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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
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— ratatazong — ratatazong — ratatazong ...

Meine Damen und Herren, liebe Zugreisende, aus gegebenem Anlass rollt der TAZARA-Express gerade über ein Gleis in Deutschland und in diesen Minuten in einen der ersten Kopfbahnhöfe, die es in Europa gab. Wenn Sie jetzt durch die Fenster schauen, was sehen Sie da?

— ratatazong — ratatazong — zong!

Hoffentlich nicht wieder Viehwaggons, sage ich!

Wo sind wir denn jetzt gelandet? Ein Bahnhof in einer Stadt mit einem Löwen im Wappen!

Wir Eisenbahn-Fans wissen Bescheid: Ältester Bahnhofsbau in Deutschland, errichtet 1845 im klassizistischen Stil durch den gleichen Architekten, der bloss sieben Jahre zuvor den ersten deutschen Bahnhof überhaupt an gleicher Stelle gebaut hatte, in neogotischem Stil. Musste abgerissen werden, niemand hatte mit einem so hohen Verkehrsaufkommen gerechnet.

Was steht da auf dem Schild?

BRAUNSCHWEIG

Willkommen in der Stadt an der Oker in Niedersachsen!

Braunschweigs Löwe ist die älteste erhaltene Großplastik des Mittelalters nördlich der Alpen, schon auf der Ebstorfer Weltkarte aus der Zeit um das Jahr 1300 ist er zu sehen.
Wie nicht anders zu erwarten, ist das Bronzetier Zeichen für Hoheit und Gerichtsbarkeit. Heinrich der Löwe, Herzog von Bayern und Sachsen, liess es 1166 aufstellen, hatte wahrscheinlich den Markuslöwen in Venedig gesehen, als er mit Barbarossa an einem seiner Italienfeldzüge teilnahm.
Aber nicht deshalb sind wir hier … wir wollen einen Bekannten wiedertreffen!

Auf der Zeitschiene haben wir den 16. Juli 1890 erreicht. Auch der neue Bahnhof des Braunschweigischen Hofbaurates Carl Theodor Ottmer platzt aus allen Nähten. In der Bahnhofshalle gibt es inzwischen mehr Gleise, aber an diesem Sommertag ist das Gedränge besonders heftig. Per Sonderzug sind dreissig Eisenbahnwagen mit der ungewöhnlichsten Fracht angekommen, die der Braunschweiger Löwe je gesehen hat.
Wir übergeben an den Spezialisten für dieses mobile Genre, an unseren Zugregisseur — bitte, Herr André Dunkler …


„Was wäre der internationale Zirkus ohne Eisenbahn? ...
Ich habe mich ja auch schon erkundigt, was es kosten wird, meinen Afrika-Zirkus durch Europa zu transportieren.“

Bitte, Herr Dunkler, Mittwoch, 16. Juli 1890, Bahnhof Braunschweig … ?

„Nun, da drüben stehen nur noch leere Eisenbahnwaggons. Aber Plakate auf den Waggontüren zeigen in einem Kranz von Indianer-Porträts das Profil eines Präriereiters mit Trapperhut und Knebelbart sowie das Thema seiner Show:

BUFFALO BILL’S WILD WEST

Der Tross ist schon zum Leonardplatz gezogen — Hunderte von Indianern, Cowboys, Pferde, Büffel ...
Der Braunschweiger Stadtanzeiger meldet, für heute seien 13.634 Karten verkauft, für morgen 15.937 — 18.316 für den 18. Juli — 18.536 für den 19. Juli — 17.743 für den 20. Juli und 12.000 für den 21. Juli. Wir reden über fast hunderttausend Besucher in sechs Tagen! Die Massen strömen.
Alle Züge bringen hunderte von Menschen aus der Umgebung nach der Residenz. Die städtischen Verkehrsmittel, nach und von dem Leonardplatze, genügen bei Weitem nicht zur Beförderung der Menschenmenge.
Dabei steht der Auftritt in dieser Stadt nicht unter einem guten Stern. Die Zeitung hatte schon gestern vermeldet:
Ein Mitglied der Buffalo Bill-Kompagnie hat das Unglück betroffen, vor Vechelde aus dem Zuge zu stürzen und es sind ihm beide Beine und ein Arm abgefahren.
Das Braunschweiger Unterhaltungsblatt schreibt von einer völligen Zermalmung und hat in Erfahrung gebracht, daß es sich um einen Sioux-Indianer handelt. Heute heisst es in der Todesnachricht:
Der Indianer, welcher gestern aus dem Extrazuge fiel, ist seinen schweren Verletzungen erlegen.


Lassen Sie bloss keinen Afrikaner auf die Schienen fallen, Herr Dunkler, sobald Sie beginnen, Ihre Artisten durch Europa zu karren ...
Knebelbart William Frederick Cody alias Buffalo Bill liess seinen Sioux-Indianer unter grosser Anteilnahme der Braunschweiger Bevölkerung auf dem Zentralfriedhof begraben.
Wir erinnern uns: Ihr Animationskollege war zuletzt im Jahr 1867 bei der Bisonjagd gesichtet worden.
Wie kam er in’s Show-Geschäft?


„Von 1868 bis 1872 beschäftigte ihn die U.S.-Armee als Kundschafter.
Und dann schlug das Schicksal in Gestalt des New Yorker Journalisten Ned Buntline zu. Der war auf der Suche nach vermarktbaren Geschichten aus dem wirklichen Leben, sozusagen ein früher Erfinder des Dokusoap-Genre. Nach einer Begegnung mit Cody begann er, in Theaterstücken und Groschenheften ‚Buffalo-Bill‘ zu verherrlichen und zu glorifizieren, masslos übertrieben, klischeehaft verklärt.
Cody, der sich 1872 bereits Künstlergruppen angeschlossen hatte und in den Stücken von Ned Buntline aufgetreten war, erkannte seine wirtschaftliche Chance, trennte sich von Buntline und gründete 1883 seine eigene Buffalo Bill's Wild West Show, die aber dem unrealistischen Stil der Veröffentlichungen von Net Buntline nicht entkam.


Ein Zeitzeuge des Stadtanzeigers in Braunschweig berichtet:
Wie ein Ungewitter war zu Anfang die ganze Reitertruppe hervorgebrochen, hatte die Arena ihrer ganzen Länge nach durchsprengt und war dann vor der Tribüne stehen geblieben, dem Zuschauer Zeit lassend, das Gesamtbild zu bewundern. Buntfarbige Gestalten mit blauen Mänteln oder grünen Umhüllungen, geringelte Malereien an verschiedenen Körperteilen, einfache Haartrachten in primitiven Knoten oder hochaufstrebende Adlerflügel über dem Haupte, die einen auf gesattelten Pferden, die anderen auf ungesattelten — das Alles bot ein farbenprächtiges, wildromantisches Bild.
Und dann kommt er endlich eingeritten, der berühmte Büffeljäger höchstselbst:
Buffalo Bill ist kein Jüngling mehr, aber unter dem grauen Seidenhaare leuchtet ein feuriger Blick ... Wie aus Erz gegossen sitzt er auf seinem Pferde, dessen heftigste Gangart ihm nicht die kleinste unwillkürliche Bewegung abnötigt; es ist, als ob Reiter und Roß aus einem Stücke wären.
Der Rezensent staunt Bauklötze:
Das Schützenstückchen, vom galoppierenden Pferde aus drei gleichzeitig in die Luft geworfene Kugeln mit blitzschnell einander folgenden Schüssen zu zerschmettern, wird ihm kein Kunstschütze nachmachen.
Auf die Kinder üben vor allem die Indianer eine magische Anziehungskraft aus.
Eine gewisse Scheu lässt die Kinder indes nicht gar zu nahe an die Fremdlinge herankommen. Und wenn sie sich hastig umdrehen, so stiebt die kleine Schar weit auseinander, notiert der Stadtanzeiger.
Die Zeltstadt sei ebenso schnell verschwunden wie sie entstanden sei, heisst es am 22. Juli. Und weiter:
Die Truppe ist sehr zufrieden mit ihrem Aufenthalt in dieser Stadt; namentlich wurde allseitig anerkannt, daß man bisher einen so vorzüglichen Platz für die Vorführungen wie den Leonhardplatz nirgends gefunden hat.
Die Zeitung erkennt, daß Buffalo Bill nicht nur gut ist für‘s Stadtmarketing, sondern auch Geld in die Kassen spült:
Wenn man annimmt, daß die Gesellschaft hier etwa 30 000 Mark ließ, daß von fremden Besuchern hier mindestens 150 000 Mark ausgegeben sind, so ergiebt das ein Sümmchen, das auch noch in einer ,Hunderttausendstadt’ zu Buche schlägt.
Das Braunschweiger Unterhaltungsblatt analysiert die Faszination:
Uns Deutschen ist der Wilde Westen Amerika’s nichts weniger als fremd. Wer hat nicht seiner Zeit die Phantasie, wenn nicht durch die Cooper’schen Romane so doch durch die Gerstäcker’schen Erzählungen in Spannung versetzt! Daher der große Andrang des schaulustigen Publikums.



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