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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
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KAPITEL 37  



Karl May, der Ich-Erzähler, ist zu Beginn seiner Winnetou-Romane noch nicht Old Shatterhand, sondern ein aus Europa eingewanderter Hauslehrer in St. Louis, der erst später im Wilden Westen als Surveyor anheuert, als Landvermesser beim Eisenbahnbau.
Das Land, das er vermisst, gehört den Indianern. Er trägt dazu bei, daß ihnen die Folgen der aus Europa herüber schwappenden industriellen Revolution aufgezwungen werden. Als er Winnetou kennenlernt und durch ihn das indianische Leben, wird sein Henry-Stutzen, der ebenfalls Ergebnis industriellen Erfindergeistes ist, Instrument zur Durchsetzung von Gerechtigkeit. Das kann dieses moderne Gewehr nur, weil er zuvor den Hersteller dazu verpflichtet hat, es nicht in Serie herzustellen.


18 Seine einmalige Existenz und der mit ihm von Old Shatterhand virtuos exerzierte Abschreckungseffekt verhindert in Prärien (und Wüsten gleichermassen) das befürchtete Blutvergiessen. Sämtliche Versuche der Gegenspieler des Helden, den Stutzen für ihre Zwecke und Ziele zu missbrauchen, sind von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Sie verstehen nicht, mit dem Gewehr umzugehen, dank dem komplizierten Bedienungsmechanismus, den nur einer kennt: Old Shatterhand.


Soweit Karl Mays virtueller Beitrag zum Überlebenskampf der Indianer; bei Karl Marx hätte die Geschichte wahrscheinlich anders ausgesehen, bei dem kommen aber keine Indianer vor.
Sorry! Der alte Witz war fällig.
Mr. Henry würden Sie uns nun bitte erzählen, wie es weitergegangen ist mit Ihrer Erfindung — in der realen Welt?


„Gewehre waren zu meiner Zeit noch Vorderlader, das heißt, daß die Munition von vorne durch den Lauf geschoben werden musste, eine mühsame und nicht ganz ungefährliche Prozedur.
Büffeljagd in industriellem Ausmass wäre damit nicht möglich gewesen, da gebe ich Ihnen schon recht. Aber Ihr Karl May, mit seiner Warnung vor der Serienherstellung automatischer Gewehre, war wohl auch erst hinterher schlauer ...
Damals wurde ich auf die ersten Versuche mit Hinterlader-Gewehren und mit Metallpatronen aufmerksam. Auf deren Basis begann ich mit der Konstruktion eines neuen Repetiergewehrs.
Der Verschluss wurde horizontal durch den verlängerten und zum Handschutz umgeformten Abzugsbügel vor- und zurückbewegt. Dadurch wird ein außenliegender Hahn niedergedrückt und gespannt. Die leere Patronenhülse wird dabei ausgeworfen. Ich verwendete eine selbst entwickelte Randfeuerpatrone im Kaliber 44 mit Hülse. Das Magazin, das in den Lauf integriert war, konnte fünfzehn Patronen hintereinander aufnehmen. Ihr Karl May hat also damit niemals — wie er behauptete — fünfundzwanzig Mal hintereinander schiessen können, und was er Stutzen nennt, nannte ich Rifle.
Als die Waffe auf den Markt kam, herrschte bei uns gerade Bürgerkrieg und der löste eine gewaltige Nachfrage aus. Von 1860 bis 1866 wurden rund vierzehntausend Henry-Rifles hergestellt.
1861 ging ich eine Partnerschaft mit dem Textilfabrikanten Oliver Winchester ein, weil ich selber mehr Tüftler und weniger Geschäftsmann war. Winchester nahm die Waffe in sein Sortiment auf und vertrieb die Konstruktion zusammen mit Arbeitskleidern und Hemden unter seinem eigenen Namen. In unserer gemeinsamen Firma trat der Name Henry-Rifle schließlich in den Hintergrund, ebenso wie übrigens die Hemdenproduktion. 1866 wurde die Firma in Winchester Repeating Arms Company umbenannt und neu organisiert.
Der Waffentyp wurde ständig verbessert, und das brachte uns üppige Gewinne. Das erste Winchester-Gewehr war das Modell 1866, eine gründliche Überarbeitung meiner Erfindung. Die Modelle 1866 und 1873 brachten den eigentlichen Durchbruch. Dabei blieben die erhofften Aufträge der U.S.-Armee nach dem Ende des Bürgerkrieges aus. Winchester blieb nichts anderes übrig, als Waffen zu exportieren. Ab 1870 lieferte er rund fünzigtausend 1866er Gewehre und Karabiner in die Türkei.
Bei uns in der Neuen Welt konnten sich damals die wenigsten solch eine Waffe leisten. 1878 kostete ein Modell 1866 zwanzig Dollar und ein 76er Jagdgewehr sogar fünfunddreissig Dollar, wobei ein Cowboy damals nur etwa dreissig Dollar im Monat verdiente.
Die 1866 war durch den blankpolierten Messingkasten von weitem sichtbar und wurde deshalb als Yellow Boy bezeichnet. Sie war trotz des hohen Preises so populär, daß sie über dreissig Jahre lang auf dem Produktionsplan von Winchester stand. Natürlich gab es in dieser langen Zeit verschiedene Varianten: Vom Carabine über die Sporting Rifles bis hin zur Muskete.
Schließlich wurde sie nur noch von einer Berühmtheit übertroffen, der 1873, die sogar zu Filmehren gelangte ...

Halt! Das wollen wir uns anschauen, denn tatsächlich gilt dieser Film mit James Stewart in der Hauptrolle als Startpunkt der wirtschaftlich und künstlerisch erfolgreichen Epoche des amerikanischen Westernkinos.

REGIE! BITTE FILM AB!


WINCHESTER 73
U.S.A. 1950
Regie: Anthony Mann
Darsteller: James Stewart, Shelley Winters, Dun Duryea,
Stephen McNally, Millard Mitchell

Mit dem Banditen Dutch Henry Brown hat Lin McAdam (James Stewart) noch eine alte Rechnung offen. Außerdem will er ihm eine Büchse abjagen: die legendäre Winchester, Baujahr 1873. Diese hat ihm Brown nach einem Preisschießen geraubt. Bis zum furiosen Showdown wandert das Gewehr durch viele Hände: vom Waffenschmuggler Joe Lamont bis zum Sioux-Häuptling Young Bull, aber niemandem bringt es Glück.

Fritz Lang wählte für seine gerade neu gegründete Produktionsfirma ‚Diana Production Company‘ eine Geschichte von Stuart N. Lake aus. Laut Lang war die Haupthandlung des Filmes zu diesem Zeitpunkt folgende: „Ein Westerner verliert sein Gewehr, eine Winchester ’73, die für ihn der einzige Lebensgrund und das Symbol seiner Stärke war. Er muss diese Waffen finden oder einen neuen Grund zum Leben finden. Er muss seine verlorene Kraft wiederfinden.“
Die Handlung der Endfassung von ‚Winchester ’73‘ beginnt am 4. Juli 1876 — dem hundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten. Die Besiedlung des Wilden Westens durch europäische Einwanderer ist fast abgeschlossen. Die Städte an der ehemaligen ‚Frontier‘ verfügen bereits über ein politisches System, in dem der Sheriff die Rechte der Bürger verteidigt. Diese Ordnung wird von Banditen bedroht, die in ‚Winchester ’73‘ durch die Banden von Dutch Henry Brown und Waco Johnnie Dean verkörpert werden. Gleichzeitig stellt der Film aber die Bedrohung der amerikanischen Siedler durch Indianer dar, die im Jahr der Schlacht am ‚Little Bighorn‘ aufgrund der bereits begonnenen Indianerumsiedlungs-Programme gerade akut geworden war.
Besonders das ‚Modell Winchester ’73‘ der Repetiergewehre der ‚Winchester Repeating Arms Company‘, das dem Film seinen Namen gab, wurde dabei als ‚the gun that won the west‘ — ‚das Gewehr, das den Westen erobert hat‘ — zum Synonym für die Besiedlung des Westens.


„Wissen Sie, die Modellreihe Eine unter Tausend, die im Film die Titel-Rolle spielt, wurde von Winchester ab 1875 auf den Markt gebracht. Von allen nach der Herstellung probegeschossenen Läufen aus einem Fertigungslos von jeweils tausend Stück wurden die am präzisesten schiessenden ausgesucht und in ein Gewehr eingebaut, das oben auf dem Lauf die Gravur One of One Thousand erhielt. Von dieser Serie wurden einhundertsechsunddreissig Exemplare gefertigt und zu einem Stückpreis von einhundert Dollar verkauft ...“

… Was nach heutiger Kaufkraft etwa fünfzehntausend Dollar entspräche! Eines der ungefähr sechzig noch erhaltenen Exemplare des Modells 1873 „One of One Thousand“ hat derzeit einen Sammlerwert von einhundertfünfundzwanzigtausend Dollar.

„Der Siegeszug der ’73 begann allerdings erst im Jahr 1878 richtig, als Samuel Colt seinen Revolver ebenfalls im Kaliber 44 auf den Markt brachte. Da die wenigsten Cowboys mehrere Munitionssorten mit sich herumtragen wollten, bedeutete es einen großen Kaufanreiz, nun ein und dasselbe Kaliber aus Revolver und Gewehr verschießen zu können.“


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