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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
Bill Gates www.gatesfoundation.org
KAPITEL 63



— rüteli — rüteli — rüteli ...

Mr. Gates, liesse sich ein Computerspiel verkaufen, das als Methode und als Ziel FRIEDEN vorgibt?

„Wo bin ich hier? Ich war eingeladen als spezieller Gast des Weltwirtschaftsforums in Davos, um dort meine Idee von einem ‚Kreativen Kapitalismus‘ vorzustellen ...“

Oh, im Prinzip befinden Sie sich auf dem Weg nach Davos. Wir hielten es für eine gute Idee, die belagerte Stadt per Schiene zu erreichen. Keiner der Weltforumsgegner wird Sie in einem historischen Speisewagen der Rhätischen Bahn vermuten, Mr. Gates.
Und als Eisenbahnfans fiel uns beim Stichwort „Davos“ ein, daß hier ein frühes Beispiel für „kreativen Kapitalismus“ über die Schmalspur rollt.


— rüteli — rüteli — rüteli ...

REGIE! Weblink zur Rhätischen Bahn bitte!

Der eingewanderte Holländer Jan Willem Holsboer berief 1872 ein Initiativkomitee zum Bau einer Eisenbahnverbindung von Landquart nach Davos ein. Das erste Projekt sah eine Normalspurbahn vor, die jedoch nicht finanzierbar war. 1886 legte Holsboer ein neues Projekt vor, diesmal eine Schmalspurbahn mit Kosten von fünf Millionen Franken. Am 22. April 1887 wurde die Konzession für die Bahn erteilt; am 7. Februar 1888 wurde in Basel die Aktiengesellschaft „Schmalspurbahn Landquart-Davos“ gegründet. Im Juni desselben Jahres begannen die Bauarbeiten, die schon 1890 beendet waren. Die Strecke wurde am 21. Juli 1890 eröffnet. Mit ihrem derzeit 375 Kilometer langen Meterspurnetz erschliesst die Rhätische Bahn alle Haupttäler des Schweizer Kantons Graubünden.

— rüteli — rüteli — rüteli ...

„Ist das eine lizenzierte Windows-Version, die Ihre Regie hier verwendet?“

Bitte kein Schmalspur-Kapitalismus, Mr. Gates! Ihnen schwebt doch Grösseres vor: Bitte klären Sie uns auf. Was ist „Kreativer Kapitalismus“?

„Nun, wenn Regierungen, Unternehmen, Freiwilligenorganisationen zusammenarbeiten, um die Marktkräfte so auszuweiten, daß mehr und mehr Menschen daran verdienen oder Anerkennung gewinnen durch Arbeit, die die Ungerechtigkeiten in der Welt lindern — das ist ‚Kreativer Kapitalismus‘.
Kapitalismus, wie wir ihn bisher kennen, hat armen Menschen nicht besonders gut getan. Und warum nicht? Weil der internationale Markt nicht genügend Anreize bot, Armut und Hunger zu bekämpfen ...“

Lassen wir für den Moment die Vermutung beiseite, internationale Märkte hätten bislang unter anderem Hunger und Armut produziert. Was meinen Sie mit Anerkennung, Mr. Gates?

„Anerkennung verschafft einem Unternehmen einen besseren Ruf, und das kommt bei Kunden gut an. Wichtig ist auch, daß gute Leute von einer solchen Organisation angezogen werden, sie wollen gerne mitarbeiten. Anerkennung bringt auf dem Markt Belohnung für gutes Verhalten. Wo der Markt keinen Profit hergibt, ist Anerkennung Ersatz, wo Profit möglich ist, wird Anerkennung zu einem zusätzlichen Anreiz. Kapitalisten, deren gute Taten anerkannt werden, sind willens, Märkte einzurichten, die den Armen die Vorteile des Kapitalismus bringen. Das ist das neue System, das ich ‚Kreativen Kapitalismus‘ nenne.
Und weil es mir ernst damit ist, werde ich der ‚Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika‘ /AGRA hier in Davos weitere dreihundertsechs Millionen Dollar zusagen!“

Wowh! Wie man bei Ihnen zu sagen pflegt: „You put your money where your mouth is!“ Aber vielleicht warten Sie noch einen Augenblick mit Ihrer Zusage?

— raison — raison — raison ...

Kennen Sie Sélingué? … Nicht? … Hören Sie ‘mal genauer hin …

— raison — raison — raison ...

„Ich kann’s nicht glauben! In meiner Villa am See hab‘ ich ja schon eine Menge virtueller Spielereien einbauen lassen, aber wie machen Sie das hier? Das ist ja nicht bloss ein anderes Schienengeräusch ... Es ist auch nicht mehr kalt ... Kein Schnee, keine Berge ... stattdessen ‘ne Affenhitze!

Und es ist auch eine andere Konferenz, die auf Sie wartet, Mr. Gates:

„The World Forum for Food Sovereignty“
Sélingué ist ein westafrikanisches Dorf, knappe zwei Stunden entfernt von Malis Hauptstadt Bamako. Wir befinden uns in der Nähe eines Staudammes am Fluss Sankarani, das ist ein Nebenfluss des Niger. Im Damm gibt es ein Wasserkraftwerk und von dort genug Strom für eine Konferenz mit rund sechshundert Teilnehmern aus verschiedenen Teilen der Welt, die fast alle ihre Notebooks dabeihaben … bitte fragen Sie nicht wieder, ob alle Windows-Programme lizenziert sind …
Die Organisatoren wollten der Konferenz einen Namen geben, der etwas mit ihrem Thema, vor allem aber etwas mit Mali zu tun hat, und sie nannten die Konferenz:

Nyéléni 2007

Bitte heissen Sie mit uns Ibrahim und Oussama willkommen, Mr. Gates. Beide sind Griots, Geschichtenerzähler und Wahrer alten Wissens. Sie werden uns erklären, wie es zu dem Namen kam …


Ich, Ibrahim sage ...
In Mali gibt es eine machtvolle Figur, die als Symbol für die Selbstbestimmung über unsere Nahrungsmittel gelten kann. Es ist eine Frau, die ihre Spur in der Geschichte Malis hinterliess. Wenn man ihren Namen erwähnt, weiss jeder, wofür er steht. Sie ist die Mutter, die Nahrung bringt, sie ist die Mutter, die das Land bewirtschaftet, sie ist die Frau, die um ihre Anerkennung in einer Umgebung kämpfte, die ihr nicht wohlgesonnen war.
Diese Frau wurde Nyéléni genannt.
Wenn wir sie als Symbol nehmen, weiss jeder in Mali, daß es darum geht, für die Sicherheit unserer Nahrung zu kämpfen, unsere Hoheit über die Herstellung unserer Grundnahrungsmittel zu verteidigen.

Ich, Oussama, sage ...
Nyéléni war ein Einzelkind. Das wurde seinerzeit in Afrika, wie vielfach noch heute, als Fluch betrachtet. Nyéléni war nicht nur ein Einzelkind, sondern auch ein Mädchen. Während ihrer Kindheit litt sie darunter, wenn ihre Eltern deshalb verspottet wurden. Heimlich beschloss sie, es den Männern heimzuzahlen, und zwar auf ihrem eigenen Feld, das heisst bei der Landarbeit. Wenn immer ein Mann um ihre Hand anhielt, sagte sie, erst müsse sie noch eine Mission erfüllen, als eine Reverenz gegenüber ihren Eltern, gegenüber allen Frauen
Das hatte für sie Vorrang.
Nyéléni nahm an landwirtschaftlichen Wettbewerben teil, und sie schlug alle Champions, zuerst in ihrem Dorf, dann in der ganzen Region. Ihr Ruf verbreitete sich rasch. Und fast täglich wollten sich Männer mit ihr messen. Je arroganter sie auftraten, um so tiefer war ihre Scham, sobald sie sich geschlagen geben mussten.
Nyélénis Ruf wuchs über die Grenzen ihrer Region, und sie wurde zur lebenden Legende. Das war die Zeit, in der sie sich Anerkennung und Respekt verdiente.
Die Legende berichtet, daß sie zu Beginn einer Wintersaison — das ist bei uns die Regenzeit — „fonio“ züchtete, das ist der „angry rice“, den wir heute als Getreide essen. Nyéléni verdanken wir auch eine kleine Hirseart, die wir „samio“ nennen.
Wir wissen, Nyéléni’s Vater hiess Nianso und ihre Mutter Saucra. Sie lebten in Siracoro. Leider ist nicht überliefert, ob Nyéléni jemals heiratete und Nachkommen hinterliess ...


Dank an Ibrahim und Oussama für die Geschichte von Nyéléni …
Wie wir erfahren haben, Mr. Gates, sind Sie Eigentümer von Corbis, der größten Bildagentur der Welt. Die wird kein Bild von Nyéléni haben, aber vielleicht eines von dieser Frau: Mariam Mayet. Sie ist kein Nachkomme der Mali-Heldin, aber in ihrer kämpferischen Nachfolge steht sie auf jeden Fall.
Fragen an sie stellt für uns PAMBAZUKA NEWS.



MARIAM MAYET: Wir haben unsere Basis in Johannesburg, und wir sind mit vier Programmen beschäftigt. Eines ist unser Feldzug gegen genetische Manipulation in der Nahrungsmittelindustrie und in der Landwirtschaft.
Wir wenden uns gegen Bio-Piraterie, insbesondere gegen den Diebstahl einheimischen Wissens über medizinisch wirksame Pflanzen. Es gibt da aber auch einen ganz neuen Bereich, das Ausspähen von traditioneller Kenntnis im Bereich von Meeres-Biotopen.
Wir beschäftigen uns auch mit der „grünen Revolution“ in Afrika. Unsere Recherchen enthüllen, was multinationale Unternehmen in Afrika machen, vor allem im Bereich der Bio-Industrie.
Wir beobachten die Hersteller von Saatgut und wir stellen fest, woher der Druck kommt, die Landwirtschaft zur Produktion von Bio-Sprit zu nutzen.
Dabei arbeiten wir mit anderer Gruppen in einem weiten Netzwerk zusammen ...
PAMBAZUKA NEWS: Was ist die Rolle westlicher Philanthropie in Afrika?
MARIAM MAYET: Philanthropie muss in Afrika vor allem im Zusammenhang mit der Rockefeller-Familie gesehen werden. Die Rockefeller-Stiftung hat eine viel längere Geschichte als zum Beispiel die Gates-Stiftung. Gordon Conway hat als Präsident der Rockefeller-Stiftung 1999 ein Buch mit dem Titel „Neue Grüne Revolution“ veröffentlicht. Der Schub für die Grüne Revolution, wie wir ihn gegenwärtig in Afrika erleben, ist Kind seines Geistes.
Tatsächlich wird mit dem philantropischen Ansatz eine bestimmte Unternehmens-Strategie vorangetrieben — die Märkte sollen geöffnet werden für U.S.-Unternehmen. In Kenia zum Beispiel ist die Rockefeller-Stiftung beteiligt an der Förderung von Florence Wambugu’s Süsskartoffel-Projekt, das mit genetisch veränderten Knollen arbeitet. Afrika soll gen-modifizierte Züchtungen akzeptieren. Wenn der Eindruck erweckt wird, arme Leute haben nichts gegen eine genetisch veränderten Süsskartoffel, dann kann man erwarten, daß gen-manipulierte Produkte allgemein auf grössere Zustimmung stossen. Das ist keine Philanthropie, das ist eine Form von Investition, ein unternehmerischer Plan, Gewinne aus Afrika herauszuholen.
PAMBAZUKA NEWS: Die „Los Angeles Times“ hat sich mit der „Bill Gates-Stiftung“ befasst und ist zu dem Schluss gekommen, daß sie Geld in Unternehmen und Konzerne investiert, die genau die Probleme verursachen, die sie auf der anderen Seite zu lösen versucht. So macht also der philanthropische Arm Anstrengungen, die Umwelt zu retten, während der investierende Arm Profit aus seiner Zerstörung zieht ...
MARIAM MAYET: Genau, die Rockefellers machten ihr Geld mit Exxon, was später Chevron hiess. Wir reden über altes Öl-Geld, das einen Haufen Unheil angerichtet hat, für die Umwelt und für die Menschenrechte.
PAMBAZUKA NEWS: Auch die Idee der weitsichtigen Philanthropie, die nicht erkennt, was vor der eigenen Haustür passiert — beispielsweise bei den Minderheitsgruppen in den U.S.A..
MARIAM MAYET: Richtig, warum geben sie den Opfern des Hurrikans Katrina kein Geld? Wir sagen, die Grüne Revolution ist der Traum des weissen Mannes für den schwarzen Kontinent. Und dieser Traum enthüllt eine Erlöser-Mentalität, ist sehr missionarisch, sehr kolonial, sehr imperialistisch — ja, sie sollten uns in Ruhe lassen. Würden sie alle Entwicklungshilfe wegnehmen, alle Nahrungsmittelhilfe, alle Militärhilfe — uns würde es wie Kuba gehen. Wir hätten eine Weile zu kämpfen, aber wir würden unseren Weg finden. Wir würden unsere lokale, vibrierende Wirtschaft entwickeln. All diese Entwicklungshilfe ist eine Industrie, die sich selber füttert.
Wer sind die grössten Spieler im Agrargeschäft? Nehmen sie Cargil, ein Konzern, der Anteile an Saat-Unternehmen besitzt, der die Ernten von Bauern aufkauft und sie in alle Welt transportiert — sie sind mächtiger als manche Regierungen, denn sie bestimmen die internationalen Preise für Getreide und für dessen Transport. Man muss dieses ganze kapitalistische System des Agro-Geschäftes verstehen, um die Logik der Grünen Revolution zu erkennen.
PAMBAZUKA NEWS: Auf ihrer Website erklärt AGRA, sie sei eine „afrikanisch geführte Partnerschaft, die quer über den Kontinent wirkt, um Kleinbauern und deren Familien zu helfen, sich selber aus Armut und Hunger zu befreien. AGRA-Programme entwickeln praktische Lösungen, um die Produktivität der Landwirtschaft und das Einkommen der Armen deutlich anzukurbeln, während die Umwelt geschont wird. AGRA befürwortet eine Politik, die eine Wertekette unterstützt, welche alle Schlüsselaspekte afrikanischer Landwirtschaft umfasst — vom Saatgut, über gesunde Erde und sauberes Wasser bis zu landwirtschaftlicher Ausbildung. Vorsitzender von AGRA ist Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen.“
Sie behaupten, sie seien afrikanisch geführt, und jetzt haben sie Kofi Annan als ihren Vorsitzenden — was sagen Sie dazu?
MARIAM MAYET: Ich denke, sie haben ein afrikanisches Gefolge. Die Vision hatte Gordon Conway von der Rockefeller-Stiftung. Die Rockefeller-Stiftung hat die Bill-Melinda Gates-Stiftung hinzugezogen, danach haben sie begonnen, willige und willfährige Afrikaner zu rekrutieren — der grandiose Einfall war, Kofi Annan zu verpflichten.
PAMBAZUKA NEWS: Da ist ein ganzes Paket geschnürt für AGRA ... Wir haben Kofi Annan mit der Empfehlung seines UN-Hintergrundes, leise sprechend und dennoch charismatisch, wir haben Bill Gates, der harmlos erscheint. Wir haben eine Menge Stars und eine Menge Geld ...
MARIAM MAYET: Die Grüne Revolution kommt als ein sehr gewaltsames Bündel. Es bringt äusserst giftige Chemikalien nach Afrika. Es verdrängt und zerstört lokales Wissen und lokales Saatgut. Es bevorzugt jene Bauern, die mit dem System vertraut sind, das sind die mächtigen Bauern. Das afrikanische Landvolk wird geteilt.
AGRA schafft auch eine Menge Abhängigkeit und Schulden. Es ist gewaltsam. Aber da ist der schicke, sexy, reichste Mann, der uns diese wundervolle Technologie gebracht hat, und da ist der sanfte Kofi Annan, das Gesicht des Erlösers, unsere letzte Hoffnung ...


— tazara — tazara — tazara ...

Dürfen wir uns vielleicht auch ‘mal zu Wort melden?

Wenn wir schon gezwungen sind, alle Wendungen dieses Zuges mitzumachen ...

Will doch vielleicht der eine oder die andere gelegentlich eine Meinung beisteuern dürfen ...

Wieviel wollen die spendieren? Einhundertfünfzig Millionen Dollar?

Plus dreihundertsechs Millionen aus der Privatschatulle des netten Mr. Gates!

Macht vierhundertsechsundfünfzig Millionen Dollar ...

Schluss mit Krämer-Seele! Wo gibt es diese Mini-Pakete mit verbessertem Saatgut und Düngemittel zum Weiterverkauf?

— tazara — tazara — tazara ...

Kreativer Kapitalismus, das gefällt Mr. Moon. Wie sagte schon einer seiner Vorgänger?
Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiss ist, Hauptsache sie fängt Mäuse!
Mr. Moons dritter Auftrag an mich: herausfinden, wohin der AGRA-Express rollen soll.
Dafür mag es hilfreich sein, zu unterscheiden zwischen MISSION und JOB.

AGRA’s Mission, so weit ich sie verstanden habe:

In Partnerschaft quer über den Kontinent zusammenarbeiten, um Millionen von Kleinbauern und ihre Familien in die Lage zu versetzen, sich von Armut und Hunger zu befreien.

AGRA’s Job, so weit ich ihn verstanden habe:

Die Armen Afrikas an den internationalen Markt binden, als Käufer von Hybrid- und Gen-modifiziertem Saatgut, als Käufer von Düngemitteln, als Käufer von Pestiziden, und als Konsumenten der daraus entstehenden Nahrung.

Wem immer es gelingt, den Saatgut-Markt in Afrika zu etablieren, der wird nicht bloss diesen Markt kontrollieren, sondern die Ernährung der Menschen Afrikas, und am Ende alles, was der Kontinent zu bieten hat ...
Das wird Mr. Moon nicht gefallen! Ihm ist egal, ob Katzen schwarz oder weiss sind. Mäuse will er selber fangen!


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