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Einführung
Vorwort
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Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Kapitel 08
Kapitel 09
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Kapitel 11
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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
Der Spielleiter
KAPITEL 47



Er liess die Insel, unterhalb des ersten Nil-Katarakts und gegenüber von Assuan, in einen tropischen Garten voller exotischer Pflanzen verwandeln?
Der Menschenhasser — als Gartenfreund?
Das muss ich notieren ... hier, wo es nach Russ und nach Altöl riecht.
Das ist für meine Nase.
Für meine Augen hat beides tranigen Film entwickelt ...
auf verbliebenem Glas im rostigen Dachsieb ...
hoch über der zugigen Halle ...
in jeder Scherbe schillernde Erinnerung ...

1 1897 hatten wir das Diamanten-Jubiläum von Königin Viktoria hinter uns gebracht, mit einem grossen Umzug durch die Strassen von Johannesburg. Mr. Harry Clayton hatte auf seinem von Mulis gezogenen Wagen das Glanzstück der Parade montiert: das erste Fahrrad mit pneumatischen Reifen.
Noch mit Hartgummireifen radelte in der Kindersektion der Parade unser achtjähriger Sohn. Jemand warf bunte Papierschlangen über ihn. Sie verfingen sich in den Rädern, und Harry Filmer Junior landete auf der Nase. Er war überzeugt, mit pneumatischen Reifen wäre das nicht passiert.
Für eine Weile tanzte die goldene Stadt, trank auf das Wohl der fernen Königin.
Aber hinter dem Horizont zog die Wolke herauf, grau wie der Staub über den Minen-Halden — eine Wolke, ausgespuckt vom alten Feind, in Pretoria auf der Türschwelle hockend, brütend und rauchend.
Um diese Zeit bildeten wir Uitlanders dreiundsiebzig Prozent der Bevölkerung Transvaals, die Buren, auf deren Land wir sassen, waren zur Minorität geschrumpft. Hass und Ablehnung zwischen Briten und Buren machten die Herzen schwer. Es wurde getuschelt, das Erträgliche habe seine Grenzen erreicht, der Sturm werde bald losbrechen.
Meine Frau und ich überlegten, ob wir unseren Sohn im folgenden Jahr ins Internat nach Pietermaritzburg schicken sollten. Doch daheim war von der Unruhe nichts zu spüren. Das Oval war weit weg vom Wanderer’s Club, wo ich Kricket zu spielen pflegte. Ich hatte mit Tennis begonnen, nahezu jedes Haus in unserer Nachbarschaft hatte neuerdings seinen eigenen Court.
Dann kam der Dezember 1998.
Am Sonntag vor Weihnachten fährt ein Blitz durch die äussere Ruhe in die innere, bis dahin gezügelte Leidenschaft. Der Blitz kommt aus einem Revolver, abgeschossen von einem Buren-Polizisten. Er fährt in den Körper eines britischen Bürgers namens Tom Jackson Edgar. Man kennt ihn hier, aber bald wird sein Name auf der historischen Liste jener erscheinen, deren Ermordung Nationen gegeneinander hetzten, denen tausende ins Grab folgten.
Tom Jackson Edgar, ein starker, furchtloser Mann, war gegen Mitternacht auf dem Weg nach Hause gewesen.
Ein Betrunkener hatte ihn angeknurrt, hatte ihn beschimpft. Edgar schlug ihn nieder. Während er nach Hause ging, zeigten ihn die beiden Begleiter des Betrunkenen an. Vier Polizisten donnerten bald darauf an seine Tür, brachen sie auf, ohne auf Antwort zu warten. Als Edgar, der mit seiner Frau gesprochen hatte, im Gang erschien, erschoss ihn ein Buren-Polizist namens Jones. Kurz nach dessen Festnahme am folgenden Tag wurde er gegen eine Kaution von zweihundert Pfund auf freien Fuss gesetzt.
Fast fünftausend Uitlanders kamen zum Market Square, um den Text einer Petition zu hören, mit der Königin Viktoria um Schutz gebeten werden sollte. Zwölf Jahre zuvor hatte ich geholfen, an diesem Platz die Goldgräber zu organisieren, damit sie sich auf ordentliche Weise Gehör verschaffen könnten bei jener Buren-Regierung, gegen die sich nun die Petition richtete. Zwölf Jahre nur, in denen aus dem Staub eines Zeltlagers eine Stadt im Glitzer ihres Goldes gewachsen war, Heim von vielen tausend reich gewordener Menschen. Würde das alles untergehen im gnadenlosen Wirbelsturm des Hasses, den zwei Nationen zwischen sich entfachten?
Nach Verlesung der Petition marschierte die Menge zum Amtsgebäude des Britischen Vizekonsuls. Der hörte die Petition und akzeptierte sie, die Würfel waren gefallen.
Doch die Britische Krone wies die Petition zurück. Diese hätte vor der Präsentation nicht veröffentlicht werden dürfen, hiess es. Die Etikette war nicht eingehalten worden, das diplomatische Spiel war verloren.
Die Welle des Hasses begann überzuschwappen. Polizist Jones, wegen Mordes angeklagt, wurde freigesprochen. Die Organisatoren der Veranstaltung, bei der die Petition an Königin Viktoria verlesen worden war, wurden festgenommen. Jeder hatte tausend Pfund zu zahlen, um wieder frei zu kommen.
Buren-Präsident Paulus „Ohm“ Kruger und Britanniens Hochkommissar Sir Alfred Milner befassten sich mit den Klagen der Uitlanders bei einem Treffen in Bloemfontein. Ihr halbherziger Versuch, Lösungen zu finden, scheiterte.
Unseren Sohn hatten wir schon ins Internat ins sichere Natal geschickt. Die meisten unserer Verwandten und Freunde entschieden, im Land zu bleiben. Ihre Kinder waren noch klein, warum sollten die Buren ihnen etwas antun?
Doch Britannien wollte nicht bloss einen Anteil am Gold. Es fürchtete, die mit den Uitlanders reich gewordenen Buren könnten zusammen mit ihren potentiellen deutschen Alliierten andere britische Territorien im südlichen Afrika bedrohen.
Im Oktober 1899 kam es zum Krieg.
1 Hunderte begannen, aus Johannesburg zu fliehen. Mir wurde die Entscheidung abgenommen. Im Stadtrat hatte man mich wissen lassen: „Mr. Filmer, Sie haben zwei Tage, danach müssen Sie mit Ihrer Gefangennahme rechnen.“
„Agnes, pack die Sachen“, sagte ich an jenem Nachmittag zu meiner Frau. „Ich hab das Büro abgeschlossen. Wir müssen uns beeilen, die Züge sind überfüllt.“
„Aber was sollen wir mitnehmen? Was passiert mit dem Haus?“
„Das muss auf sich selber aufpassen. Wir verriegeln es, den Rest überlassen wir der Vorsehung.“
Mit unseren beiden jüngeren Kindern schafften wir es an die Küste. Die Eisenbahn brachte uns in jene Stadt am Meer, von der sie mich einst abgeholt hatte — damals als blutjungen Emigranten aus Europa, jetzt als Kriegsflüchtling in Afrika.
Durban hatte sich in einen Kriegshafen gewandelt, mit Truppen, die aus den regelmässig vor Anker gehenden britischen Schiffen an Land strömten, sich in Zeltreihen am Strand organisierten, gelegentlich durch die Strassen paradierten mit flatternden Standarten und Dschingdarassabumm, um Zulus und burischen Spähern zu imponieren.
Es war nicht einfach, die Familie unterzubringen, ein eigenes Büro zu finden, von dem aus ich als Anwalt hätte arbeiten können. Die kleine goldfield-community, die es bis Durban geschafft hatte, half sich gegenseitig. Freunde brachten das eine oder andere Möbelstück, als ich mir in der Acutt’s Arcade einen winzigen Büroraum gesichert hatte.
Das erste Geld verdiente ich mit der Klärung rechtlicher Fragen für jene, die sich den britischen Streitkräften als Freiwillige anschlossen. Dann lief mir das Glück in Gestalt eines Mannes über den Weg, der seinerzeit in Durban durch sein Eintreten für die Rechte indischer Einwanderer schon aufgefallen war. Die Briten würden ihn später besser kennenlernen. Anders als die Buren würde er ihnen nicht mit Gewalt begegnen, sondern mit civil disobedience, mit gewaltlosem Widerstand, und so ihre Macht im Juwel britischer Kronkolonien, in Indien, beenden.
Als ich ihm begegnete, war er mein professioneller Kontrahent vor dem Höchsten Gericht in Durban. Ich verteidigte einen indischen Klienten, Mahatma Gandhi vertrat die Gegenseite.
Ich gewann.
Meine Familie konnte endlich das billige Hotel in der Lower West Street verlassen und in ein komfortables Haus am Ende der Point Road einziehen, nicht weit vom modernen Addington Hospital.
Die Zelte eines benachbarten Militärlazaretts füllten sich während der folgenden drei Jahre mit Männern in Khaki. Soldaten Kitcheners wurden mit der Eisenbahn gebracht, als Verwundete, als Opfer von Ruhr oder von Tropenfieber.
Einer, gerade genesen, besuchte uns, ein junger Mann namens Ellis. Ich hatte ihn in meinem Johannesburger Büro beschäftigt.
Er unterhielt meine Familie mit Kriegsgeschichten ...

Hier in meiner Halle nutze ich den elektrischen Strom für einen Computer, der mir die „Akte Kitchener“ auf den Bildschirm bringt.
Nach einem Jahr als Gouverneur des Sudan wird Kitchener im Dezember 1899 Generalstabschef von Lord Roberts, dem Oberbefehlshaber der Briten im Buren-Krieg. Bis Januar 1900 verloren die Briten vier Schlachten gegen die Buren. Ladysmith, Kimberley, Mafeking werden belagert.
Mit Kitcheners Eingreifen wendet sich das Blatt.
Die Buren geben nicht auf, sie gehen zu einem erfolgreichen Guerillakrieg über. Kitchener antwortet mit einer Taktik der ‚verbrannten Erde‘. Die Farmen in den Guerillagebieten werden zerstört, die Ernten vernichtet. Die Bewohner der Farmen, vor allem Frauen und Kinder, werden in Lagern interniert. Zugleich schränkt Kitchener die Bewegungsfreiheit der Buren durch ein Blockhaussystem ein. Dazu lässt er zunächst eine Kette von Blockhäusern zum Schutz der Bahnlinien anlegen. Von dort aus dehnt er das System immer weiter aus. Am Ende bedeckt ein Netz solcher Blockhäuser, mit kleinen Garnisonen, das ganze Land.

1 In jener Zeit half ich in Durban Bischof Jolivet, einen Traum zu erfüllen. Er hatte gerade sein goldenes Jubiläum hinter sich. Vor seinem Ruhestand wollte er eine Kathedrale bauen. In der ganzen Stadt wurde schon Geld für das Wohl der Soldaten gesammelt. Um Spender für die neue Kathedrale zu mobilisieren, organisierte ich sonntägliche Rathaus-Konzerte.
Da war keine Zeit, an etwas anderes zu denken, ich kümmerte mich um das Wohlergehen meiner Familie, um die Kathedrale des Bischofs ...
Daß Kitchener fünfzig Konzentrationslager hatte einrichten lassen, in denen fast siebenundzwanzigtausend Frauen und Kinder starben, an Masern, an Typhus, an Unterernährung, das lese ich jetzt in dieser Akte.
Beim Besuch des Lagers in Bloemfontein im Januar 1901 war die liberale britische Aktivistin Emily Hobhouse entsetzt über die Lebensbedingungen für nahezu zweitausend Gefangene. In anderen Lagern südlich von Bloemfontein, in Aliwal North, Kimberley, Norvalspont, Springfontein, fand sie hungrige Frauen und Kinder vor.
Im März 1901 — Kitcheners Truppen hatten gerade begonnen, zehntausende ‚Flüchtlinge‘ in die Lager zu bringen — griffen im Londoner Unterhaus die beiden liberalen Abgeordneten C.P. Scott und John Ellis die Vorwürfe gegen das Lagersystem auf, zum ersten Mal wurde der Begriff ‚concentration camp‘ — ‚Konzentrationslager‘ gebraucht. Kriegssekretär Brodrick erwiderte, der Lager-Aufenthalt sei ‚freiwillig‘. In manchen Fällen stimmte das, aber nicht in allen.
Thomas Pakenham, Autor eines Buches über den Buren-Krieg, beschreibt, was in Südafrika passierte: Um die Pattsituation zu überwinden, habe Kitchener angeordnet, „Guerillas in einer Serie systematischer Angriffe zu vernichten, organisiert wie bei einem Sportschiessen, die Erfolge wöchentlich notiert als die ‚Strecke Erlegter, Verwundeter, Gefangener‘. Das Land sollte von allem leergefegt werden, was den Guerillas Rückhalt geben könnte, einschliesslich Frauen und Kinder ... Es war die Beseitigung von Zivilisten — die Entwurzelung einer ganzen Nation. Das beherrschte die letzte Phase des Krieges.“


Wenn ich den Computer abschalte, spiegelt der dunkle Monitor mein eigenes Gesicht, alterslos ... dann beuge ich mich wieder über meinen Schreibblock und notiere ...
Nach dem Studium der Akte besuchte ich Elria Wessels. Sie ist Direktorin des Buren-Krieg-Museums in Bloemfontein. Sie zeigte mir eine der Stätten, an denen ein Lager existierte. Sie beschrieb, wie es dort ausgesehen hat ...
Viele Briten, mich eingeschlossen, wollten dieses Kapitel unserer Geschichte nicht wahrhaben. Die Buren erhoben es auf das Niveau einer Volkssage.
Beide Wege entstellen Geschichte.
Die Menschenrechtskämpferin Emily Hobhouse konnte damals in die britischen Konzentrationslager reisen. Bei ihrer Rückkehr war es ihr möglich, in der Presse die erschreckenden Bedingungen und die entsetzliche Anzahl von Toten anzuklagen — ohne Gefahr für ihre persönliche Sicherheit oder Freiheit.
Das ist der Unterschied zu Nazi-Deutschland, dort wäre es ihr nicht möglich gewesen.

Dennoch:
Die Viehwaggons bleiben angehängt.
Auch Kitcheners Opfer brauchen eine Stimme.

Es gilt das gesprochene Wort!




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