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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009















Der animierte Ronald Biggs wikipedia
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Sie sind ein hervorragender Stichwortgeber, Mr, Rhodes, in diesem Fall für einen der bekanntesten Gauner aller Zeiten, für Mr. Ronald Arthur Biggs, später nur noch Ronnie Biggs genannt …
Seine Stunde schlug in der Nacht vom 7. auf den 8. August 1963 gegen drei Uhr in der Früh …


— tazara — tazaaaaaara — tazaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa ... stoppp

Bitte, schauen Sie alle hinaus, und werden Sie Zeuge eines historischen Unternehmens!
Wir befinden uns in England, dreissig Meilen nordwestlich von London, in der Grafschaft Buckinghamshire. Genauer: am Eisenbahn-Haltesignal Sears Crossing nahe der Ortschaft Cheddington.
Wir beobachten die Szene von einem Nebengleis …
Für den Mann, der uns gleich von dem Ereignis live berichten wird, beginnt zu dieser Stunde die Wende in einem bislang eher ereignislos verlaufenen Leben als Familienvater und als Freizeit-Ganove …


... „Und seit drei Stunden ist es mein vierunddreißigster Geburtstag! Danke für die Blumen!
Also, die Aufgabe meines Kumpels Roger Cordrey ist es, auf die Galerie da oben zu klettern. Sie reicht wie eine Brücke über die Gleise. Diese Galerie sieht so ähnlich aus wie die in dem Film „Ladykillers“, kennen Sie?
Von einer Galerie wie dieser hier wird in dem Film eine Leiche nach der anderen entsorgt.“ ...

Wir wollten eigentlich nicht noch in einen anderen Film …

„Aber den muss doch jeder Eisenbahn-Fan kennen! Der war doch erst vor acht Jahren im Kino, was haben wir gelacht!
Alec Guinness spielte den Chef der Ladykillers, den Prof. Marcus. Der plant einen Überfall auf einen Geldtransport.
Als Ausgangsbasis mietet er sich bei der gutmütigen Mrs. Wilberforce ein, ohne von deren gutem Verhältnis zur örtlichen Polizei zu wissen. In ihrem Häuschen, gleich hinter der Bahn, treffen sich die Mitglieder seiner Gang regelmäßig, um ihren Plan weiter auszuarbeiten. Die alte Lady lassen sie in dem Glauben, sie seien ein Kammerorchester, das sich zum Üben trifft — das ‚Menuett‘ von Boccherini wird allerdings nur vom Grammophon gespielt.
Der Überfall geht planmäßig über die Bühne, die ahnungslose Mrs. Wilberforce wird sogar unfreiwillige Helferin. Für ihre Kammerorchester-Herren holt sie mit tatkräftiger Unterstützung eines Polizisten die Beute aus der Gepäckaufbewahrung ab. Doch durch ein kleines Missgeschick kommt sie den Gangstern auf die Schliche. Sie ist empört und verlangt die Rückgabe des Geldes.
Klarer Fall für Prof. Marcus: Die Mitwisserin muss umgehend beseitigt werden. Das Problem dabei: Alle haben die alte Lady ins Herz geschlossen. Nicht einmal der eiskalte Louis mag sie umbringen, so daß das Los entscheiden muss. Doch dann kommt alles ganz anders.
Unter den Mitgliedern der Bande bricht ein Streit um die Beute aus. Nacheinander verunglücken alle Ganoven bei dem Versuch, sich allein mit der Beute davonzustehlen. Einer nach dem anderen wird hinter dem Häuschen von Mrs. Wilberforce von der Signal-Galerie auf einen vorbeifahrenden Kohlezug geworfen. Einzig Louis und Prof. Marcus verbleiben. Zwischen ihnen entbrennt ein Kampf auf Leben und Tod. Schliesslich muss auch Louis durchaus unfreiwillig mit dem Zug fahren, doch als der Professor ihm befriedigt nachschaut, senkt sich auf der Galerie das Signal und erschlägt ihn, als Letzter stürzt er hinunter auf einen davonrollenden Kohle-Waggon.
Mrs. Wilberforce, die nicht weiss, wohin die Männer verschwunden sind, will als ehrliche Haut die Beute an die Polizei zurückgeben. Doch der Inspektor lehnt die Rückgabe ab, da er der Geschichte der leicht verschrobenen Lady keinen Glauben schenkt. Somit ist am Schluss Mrs. Wilberforce die Eigentümerin der geraubten 60.000 Pfund.
Tränen haben wir gelacht.“ ...

Faszination Bankraub — mal als Thriller, mal als Tragödie, mal als Kommödie!
Als Sie 1955 Tränen lachten, Mr. Biggs, konnten Sie nicht ahnen, daß Sie und Ihre Gang mit Ihrem Coup einmal die Vorlage für drei Spielfilme liefern würden. Für einen schrieben Sie sogar das Drehbuch. Heute, am 8. August 1963 ahnen Sie es immer noch nicht.
Aber nun voran, Mr. Biggs, es ist gleich drei Uhr!
Sie waren dabei, uns zu schildern, was Ihr Kumpel Roger Cordrey da oben auf der Signalgalerie vorhat ...

„Also, er zieht jetzt einen alten Handschuh über die leuchtende grüne Lampe des Bahnsignals. Dann legt er Strom aus einer mitgebrachten Batterie an das rote Licht. Auf diese Weise ist das Signal auf Rot gestellt, ohne daß es im Stellwerk zu einer Warnmeldung der Anlage kommen kann.
Etwa tausendvierhundert Meter weiter nördlich hat John Daly auf ähnliche Weise ein Vorsignal eingeschaltet, es soll den Lokführer nun mit gelbem Licht auf das bevorstehende Haltekommando hinweisen.
Das alles sollte eigentlich bereits vor vierundzwanzig Stunden passiert sein. Wir waren alle schon in der Basis, einer Farm in der Nähe, gekauft von unseren Bossen mit dem Geld aus einem früheren Bankraub. Aber dann hörten wir von unseren Informanten, daß der Postzug dieses Tages nur eine vergleichsweise geringe Menge Geld an Bord hatte.
Heute nacht soll das anders sein.
Der Up Special-Postzug von Glasgow nach London Euston Station hat um achtzehn Uhr fünfzig den Bahnhof von Glasgow verlassen. In Carstairs, achtundzwanzig Meilen südlich von Glasgow, wurden weitere Waggons angehängt. In Carlisle wurde der Zug komplettiert. Weitere Zwischenstopps erfolgten in Preston und Warrington. Bei letzten Aufenthalten in Tamworth und Rugby sollen weitere Post- und Geldsäcke an Bord gekommen sein, alle sind gestapelt im zweiten Waggon, der von fünf Postbeamten begleitet wird, und der von der Lok nur durch einen unbesetzten Paketwagen getrennt ist.
Es ist jetzt drei Uhr fünf: Die Diesellokomotive des Postzuges stoppt direkt am Signal Sears Crossing, sehen Sie? Doch warum steigt einer ab? Lokführer Jack Mills hat einen Heizer an Bord. Eine Diesellok braucht zwar keine Heizer mehr, aber die Gewerkschaft hat durchgesetzt, daß diese nach Abschaffung des Dampflok-Betriebs nicht einfach entlassen werden können. Sie heissen jetzt ‚Firemen‘.
Fireman David Whitby hat leider sehr gute Augen, und er hat in der Ferne erkannt, daß die Lampe am nächsten Signal wieder grün leuchtet. Also klettert er aus der Lok, um vom Streckentelefon aus am nächsten Bahnhof in Cheddington anzurufen. Doch wir lassen ihn nicht bis zum Telefonkasten. Ein Mann im Overall winkt ihn zu sich, und als er sich ihm mit den Worten ‚Was ist denn los, Kollege?‘ nähert, zwingen ihn zwei weitere, maskierte Männer zu Boden. ‚Wenn Du schreist, bring ich Dich um!‘ zischt ihm einer der beiden zu. Whitby reagiert instinktiv: ‚OK, ich bin auf Eurer Seite‘, sagt er.
Währenddessen stürmt bereits ein halbes Dutzend Männer die Kabine der Lok. Jack Mills leistet heftig Widerstand. Er kriegt einen Schlag mit dem Knüppel auf den Kopf und gibt auf.
Roy James und James Hussey haben zwischen dem zweiten und dritten Waggon des Zuges die Kupplung gelöst.
Ich hatte für das Unternehmen einen pensionierter Lokführer angeheuert, der nimmt jetzt Mills‘ Platz im Führerstand ein. Er versucht, die Lok in Bewegung zu setzen. Doch sie rührt sich nicht. ‚Ich kann kein Vakuum bekommen‘, sagt er immer wieder. Da packt einer der anderen den halb ohnmächtigen Mills und schiebt ihn wieder auf den Fahrersitz. ‚Setz den Zug in Bewegung, oder wir verpassen Dir noch mehr.‘ Mills gehorcht und langsam, ganz langsam setzt sich die Lok mit den beiden verbliebenen Waggons in Bewegung.
Die Verbindungsleitungen zwischen dem zweiten und dritten Waggon reißen durch, der verkleinerte Zug verschwindet in der Nacht, ohne daß in den übrigen Waggons irgendeiner von den über fünfzig Postangestellten Verdacht schöpft, sie sortieren weiter Briefe.
Wenn Sie sehen wollen, wie es weiter geht, müssen Sie jetzt mit uns mitrollen, etwa tausendzweihundert Meter weiter.
Auf der Landstraße, die parallel zur Bahnlinie verläuft, folgt der Lok mit den beiden Waggons ein Landrover. In ihm sitzt unser Anführer, Bruce Reynolds, zusammen mit seinem Schwager John Daly.
An der Bridego Bridge, wo die Bahnlinie die Landstraße überquert, muss Mills die Lok anhalten.
Jetzt kommt Charlie Wilson ins Spiel, mit sieben anderen stürmt er den Waggon Nummer zwei. Mit Äxten und Spitzhacken bahnen sie sich ihren Weg und überwältigen die verängstigten Postbeamten. Die müssen sich auf den Boden legen. Dann wird mit einer Axt das Schloss zum hinteren Teil des Waggons aufgebrochen. Über hundertzwanzig Postsäcke liegen dort.
Einer von uns schneidet zur Kontrolle einen Sack auf und holt ein Bündel mit Banknoten heraus. Wir sind am Ziel.
Eine Menschenkette wird geformt bis zur Böschung der Eisenbahnbrücke. In wenigen Minuten sind die Säcke aus dem Waggon geschafft. Unter der Brücke sammeln weitere Männer die Säcke auf und laden sie auf zwei bereitstehende Landrover und einen LKW.
Mills und Whitby liegen zu dieser Zeit auf der Böschung und dürfen in Begleitung von Robert Welch eine Zigarette rauchen. Danach werden sie zu den anderen in den Waggon gebracht. ‚Rührt euch nicht für die nächsten 30 Minuten!‘ ruft ihnen einer von uns zu, dann verschwinden wir in der Dunkelheit. Der ganze Überfall hat kaum fünfzehn Minuten gedauert.
Ohne Licht fahren wir den Weg bis zur Hauptstraße und schalten erst dann die Beleuchtung an unseren drei Fahrzeugen ein. Fünfundvierzig Minuten dauert es bis zu unserem Versteck auf der Leatherslade Farm in der Nähe von Oakley, rund zwanzig Kilometer nordöstlich von Oxford. Die ganze Zeit über ist das Radio auf Polizeifunk gestellt, doch es bleibt stumm.
Unterdessen haben die Überfallenen natürlich versucht, die Polizei zu verständigen. In Cheddington hat man vermutlich auch längst Verdacht geschöpft, doch wir haben die Telefonleitungen an der Bahn vorsorglich gekappt, ebenso die Telefonleitungen zu den beiden einzigen Farmen in der Nähe. Roy James war hierfür wieselflink auf die Telefonmasten geklettert, so wie er es zuvor als Juwelendieb an den Fassaden der Hotels an der Riviera bewiesen hatte.
Um vier Uhr dreissig, genau in dem Moment, als wir an der Leatherslade Farm ankommen, erwacht der Polizeifunk zum Leben. ‚Ihr werdet es nicht glauben, aber sie haben gerade einen Zug geklaut!‘ sagt ein Officer.

Erbeutet aus der rollenden Postbank: exakt 2.631.784 Pfund. Das entspräche heute einer Summe von rund 30 Millionen Pfund.

„Also, ich behaupte ja, mit dem Geld sind auch fünfzig ungeschliffene Diamanten geraubt worden, mit denen drei von uns entkommen sind. Die wurden niemals gefasst.
Wir waren nicht fünfzehn, sonder achtzehn. Muss man bloss nachrechnen: Wieviel hatte ich bekommen? Runde 148.000 Pfund. Multipliziert man diesen Anteil mit 18, kommt in etwa der Betrag der Gesamtbeute heraus, stimmts?“

Also, was auf alle Fälle stimmt, Mr. Biggs, ist die Tatsache, daß es sich für keinen gelohnt hat. Sie waren bald alle hinter Gittern.
Im Frühjahr 1964 mussten neun Verurteilte volle drei Wochen warten, bis ihnen nach dem Schuldspruch auch das Strafmaß verkündet wurde. Im Vorfeld waren die meisten Beobachter von etwa fünfzehn Jahren ausgegangen. Doch Richter Davies, bekannt für harte Strafen, statuierte ein Exempel, wie schon seine Ansprache an den ersten Verurteilten, Roger Cordrey, vermuten liess …

„Sie sind der erste von elf gierigen Männern, die die Hoffnung auf schnellen Profit anlockte. Sie und Ihre Mitangeklagten wurden der Beteiligung an einem Verbrechen überführt, das in seiner Dreistigkeit und Ungeheuerlichkeit in diesem Jahrhundert ohne Beispiel ist. Ich werde alles in meiner Macht stehende dafür tun, daß es auch das letzte bleibt ... Lassen sie uns die romantische Verklärung als ein ‚Husarenstück‘ beiseite schieben: Das war nichts anderes als ein schäbiges Gewaltverbrechen, getrieben von maßloser Gier.“

„Na ja, Davies verurteilte Cordrey, den einzigen von uns, der gestanden hatte, zu zwanzig Jahren Haft.
Bill Boal erhielt vierundzwanzig Jahre. Auch die Strohmänner für den Farmkauf erwischte es deftig: Brian Field und sein Namensvetter Leonard erhielten fünfundzwanzig Jahre. Einzig John Denby Wheater kam mit drei Jahren glimpflich davon.
Keine Gnade gab es für uns Hauptangeklagten, darunter mich. Wir alle mussten für unglaubliche dreissig Jahre hinter Gitter. Ganz England war geschockt, die Nation gespalten — ich meine, für Kindermörder und Vergewaltiger gab es weitaus geringere Strafen ...“

Die erregte Diskussion über Davies‘ drakonisches Urteil hat Jahrzehnte angehalten. Sie trug schließlich zu einer Strafrechtsreform bei, in deren Folge auch die verurteilten Postzugräuber freikamen, die meisten nach rund elf Jahren. Ironie der Geschichte: Hätte Davies moderatere Strafen verhängt, hätten Ihre Kollegen vielleicht sogar länger im Gefängnis sitzen müssen ...
Aber Sie hatten sich ja schon nach fünfzehn Monaten abgesetzt …


„Zusammen mit drei anderen — fragen Sie mich nicht, was uns das gekostet hat. Am Anfang meiner Flucht stand ein Möbelwagen mit einem Loch im Dach, geparkt hinter der Mauer vom Gefängnis in Wandsworth. Mit der Familie ging’s nach Paris, falsche Papiere, neues Gesicht, dann weiter nach Australien. Bis 1974 lebten wir in der Hibiskus Road, im Städtchen Blackburn, nicht weit von Melbourne.
Und dann, die Fahnder auf den Fersen, wieder weiter, diesmal ohne Familie, nach Brasilien, nach Rio de Janeiro.“ ...


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