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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
www.biermoesl-blosn.de
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„Ich hab‘ gehört, daß euer Zug schon auf Gleisen zwischen Moskau und Wladiwostok unterwegs war, als Transsibirische Eisenbahn. Toll, wie ihr das macht. Aber, was bekommt man da zu sehen vom russischen Alltag, durch zugeregnete oder zugefrostete Scheiben?
Lasst euch jetzt zu einer Reise durch unterschiedliche historische Phasen russischer Lebensorganisation einladen! Da die auch nicht viel kürzer sein wird als ein Trip auf der originalen Transsib, habe ich mir erlaubt, zur Auflockerung die ‚Biermösl Blosn‘ einzuladen, meine bajuwarische Lieblings-Band, keine Sorge, die machen’s umsonst für mich.
Wer den Kabarettisten Gerhard Polt kennt, kennt auch die Brüder Christoph, Hans und Michael Well, die drei präsentieren seit 1976 bayerische Folklore und Dialekt auf eine besondere subversive Weise. Die Blasmusiker stammen aus Günzlhofen, einem Dorf zwischen München und Augsburg — nicht weit entfernt vom Biermoos, nach dem sie sich nannten. Das Biermoos gehört zum Haspelhochmoor bei München, das vor Jahren in einen Großflughafen und in eine Mülldeponie umgewandelt werden sollte. ‚Blosn‘ = ‚Blase‘ ist ein bayerischer Begriff für ‚Clique‘, ‚Gruppe‘. Alles verstanden? Auf geht’s ...“

Der Russe kommt, der Russe kommt ...
ob er aber über Oberammergau ...
oder aber über Unterammergau ...

Der Angst-Automat
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Man ist versucht zu sagen: Egal, was oben reingegeben wird — unten kommt immer die Angst vor Russland heraus: Ob Putin ankündigt, keine dritte Amtszeit anstreben zu wollen, ob bei den letzten deutsch-russischen Konsultationen offene Fragen anstehen, ob neue Bedingungen im Luftverkehr ausgehandelt werden müssen — der Tenor ist immer der gleiche: Putin zeige Muskeln, er könne nicht von der Macht lassen, eine neue Eiszeit nahe, ein neuer Kalter Krieg stehe bevor, gar der „Dritte Weltkrieg“, wie G.W. Bush sich nicht scheute zu ‚warnen‘ ...

Woher die Angst vor Russland?
ob er aber über Oberammergau ...

Die Antwort ist umwerfend einfach:... Sie liegt — wenn man sich nicht nur an der Person Wladimir Putins aufhalten will — in Russlands Möglichkeit zur Autarkie. Die russische Autarkie ist doppelt begründet und leitet sich aus zwei Quellen her. Das sind zum einen die natürlichen Ressourcen der eurasischen Weite: Gas, Öl, Erze, Wald, Tiere — es sind zum zweiten die sozio-ökonomischen Ressourcen, die aus der Fähigkeit der russischen Bevölkerung zur Eigenversorgung und den damit verbundenen, ins Land eingewachsenen kulturgeografischen Strukturen folgen. Im Westen versucht man solche Strukturen heute mit dem Begriff des ‚Humankapitals‘ zu erfassen.
Zu sprechen ist von einem außerordentlichen natürlichen und menschlichen Reichtum, einer strukturell begründeten potentiellen Autarkie, die keine andere Gesellschaft auf der Erde in dieser konzentrierten Art und Weise ihr Eigen nennen kann. Sie gibt Russland die Möglichkeit, wenn es denn sein muss, unabhängig von globaler Fremdversorgung oder — in feindlichen Kategorien gedacht — von Sanktionen zu existieren, zumindest wesentlich länger zu überleben als andere Länder.
Dreimal versetzte diese strukturelle Autarkie Russland im Lauf der neueren Geschichte bereits in die Lage, europäischen Eroberungsversuchen zu trotzen, sie zumindest zu überstehen und gestärkt aus ihnen hervorzugehen: denen Napoleons 1812, denen der Deutschen Wehrmacht 1917, denen Hitlers 1939. Heute ist es wieder so: Trotz Krise, trotz technischer Rückständigkeiten, trotz Dauer-Transformation seit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts und bis heute schaffte es Russland zum Erstaunen der Welt nicht nur zu überleben, sondern auch dieses Mal wieder stärker aus der Krise hervorzugehen ...

Was ist die Basis für Russlands Autarkie?
oder aber über Unterammergau ...

Die russische Autarkie entsteht aus der außergewöhnlichen Kombination von extremem natürlichem Reichtum — Weite, Größe, Vielfalt — und ebenso extremen Härten, die aus denselben Bedingungen resultieren: Elf Klimazonen von extremer Hitze bis zu extremer Kälte, Weglosigkeit, Völkergemisch, Bedingungen, die nur im engen Zusammenwirken von Gemeinschaften bewältigt werden können. Diese Kombination von Reichtum und extremer Härte hat eine Kultur gemeineigentümlich wirtschaftender Dörfer unter einheitlicher zentralistischer Führung hervorgebracht.
In dieser Kultur hat sich im Unterschied zur westlichen Entwicklung, in welcher die frühere Gemeinwirtschaft durch eine private Eigentumsordnung abgelöst wurde, kein Privateigentum an Produktionsmitteln herausgebildet. Sofern doch Privateigentum an Produktionsmitteln entstand, war es lokale Ausnahme und vorübergehende Erscheinung von kurzer Dauer, wie gegen Ende des 18. und im Verlauf des 19. Jahrhunderts, als aus den dörflichen Strukturen private Industrie entstand, deren private Rechtsformen jedoch mit der Revolution von 1917 schon wieder beseitigt wurden.
Das heißt, vor Ort, in den Weiten des russischen Landes, im Volk war Eigentum gemeinschaftlich organisiert. In der westlichen Geschichtswahrnehmung sind diese Verhältnisse als russische Dorfgemeinschaft, als Dorfdemokratie, im Russischen als ‚Òbschtschina‘ bekannt; in Sibirien und im Süden Russlands waren es Genossenschaften freier Bauern, aber auch diese waren aufeinander angewiesene Gemeinschaften.
Die russischen Dörfer waren in ihrer Mehrheit ihrerseits Gemeineigentum des Zaren, der herrschenden Schicht, das heißt, des Hofes, der Kirche, des dem Zaren hörigen Dienstadels, alles zusammengefasst unter der Führung der zaristischen Selbstherrschaft, zu der Kirche und Staat sich verbunden hatten. Autarkie und Autokratie sind in dieser Geschichte untrennbar miteinander verbunden.
Man hat es im Ergebnis im traditionellen Russland mit einer Wirtschafts- und Lebensweise zu tun, die Karl Marx und Friedrich Engels seinerzeit als ‚asiatische Produktionsweise‘ charakterisierten.

Was ist die ‚asiatische Produktionsweise‘?
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Damit waren Verhältnisse gemeint, wie sie auch aus dem alten Mesopotamien, aus Ägypten, von den Inkas, aus China, aus Indien bekannt waren.
Marx und Engels kategorisierten die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft entlang zweier von ihnen angenommener Linien. Auf der Hauptlinie sahen sie — noch ganz einem ungebrochenen eurozentristischen Verständnis verhaftet — die Entstehung der abendländisch-europäischen Produktionsweise: Urgesellschaft – Sklavenhaltergesellschaft – Feudalismus – Kapitalismus – Sozialismus – Kommunismus, die sich, basierend auf der Entwicklung des Privateigentums an Produktionsmitteln, dynamisch, unaufhaltsam, eskalierend von Revolution zu Revolution aus einer Formation in die nächst höhere bewege. Für Marx/Engels war Europa das Zentrum dieser Bewegung, heute sind es von Europa ausgehend die U.S.A., allgemeiner der euro-amerikanische Westen. Auf der Nebenlinie verorteten sie die ‚asiatische Produktionsweise‘, in anderer Bezeichnung von Marx auch als ‚gemeineigentümlicher Despotismus‘, entstehend aus dem Zusammenwirken von dörflicher Selbstversorgung und einer ihr übergeordneten Bürokratie und von den Dörfern lebend (Priesterkaste, Gelehrtenhierarchie, Beamtenapparat...).

Privateigentum versus Gemeineigentum
ob er aber über Oberammergau ...

Die europäische Produktionsweise entwickelte Privateigentum als Motor der Selbstverwertung des Geldes, aus welcher der privatwirtschaftliche Kapitalismus hervorging. In ihr sind Staat, Kirche und Kapital getrennt und müssen sich immer wieder neu verbinden. Ihre Krisen tragen dynamischen Charakter.
Die asiatische Produktionsweise entwickelt Gemeineigentum als Basis einer stabilen individuellen und allgemeinen Selbstversorgung unter der Herrschaft einer verwaltenden Klasse. Krisen entstehen periodisch aus der Schwäche der Bürokratie, nicht aus der Dynamik des Kapitals.
Marx bezeichnete diese asiatischen Formen der Wirtschaft im Gegensatz zur griechisch/römischen Sklavenhaltergesellschaft, in welcher einzelne Menschen zum Privatbesitz einzelner Menschen wurden, als eine ‚allgemeine Sklaverei‘, weil in ihnen der Einzelne zwar frei, im Kollektiv aber dem Staat unterworfen oder gar hörig sei. Einen wesentlichen Unterschied der asiatischen Produktionsweise zur europäischen sahen Marx und Engels auch darin, daß die asiatische Produktionsweise keine innere Dynamik aufweise, die zum Kapitalismus dränge, sondern eine im Wesen stagnierende Gesellschaftsordnung sei, die zwar auch periodisch zusammenbreche, sich aber immer auf demselben Niveau wiederherstelle.
Marx und Engels entwickelten ihre Analyse am Beispiel der indischen Gesellschaft und bezogen auch die alten Hochkulturen mit ein. In Russland erkannten sie eine besondere Form der ‚asiatischen Produktionsweise‘, die sich aus einer immer wieder erfolgten Mischung mit europäischen Elementen ergeben habe; eine Entwicklung billigten sie Russland jedoch nur im Kontext mit dem Kapitalismus und der Revolution im Westen zu.

Der Irrtum von Marx und Engels
oder aber über Unterammergau ...

Ausgelastet mit der Aufarbeitung der Entwicklung des europäischen Kapitalismus konnten sie die Analyse der ‚asiatischen Produktionsweise‘ nicht zu Ende führen. So konnten sie nicht erkennen, daß auch diese Gesellschaftsform, insbesondere in ihrer russischen Variante, periodische Modernisierungskrisen erlebte, die nach Zeiten des Zerfalls regelmäßig in eine Effektivierung des Systems übergingen, nur daß die Ursachen ihrer Krisen nicht in wirtschaftlicher Dynamik, sondern in bürokratischer Stagnation lagen. Kurz, sie erkannten nicht, daß euro-amerikanische und asiatische Produktionsweise zwei Wege der Entwicklung sind, die nicht aufeinander folgen, sondern in Wechselwirkung neben- und miteinander existieren und sich gegenseitig beeinflussen, sodaß auch immer wieder neue Zwischenformen entstanden. So insbesondere im Verlaufe der russischen Geschichte, einschließlich ihrer sowjetischen Periode.

Modernisierung ohne sich selbst verwertendes Kapital
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Schauen wir deshalb noch ein wenig genauer auf die russische Entwicklung: Russland entstand im offenen Niemandsland zwischen mongolischen Chanaten (Chan/Khan = Fürst) und westlichen Städten, in reicher Natur, aber der Weite und der Wildnis ausgesetzt. Ergebnis war die Selbstherrschaft der Moskauer Zaren als Beschützer und Ausbeuter der sich selbst versorgenden Dörfer, deren Selbstverwaltung zugleich Basis der Verwaltung des Zaren wurde.
Es entstand die Struktur: ‚Zar — Dorf‘, Schatzbildung in Moskau, autonome Versorgung im Lande. Es entstand kein Lehen, sondern ein jederzeit kündbarer Dienstadel, kein individuelles Eigentum, sondern Kollektivbesitz, keine vermögende, handlungsfähige Mittelschicht, keine Urbanität, kurz, was nicht oft genug wiederholt werden kann: keine Dynamik eines sich selbst verwertenden Kapitals.
Die Modernisierungswellen gingen über das Land, ohne die Grundstruktur von Zentrum und Dorf in Frage zu stellen; Veränderungen vollzogen sich letztlich als Revolutionen von oben, als Teilimport westlicher Elemente, aber immer nur mit dem Ergebnis der Auswechslung von Personen. Selbst wo versucht wurde, die Grundstruktur der kollektiven Selbstversorgung anzutasten, wie unter Nikolaus II. Anfang des 20. Jahrhunderts, kam das Gegenteil zustande. Sein Ministerpräsident Stolypin provozierte als Reformer den bäuerlichen Widerstand; auch die Bolschewiki, die das Land danach gewaltsam industrialisierten, machten doch die Selbstversorgung zugleich zur Grundeinheit des Staates, überwacht von einem wiederhergestellten Zentralismus.

Der ‚Stolypinsche Kragen‘
ob er aber über Oberammergau ...

In den Umwälzungen am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts prallten asiatische und europäische Produktionsweise in Gestalt des von Europa ausgehenden Imperialismus und der bäuerlichen Realität Russlands besonders hart aufeinander. Die Revolution von 1905, ebenso wie die von 1917 waren Ausdruck dieser Entwicklung. In seinem Feldzug gegen die Selbstgenügsamkeit der ‚Òbschtschina‘ wollte Stolypin die Fortsetzung der von Peter I. begonnenen Industrialisierung erzwingen. Die Dorfgemeinschaften sollten in Wirtschaften privater Großbauern überführt werden, die ‚überflüssigen‘ Mitglieder der Dorfgemeinschaft sollten als Arbeiter in die Städte gehen. Am ‚Stolypinschen Kragen‘, wie der Strick des Galgens von der Bevölkerung damals getauft wurde, endeten tausende von Bauern, die dieser Politik nicht folgen wollten — aber ihr Opfer dokumentierte auch das Scheitern der Stolypinschen Politik.

Zaren-System auf neuem Niveau
oder aber über Unterammergau ...

Die Bolschewistische Revolution wiederholte den Stolypinschen Versuch im größeren Maßstab. Lenins Sieg über den Zarismus lebte einerseits von seinem Versprechen, jedem Bauern ein Stück Land zu geben. Gleichzeitig leitete er die Industrialisierung der Landwirtschaft ein; Stalin setzte sie gewaltsam fort und verwandelte die kollektive Tradition des Landes zugleich in einen allgemeinen Zwangskollektivismus auf dem Lande wie in der Industrie. Wer sich weigerte oder angeblich im Wege stand, wurde deportiert oder liquidiert. Aus dem agrarischen Despotismus des Zarentums wurde so ein planmäßiger industrieller Despotismus.
Was zwischen 1905 und 1930 geschah, war aber dennoch kein Aufschließen zum Kapitalismus nach dem Etappenmodell von Marx und Engels. Die sowjetische Gesellschaft übersprang nicht etwa nur einfach den Kapitalismus, um gleich zum Sozialismus überzugehen, sie entwickelte vielmehr eine andere Art der Kapitalisierung, nämlich eine Kapitalisierung des Gemeineigentums unter Führung der bolschewistisch erneuerten Bürokratie. Das geschah als Kollektivierung der Landwirtschaft, als Organisation kollektiven Lebens rund um die Betriebe und Institute, als Erneuerung der Einheit von Selbstherrschaft und Dorf in der Form von Parteiführer und Volk, indem Gemeineigentum als Staatseigentum definiert wurde.
Im Kern stellten sich die Strukturen der Zarenzeit auf neuem Niveau wieder her: keine Selbstverwertungsdynamik privaten Kapitals, Herrschaft nicht durch Geld, sondern durch zentral vorgegebene Ziele. Diese Konstellation — wie schon frühere Konstellationen der russischen Lebensweise — wäre auf langfristige Stabilität, in westlicher Diktion ‚Stagnation‘ — angelegt gewesen, wenn sie nicht — dies allerdings stärker als früher — mit dem europäischen Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase zusammengestoßen wäre. So ergab sich eine Konfrontation von prinzipiellem Charakter und historischen Ausmaßen: Selbstversorgung gegen Selbstverwertung des Kapitals und Selbstgenügsamkeit gegen konsumistische Expansion.

Russische Modernisierungsschübe
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Für den Ablauf russischer Modernisierungsschübe heißt dies alles: es gelten offensichtlich Regeln, die sich aus der unterschiedlichen Natur von asiatischer und europäischer Produktionsweise erklären. Sie lassen sich nach drei Phasen gliedern:
>Phase eins: Zusammenbruch nach langer Stabilität, bzw. Stagnation
>Phase zwei: Eintritt einer verwirrten Zeit, russisch: ‚Smuta‘= Zerfall der herrschenden bürokratischen Schicht
>Phase drei: Wiederherstellung des Konsenses dieser Schicht unter Hinzunahme von einzelnen Elementen der europäischen / westlichen Wirtschafts- und Lebensweise auf neuem technisch-zivilisatorischen Niveau.
Die Struktur: ‚Zentrum – Peripherie‘ bleibt jedoch als Kernform erhalten. So war es bei und nach Peter I., so während des Ersten. Weltkriegs und danach, so ist es heute.

Stau-Auflösung: ‚Perestroika‘ und ‚Glasnost‘
ob er aber über Oberammergau ...

Vor dem Hintergrund dieser Regeln werden die heutigen Abläufe erkennbar: Unter der Decke der gemeinwirtschaftlichen Ordnung der Sowjetunion waren im Laufe der 70er Jahre seit 1917 — gegliedert in mehrere Etappen, versteht sich, die hier nicht im Detail auszuführen sind — individuelle und regionale Qualifikationen herangewachsen, die nach Verwirklichung drängten.
Gorbatschows ‚Perestroika‘ (‚Umgestaltung‘) und ‚Glasnost‘ (‚Transparenz‘) waren nicht die Ursache für neue Initiativen, sie waren der Ausdruck, das grüne Licht für eine schon lange befahrene Straße, auf der sich der Verkehr bereits gefährlich staute.
Nach dem 17. Juli 1953 in der DDR, dem Aufstand in Ungarn 1956, dem Bau der Mauer 1961 war der Prager Frühling 1968 schließlich ein unübersehbares Zeichen; er zeigte aber auch, daß die sowjetische Staatsbürokratie noch nicht reif für die ‚Smuta‘ war.
Das Auftreten Michail Gorbatschows Anfang der 80er Jahre signalisierte die Bereitschaft der Führung der KPdSU zu einer der in der russisch-sowjetischen Geschichte üblichen Reformen von oben: ‚Perestroika‘ zielte auf eine gelenkte Befreiung der herangewachsenen Potentiale privaten Interesses im Rahmen der gemeinwirtschaftlichen Ordnung, ohne diese insgesamt aufheben zu wollen. Es ging um eine Effektivierung dieser Ordnung der kapitalisierten Gemeinwirtschaft, nicht um deren Abschaffung, nicht um die Einführung einer privatwirtschaftlichen Ordnung, auch nicht um die Verwandlung des asiatischen Typs der Produktion in den europäisch-westlichen.

Beschleunigter allgemeiner Zerfall
oder aber über Unterammergau ...

Die herrschende Bürokratie der Sowjetunion hatte jedoch das Ausmaß der bereits erreichten Individualisierung und Privatisierung des Denkens und Wollens, sowie die Dynamik der regionalen Entwicklungen unterschätzt, so daß die Lockerung der staatlichen Vorgaben zu einem sich beschleunigenden allgemeinen Zerfall führte. Der Druck der Anpassung an die umgebende Welt war einfach zu groß, um ihn kanalisieren zu können, die technische Revolution der neu entstehenden globalen Kommunikationsstruktur als Einwirkung von außen nicht — von heute aus gesehen: noch nicht — wieder beherrschbar. Mittel der Abschottung und Kontrolle der neuen Medien waren noch nicht zur Hand. Man könnte sagen, die Moskauer Bürokratie wurde von der Computerisierung überrannt. Boris Jelzin und seine ganz an den äußeren Einflüssen orientierten Reformer waren der Ausdruck dieser Dynamik — die sich dann im Schockprogramm Luft machte, das die Umwälzung innerhalb von zwei Jahren schaffen wollte.

Die Restauration des Staates
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Die Restauration des Staates unter Putin ist der konsequente nächste Schritt, dessen Inhalt darin besteht, die nach-sowjetische gemeinwirtschaftliche Produktions- und Lebensweise unter Einbeziehung westlicher Impulse und nach dem Abstoßen ineffektiver Ballaste im Lande wie an seinen Außenbereichen auf einem neuen Niveau wieder funktionsfähig zu machen.
Nicht Nachvollzug, nicht Übernahme der europäisch-westlichen Produktions- und Lebensweise ist der Inhalt der nach-sowjetischen und heutigen russischen Transformation, sondern die Effektivierung des nicht-privatkapitalistischen Weges mit Mitteln des Privatkapitalismus.
Was dabei herauskommen wird, ist selbstverständlich offen — auf keinen Fall aber eine einfache Übernahme des uns bekannten Kapitalismus mit der ihm immanenten Selbstverwertungslogik des Kapitals, auf keinen Fall nur ein Nachvollzug westlicher Muster, auf keinen Fall nur eine Einordnung in das neo-liberale Fortschritts- und Wachstumsschema der Globalisierung, sondern die Entstehung einer anderen als der auf Privateigentum basierenden Kultur, die westliche und traditionell russische Elemente zusammenführt, eine Entwicklung also, die Elemente der zentralistischen gemeineigentümlichen Ordnung mit privateigentümlichen Freiheiten zu verbinden sucht.

Die widersprüchlichen Elemente
ob er aber über Oberammergau ...

Öffnung für internationale Investitionen, Beitrittsabsichten zur WTO (Welthandelsorganisation) und Angleichung an deren Standards sowie Front mit den U.S.A. gegen internationalen Terror auf der einen Seite; dem steht die Beibehaltung von Staatskapital und staatlichem Zugriff auf Ressourcen, die erklärte Absicht, Subventionen für die eigene Landwirtschaft beizubehalten und der Anspruch auf eine Integrationsrolle Russlands für die Völker der russischen Föderation und Eurasiens mit Auswirkung auf die globale Ordnung gegenüber.
Klar gesprochen: Russland wird sich nicht in eine von den U.S.A. und der EU-beherrschte Globalisierung eingliedern, es wird seine ‚Sonderrolle‘ nach wie vor wahrnehmen, was nichts anderes bedeutet, als für die Länder, die wie es selbst von der asiatischen Produktionsweise herkommen, eine Impuls- und Führungsrolle gegen den ‚unipolaren‘ Herrschaftsanspruch der U.S.A. und für eine ‚multipolare‘ kooperative Weltordnung einzunehmen.

Russlands Vorteile
oder aber über Unterammergau ...

Entscheidend ist — daran sei hier noch einmal erinnert: Russland kann sich diese Rolle leisten, weil es aus seiner Geschichte die doppelte Autarkie mitbringt: die Unabhängigkeit in den natürlichen Ressourcen und die Tradition der Eigen- und Selbstversorgung in der Bevölkerung.
Russland wird dann stark sein, wenn es seinen staatlichen Griff auf die Ressourcen behält, statt den Markt ‚freizugeben‘; wenn es seine Tradition der Selbst- und Eigenversorgung, das heißt, die nicht ‚monetäre‘ Sphäre trotz Privatisierung weiterhin schützt und entwickelt.
Jede ‚Liberalisierung‘ des Welt-Ressourcenmarktes dagegen wie auch jede Verdrängung und Zerstörung der traditionellen Selbst- und Eigenversorgungsstrukturen durch forcierte ‚Monetarisierung‘ wird Russlands Sonderrolle schwächen und seine Identität tendenziell zerstören. Erfolg oder Misserfolg russischer Politik, innen- wie außenpolitisch, misst sich an diesen Vorgaben.

Russland als Interventionskandidat
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Diese Kräftelage macht deutlich, worum es bei internationalen Auseinandersetzungen auf dem Feld der WTO, des neuaufgelegten ‚Great Game‘ wie auch in der Militärpolitik geht: Es geht zunächst darum Russland von der Verfügungsgewalt über seine natürlichen Ressourcen zu trennen. Hieran sind vor allem die U.S.A., die EU, Japan, aber auch China und weitere ressourcen-abhängige Staaten interessiert. Das trifft sogar dann noch zu, wenn wir nicht nur über Gas und Öl, sondern auch über erneuerbare Energien oder Energien aus Naturkräften wie Wind, Wasser, Sonne sprechen. Selbst neue Verfahren der Energiegewinnung, wie OPV (Organische Photovoltaik), die jetzt am Horizont auftauchen, sind in diese Perspektive mit eingeschlossen, solange auch dafür eine Kunststoffbasis beruhend auf Öl gebraucht wird.
Es geht des Weiteren um politische Interventionen, die Russland daran hindern sollen auf Grund offener Bündnispolitik Führer oder Impulsgeber einer neuen ‚multipolaren Ordnung‘ zu werden. Nicht zuletzt geht es darum, Russlands traditionelle Kultur und die konkrete wirtschaftliche Struktur der Selbst- und Eigenverssorgung zugunsten einer globalisierten Fremdversorgung zu zerstören, Abhängigkeiten vom ‚internationalen Markt‘ herzustellen, Russland in den globalen Freihandel ‚einzubeziehen‘, wie es von der EU strategisch formuliert wird. Hierhin gehören auch innenpolitische Interventionen, die eine Sozial- und Kulturpolitik fordern, die den Markt im Lande unausweichlich und die Menschen vom Konsum abhängig macht.

Zukünftige Konfliktfelder
ob er aber über Oberammergau ...

Der Kampf um Öl, Gas, erneuerbare Energien usw., sind Auseinandersetzungen in der WTO und um sie herum. Da geht es um Zulässigkeit und Umfang von Subventionen, um Protektionismus. Neuerdings beginnt die EU allen Freihandelsanforderungen gegenüber anderen Ländern, vor allem gegenüber Russland, zum Trotz, sich selbst vor der Anlage russischer Gelder in Europa zu ‚schützen‘. Innenpolitisch steht forcierte Monetarisierung auf der Agenda, gegen Selbstversorgung, ‚Selbstgenügsamkeit‘ und traditionelle Tauschgewohnheiten.
Wird Putins Politik unter diesen Gesichtspunkten sachlich überprüft, dann lässt sich erkennen, daß er der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Die Ergebnisse seiner Politik bringen selbst radikale Kritiker der russischen Neu-Linken wie Boris Kagarlitzki zu der Aussage, Putin dürfe sich als erfolgreichster Herrscher Russlands betrachten, dessen Politik nur den einen Fehler habe, daß das Erreichte nicht gerecht verteilt werde. Auch außenpolitisch sei das erfolgreiche internationale ‚Comeback‘ unübersehbar. Dem ist zuzustimmen, wenn man nicht in bloße Kritikasterei á la Kasparow, Nemzow und anderen russischen Ultraliberalen verfallen will, die zum Liberalismus der Jelzin-Ära zurückkehren wollen.

Russlands Neo-Imperialismus?
oder aber über Unterammergau ...

Es wird von einem Neo-Imperialismus Russlands gesprochen, ohne zu berücksichtigen, daß das zaristische Russland und selbst noch die Sowjetunion nicht vom Imperialismus westlichen Typs geprägt war. Russlands vorsowjetische Expansion, ebenso die der Sowjetunion war vorrangig politisch motiviert, erst in zweiter Linie ökonomisch; sie war im Wesen integrativ, adaptiv, statt überseeisch kolonial. Es wird nicht verstanden, daß auch das heutige Russland nicht von dem Selbstverwertungsdruck des Kapitals zu imperialer Expansion getrieben, selbst aus Gründen der Ressourcensicherung nicht zu imperialen Aktivitäten gedrängt wird, daß es vielmehr aus politischer Motivation der Selbstberuhigung und des Selbstschutzes danach strebt, Impulsgeber einer ‚multipolaren‘ Ordnung zu sein, in der es seine Art weiter pflegen kann. Selbst ein schwerwiegender Öl- oder Gas-Knick könnte Russland nicht von sich aus in Abenteuer treiben; eine zukünftige Öl- oder Gas-Krise würde seine Autarkie nicht brechen, sondern sie erst recht zur Wirkung bringen.

Destabilisierung Russlands?
Der Russe kommt, der Russe kommt ...

Unter all diesen Bedingungen haben die Westmächte, wenn sie Russland fürchten und klein halten wollen, statt ein starkes Russland als Chance für einen zukünftigen Weltfrieden zu begreifen, nur wenige Optionen: Sie könnten versuchen, Russland zu zwingen, sich dem Weltmarkt anzuhängen, und so in die innenpolitische Krise treiben, um Russlands Kraft auf diese Weise von innen zu brechen. Sie könnten versuchen, Russland in einen Rüstungswettlauf zu treiben und so zu ruinieren und in Kleinkriege an seinen Grenzen zu verwickeln , wie sie in Tschetschenien und im Kaukasus bereits entstanden sind. Sie könnten schließlich Russland direkt mit Krieg überziehen.
Letztlich ist keine dieser Optionen realistisch, solange politische Vernunft das strategische Handeln bestimmt: Eine erneute Destabilisierung Russlands auf dem jetzigen Niveau wäre gleichbedeutend mit einer Destabilisierung des Weltmarktes und der internationalen Beziehungen. Eine direkte militärische Zerstörung Russlands, die mehr bewirken sollte als nur eine vorübergehende Lähmung des Landes auf dem Niveau der Selbstversorgung wäre angesichts atomarer Bewaffnung der möglichen Kontrahenten gleichbedeutend mit einer Zerstörung der Welt. Daran können selbst größenwahnsinnige Noch-Hegemonisten kein Interesse haben. Was außerhalb rationaler Interessen geschieht, ist eine andere Frage, über die zu spekulieren keinen Sinn macht.

„Erst ‘mal danke an die ‚Biermösl Blosn‘, ich hoff‘, die haben hier noch ein kühles Bier für euch ... nicht?
Eiskiste leer ... Bier alle?
Und der Russe kommt auch nicht?
George Kennan, der alte Kommunistenfresser, war ja in seiner missverstandenen Analyse von 1946 davon ausgegangen, daß sich die Russen nach einiger Zeit von selber aus den nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten Mittel- und Osteuropas zurückziehen würden, anschliessend gefolgt von den Amerikanern.
Das ist durch Interessen verhindert worden, deren historische Kontiuität und ökonomische Vielfalt während dieser Zugfahrt von euch immer mehr in den Mittelpunkt gerückt worden sind. Dabei habt ihr offenbar ein paar Adressen schon mit Namen versehen: Rockefeller, hörte ich, Kissinger hörte ich, Col. House und der ‚Council on Foreign Relations‘ ... Als ich die Einladung auf diese rollende Bühne erhielt, dachte ich, na ja, du bist schon in schlechterer Gesellschaft gewesen, drück dich nicht!


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