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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
Gert v. Paczensky
KAPITEL 55



Ja, welches denn, Herr von Paczensky? Zuletzt hatten wir von Ihnen etwas über die Kulturgeschichte des Cognac zu lesen bekommen. Melden Sie sich hier zu Wort als langjähriger Gastronomie-Kenner oder als PANORAMA-Spitzbart? Der ist übrigens weg, wie wir sehen. Und alles ist schon eine Weile her …
Wir reden vom politischen Spektrum der Bundesrepublik Deutschland in den frühen sechziger Jahren. Wer erinnert sich noch an die Schlagzeile einer deutschen Boulevard-Zeitung: „Der Spitzbart muss weg!“?


„Na ich! Das erste mal galt der Slogan dem DDR-Mauererbauer Walter Ulbricht, das zweite mal mir! Der Spitzbart war mein Markenzeichen als ich 1961 zusammen mit dem Kollegen Rüdiger Proske das deutsche Fernseh-Magazin PANORAMA gründete. Es hiess, wir ‚gefährdeten‘ das gerade aufblühende Pflänzchen deutsch-französische Freundschaft mit unserer TV-Dokumentation über koloniale Gräuel Frankreichs in Algerien. Sie haben ja darüber schon ein bisschen von einem früheren Gast auf dieser im Moment keineswegs rollenden Bühne gehört, von Frantz Fanon. Ich erhielt wegen dieser Fernsehsendung ein Einreiseverbot für Frankreich ...
Natürlich sind meine Bücher ‚Die Weißen kommen‘ und ‚Teurer Segen‘ gemeint, das eine 1970 erschienen, das andere 1991.“

27 Zu unserem Kulturgut gehört ein Film, der vor vielen Jahren wegen seines Tricks Filmgeschichte gemacht hat: King Kong. Ich weiß nicht, ob neuere Versionen die Szene enthielten, die für mich eine der wichtigsten war. Die auf einer Insel gelandeten Mitglieder eines Filmteams öffnen zum Entsetzen der Einheimischen das Tor einer sonst undurchdringlichen Wand, durch das King Kong von Zeit zu Zeit seinen Menschentribut einfordert. Die Weißen gelangen nicht nur in den Urwald, sondern in fürchterliche Zustände, wie sie in grauer Vorzeit überall auf Erden geherrscht haben; sie bekommen es mit Ungeheuern aller Art zu tun, und natürlich mit King Kong.
Hinter einer ähnlichen Tabuwand, so kommt es mir immer wieder vor, liegt ein für uns Europäer ebenso ungeheuerliches Stück Geschichte. Die Ungeheuer, die dort hausen, sind Gespenster aus Europas Vergangenheit. Wenn wir sie kennen würden, würden wir uns selbst besser kennen — unsere historischen Wurzeln, unsere psychologische Entwicklung, unsere Rolle in der Welt, genauer gesagt: die unserer Vorfahren, als deren Erben wir uns nicht von ihrem damaligen Tun freimachen können. Um so weniger, als viele von uns in dem Wohlstand leben, dessen Fundament sie geschaffen haben.
Doch wie sie ihn schufen ... Das liegt hinter der Wand verborgen.


Mit Gert von Paczensky gehen wir davon aus, daß die Wände im „Traufenhaus“ zu Nienburg an der Weser auch nicht mehr preisgaben.
Was ist ein „Traufenhaus“, Herr Möllenkamp? So etwas wie das da draussen, von Ihren Roman-Ingenieuren in einer Nacht- und Nebelaktion an einen afrikanischen Bahnsteig gestellt?


„Bei Nacht ja — aber nicht bei Nebel! Dort, wo das originale Traufenhaus steht, in Nienburg an der Weser, ist es öfter ‘mal neblig. Der Nebel kondensiert zu Regen, und der wird am unteren Rand eines schrägen Daches in einer Regenrinne abgeleitet — das ist die Traufe. Gewöhnlich stehen alte Fachwerkhäuser aber mit dem Giebel zur Strasse, nicht mit der Traufe. Das historische Traufenhaus von 1648 in der Nienburger Altstadt bildet da eine Ausnahme.
Die Kolonialausstellung war übrigens eines der letzten überregionalen Grossereignisse in diesem Haus; der Gastgeber, das ‚Ostdeutsche Heimatmuseum‘ musste einem Käufer weichen, der sich das Traufenhaus als Privatheim einrichten liess.
Also, das Gebäude da draussen am Bahnsteig ist zwar aus gegebenem Anlass kurzfristig aus Nienburg an der Weser herantransportiert worden, aber es handelt sich weder um das Traufenhaus noch um eine Bahnstation, sondern — um ein komplettes Schulgebäude!
Drei Jahre bevor Albert Schweitzer den Friedensnobelpreis erhielt, bekam er aus Nienburg an der Weser eine Anfrage ...“

Der Elsässer Theologe, Arzt, Musiker und Kulturphilosoph Albert Schweitzer gab seine persönliche Zustimmung, daß die Schule als erste in Deutschland seinen Namen tragen dürfe. Am 17. Juni 1999 beging die Albert-Schweitzer-Schule den 50. Jahrestag ihrer Namensgebung.

Nehmen die Treppen nie ein Ende?

Hallo, hat jeder eine Eintrittskarte?

Eintrittskarte?

Sie befinden sich im Moment in einer deutschen Kultureinrichtung, auf den Treppen aufwärts zum „Giebelsaal“ der Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg an der Weser in Deutschland; sollten sie gehbehindert sein, ist Ihnen anheim gestellt, um Assistenz nachzusuchen!
Eintrittskarten waren im Vorverkauf unter anderem im Stadtbüro der Lokalzeitung DIE HARKE erhältlich ...
Angesichts besonderer Umstände sind Passagiere des afrikanischen TAZARA-Expresses von der Eintrittskartenpflicht ausgenommen ...


Sie sollen alle drei da sein! Die Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, Henry Kissinger, Kofi Annan ...

Obwohl, unser Afrikaner hat den seinen ja 2001 teilen müssen — mit seiner Organisation, den Vereinten Nationen ...

... wie Kissinger, 1973 mit dem Nordvietnamesen Lê Ðúc Tho — der den Preis jedoch ablehnte, da der Vietnamkrieg zu dieser Zeit noch andauerte.

... und der Nobelpreisträger von 1952 spielt zur Begrüssung eine Bach-Fuge!

Herr Möllenkamp, Sie erinnern sich an das Klavier an der Wand, gleich rechts vom Eingang in Lambaréné? ... Beeilen Sie sich, die anderen sind schon die Treppen hoch! ... Dort übernimmt in diesem Moment ...

SCHÜLER 1:
Die „ARBEITSGEMEINSCHAFT NOBLE FRIEDENS-PREISE“ — eine Initiative von Schülern der Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg an der Weser — begrüsst Sie, meine Damen und Herren, zu einer Nachtsitzung unter Einsatz von Multimedia-Anwendungen hier im historischen „Giebelsaal“!

SCHÜLER 2:
Die Albert-Schweitzer-Schule Nienburg ist eine der ältesten Lehranstalten im niedersächsischen Raum. Im Zuge der von Graf Jobst II von Hoya im Jahre 1525 durchgeführten Reformation der Kirche wurde auch ein Schulwesen entwickelt. Dies geschah wahrscheinlich unter dem Einfluss seiner gesellschaftlich aufgeklärten Ehefrau Anna von Gleichen. Es ist zu vermuten, daß die Schule ihre Anfänge auch um 1525 hat. Denn in diesem Jahr hat Martin Luther ein Sendschreiben an alle deutschen Städte gerichtet, in dem er die Einrichtung eines „christlichen Schulwesens“ forderte.
Die älteste urkundliche Erwähnung findet die Schule 1541 in Kirchendokumenten: Der Kantor liess zum ersten Mal seine Schüler in der Nienburger Kirche St. Martin singen ... Im Herbst des Jahres 2000 feierte die Schule ihren 150. Geburtstag als staatliches Gymnasium sowie ihr 475-jähriges Bestehen.

SCHÜLER 3:
Dieser „Giebelsaal“ hier wird nicht nur als Schul-Aula genutzt, sondern auch für öffentliche Veranstaltungen der Stadt Nienburg, zum Beispiel für die jährlich stattfindenden „Meisterkonzerte“ ... Heute abend erleben Sie als Bach-Solisten: Dr. Albert Schweitzer! Was Sie im Moment hören, kommt allerdings von einer Schallplatte ...
Tatsache ist, daß Albert Schweitzer im aktuellen Schulleben schon lange keine Rolle mehr gespielt hat. Es gibt keine schulische Arbeitsgemeinschaft, die sich um ihn oder um seine Arbeit in Afrika gekümmert hätte.
Daß heute abend Albert Schweitzer im Mittelpunkt der Präsentation einer Arbeitsgemeinschaft von Schülern steht, ist der Anfrage zu verdanken, ob der Bahnhof Nienburgs kurzfristig nach Afrika, oder der afrikanische TAZARA-Express auf die Gleise des Bahnhofs in Nienburg zu versetzen sei. In jedem Fall sollte es zu einer Begegnung von TAZARA-Reisenden mit Schülern unserer Albert-Schweitzer-Schule kommen.
Die Schüler-Vertretung hat für eine dritte Alternative optiert: für die Zeit unserer Präsentation sei der historische Teil der Albert-Schweitzer-Schule Nienburgs nach Afrika zu transportieren.

Heia Safari!!!?


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