auftrag des Unternehmers Morton (Gabriele Ferzetti). Der möchte noch bevor die Knochen-Tuberkulose ihn völlig zerfressen hat, eine Eisenbahnlinie bis an den Pazifik gebaut haben — McBain und seine Farm standen ihm im Weg ...


... Es gab also Anreize, so schnell und so viel wie möglich Streckengleise zu verlegen. So war es zu Beginn des Jahres 1869 dazu gekommen, daß zwei Gesellschaften nahezu parallele Gleise bauten, die einen von Ost nach West und die anderen von West nach Ost. Schliesslich einigten sie sich darauf, die beiden Strecken in den Hügeln am Grossen Salzsee in Utah zu verbinden.
Das wurde mit einem symbolischen goldenen Gleisnagel gefeiert.
Den sehen wir hier nicht im Bild, aber niemand scheint ihn geklaut zu haben, der Ort ist heute als Golden Spike National Historic Site ausgewiesen.
Eine Reise mit der Bahn zwischen New York und Sacramento dauerte übrigens rund siebeneinhalb Tage ...
Aber bitte, Genosse Trotzki, fahren Sie doch fort!


— tazara — tazara — tazara ...


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