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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009
Friedrich Flick Gymnasium Kreuztal
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Friedrich Flick hat nur einmal in seinem Leben nicht spekuliert, sondern eigenhändig etwas produziert: geschälte Kartoffeln und geflickte Schuhe — im Gefängnis ...
Doch dreissig Jahre nach Kriegsende ist er bei seinen alten Leisten:


37 Die fünf stärksten Säulen des neuen Flick-Reiches sind:
der Autokonzern Daimler-Benz AG in Stuttgart-Untertürkheim, mit 11,6 Milliarden DM Jahresumsatz das fünftgrösste Unternehmen der Bundesrepublik;
der Papierkonzern Feldmühle AG in Düsseldorf-Oberkassel, der mit seinen zahlreichen in- und ausländischen Beteiligungsgesellschaften mehr als 1,5 Milliarden DM pro Jahr umsetzt;
das Kunststoff- und Sprengmittel-Unternehmen Dynamit Nobel AG in Troisdorf bei Köln, Jahresumsatz über 1,2 Milliarden DM;
der Verarbeitungskonzern Buderus’sche Eisenwerke in Wetzlar, Deutschlands grösste Eisengiesserei, die mit ihren Tochtergesellschaften (darunter die Münchener Panzer- und Lokomotivenfabrik Krauss-Maffei und die Metallhüttenwerke Lübeck) rund 2,4 Millahresumsatz erzielt;
das Stahlwerk Maximilianshütte in Sulzbach-Rosenberg, Oberpfalz, mit einem Jahresumsatz von 700 Millionen DM.

DIE FLICK-AFFÄRE — Teil 2
Oder: wie in Deutschland Politik gekauft wurde


Ausgangspunkt der Nachkriegs-Flick-Affäre war ein Aktiengeschäft im Jahr 1975, bei dem der Flick-Konzern Aktien der Daimler-Benz AG im Wert von 1,9 Milliarden D-Mark an die Deutsche Bank verkaufte.
Der Flick-Konzern beantragte beim zuständigen Bundeswirtschaftsministerium im Januar des Jahres für dieses Geschäft die Steuerbefreiung. Die kann nach ‚Paragraph 6b‘ des Einkommensteuergesetzes vom Minister gewährt werden, wenn eine Reinvestition für volkswirtschaftlich förderungswürdig gehalten wird. Die zu zahlenden Steuern hätten knapp 986 Millionen Mark betragen. Sowohl Minister Hans Friderichs als auch sein Nachfolger Otto Graf Lambsdorff (beide FDP) erteilten diese Genehmigungen.
1981 entdeckten Steuerfahnder ein Kassenbuch des Flick-Generalbuchhalters Rudolf Diehl, in dem Bargeldzahlungen an Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien verzeichnet waren. Unter anderem waren dies: dreimal 250.000 D-Mark an den CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, einmal 50.000 D-Mark an den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, mehrmals 30.000 D-Mark an Otto Graf Lambsdorff (FDP), einmal 100.000 D-Mark an Walter Scheel (FDP) und mehrmals 70.000 D-Mark an Hans Friderichs (FDP). Zu den Empfängern zählten also auch Friderichs und Lambsdorff, womit der Verdacht der Bestechung beziehungsweise Bestechlichkeit nahelag.
Nach Angaben des bei Flick für die politische Lobbyarbeit zuständigen Flick-Managers Eberhard von Brauchitsch habe es sich aber lediglich um Parteispenden gehandelt. Von Brauchitsch gilt als der Erfinder der Abkürzung wg. (wegen), mit der die Spenden gezeichnet wurden (wg. gefolgt vom Namen des Empfängers).
Am 29. November 1983 kündigte die Staatsanwaltschaft an, Anklage gegen die Manager von Brauchitsch und Manfred Nemitz wegen fortgesetzter Bestechung, sowie wegen Bestechlichkeit gegen Friderichs, Lambsdorff und den früheren Wirtschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen Horst Riemer zu erheben. Der Bundestag hob am 2. Dezember auf Ersuchen der ermittelnden Bonner Staatsanwaltschaft die Immunität des amtierenden Bundeswirtschaftsministers Lambsdorff auf, der dann, als die Anklage zugelassen wurde, am 27. Juni 1984 zurücktrat.
Der Prozess vor dem Bonner Landgericht zog sich rund anderthalb Jahre hin. Nach Aussage des Richters Hans Henning Buchholz fielen „nahezu alle Zeugen ... durch ihr schlechtes Erinnerungsvermögen auf“. Letztlich wurden am 16. Februar 1987 Eberhard von Brauchitsch sowie die Politiker und vormaligen Bundeswirtschaftsminister Friderichs und Otto Graf Lambsdorff aber lediglich wegen Steuerhinterziehung beziehungsweise Beihilfe zur Steuerhinterziehung verurteilt. Von Brauchitsch erhielt eine Bewährungs-, Lambsdorff und Friderichs Geldstrafen. Eine Beeinflussung politischer Entscheidungen durch die Geldzahlungen ließ sich nicht nachweisen ... (Obwohl ...)
... Durch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss wurde klar, daß insgesamt mehr als 25 Millionen D-Mark aus Flicks schwarzen Kassen an Politiker von CDU/CSU, FDP und SPD geflossen waren.


REGIE! Film bitte ab!

HEUTE MINISTER, MORGEN BANKIER.
HEUTE BANKIER, MORGEN MINISTER.


Deutschland 1991 / 49 Min

Bildredakteur: Stephan Thonett
Camera: Rainer Kling
Composer: Carl Orff, Krzysztof Penderecki
Cutter: Birgit Köster
Director: Peter Kleinert, Michael Houben
Music Supervisor: Andrew Davies
Redaktionsleiter: Peter Nadermann
Screenplay: Peter Kleinert, Michael Houben
Sound: Stephan Thonett, Birgit Köster
Broadcasting service: Kanal 4
Production: KAOS Film- und Video-Team Köln

Hans Friderichs, der ehemalige FDP-Wirtschaftsminister und Dresdner Bank-Chef ist — ungebrochen durch seine Partei-Spendenaffäre mit dem Hause Flick — immer noch einer der Drahtzieher „unserer Wirtschaft“, weshalb ihm die Autoren das Lenin-Zitat im Titel gewidmet haben.
Voller Stolz auf seine Karriere läßt er sich, inzwischen zum „Airbus“-Boss aufgestiegen, bei einer Flugzeugtaufe, vor dem Kaminfeuer zuhause und auf dem Rennrad filmen — hier allerdings begleitet von Leibwächtern im Mercedes.
Was Friderichs selbst in seiner Biografie vorsichtshalber weglässt, ergänzen die Autoren, gestützt auf die Archive, auf einige Kritiker, wie die Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hans See und Jörg Huffschmidt und auf seine „Weggefährten“.
Nur einer von diesen, Otto Graf Lambsdorff, Wirtschaftsminister und FDP-Vorsitzender, wie Friderichs wegen der Flick-Affäre rechtskräftig aber — entsprechend seiner Position — gentlemanlike verurteilt, merkt schon während der Filmaufnahmen, daß dies offenbar keiner der im Fernsehen üblichen Filme werden soll und bricht — um seine Fassung kämpfend — das Interview ab.
Die anderen Freunde, wie der vom „Corps Teutonia“, plaudern stolz im Interview oder werden von Friderichs persönlich ebenso stolz erwähnt: Walter Deuss - Karstadt AG, Horst K. Janott - Münchner Rück, Joachim Zahn - Daimler Benz, Hans L. Merkle - Deutsche Bank, BASF, BDI, Alfred Herrhausen - Deutsche Bank, Jürgen Ponto - AEG und Dresdner Bank, Fritz Berg - BDI-Präsident, Hans Günther Sohl – ehemals Wehrwirtschaftsführer Thyssen AG, BDI-Präsident, Eberhard von Brauchitsch - Friedrich Flick KG und BDI-Vizepräsident.
Brauchitsch, Lambsdorff und Friderichs wurden im Flick-Prozess nicht, wie die Staatsanwaltschaft wollte, wegen Bestechlichkeit, sondern „nur“ wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Das brachte Friderichs zwar um seinen Vorstandsvorsitz bei der Dresdner Bank, wenig später aber den Vorsitz im Aufsichtsrat von „Airbus“ — wohl nicht zuletzt, weil er der Daimler Benz AG seiner Freunde Herrhausen und Zahn per Ministererlaubnis zu „zusätzlichen Geschäftsbereichen“ (AEG, MBB, MTU) verholfen und damit den größten deutschen Rüstungskonzern mit auf die Welt gebracht hatte.


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Bin ich der da?
Wer da?
Der da!
Oder — die da? ...

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37 Nürnberg, 1947: „Dieser erste Wirtschaftsprozeß ist kein Angriff gegen Dr. Flick und seine Mitarbeiter, sondern ein Angriff gegen die ganze deutsche Wirtschaft, gegen den Kapitalismus und gegen seine Industriellen.“ Ankläger Telford Taylor wertete diese Taktik der Verteidiger als den Versuch, „die verkehrte Welt des Dritten Reichs in ‚Wir‘ und ‚Sie‘ zu teilen: ‚Sie‘ sind die bösen Leute, eine Gruppe von Personen, deren Zusammensetzung sich dauernd ändert, je nach dem Anklagepunkt, um den es sich handelt. Mitunter bleiben ‚Sie‘ namenlos; mitunter sind ‚Sie‘ Himmler oder Göring; mitunter sind ‚Sie‘ weniger furchtbare Figuren wie Pleiger oder Kranefuß. Wer ‚Sie‘ auch immer sein mögen, ‚Sie‘ sind Ursprung und Wurzel allen Übels im Dritten Reich.
‚Wir‘ dagegen, so sagen die Angeklagten, hatten überhaupt keine bösen Absichten, sondern ‚Wir‘ lebten in Furcht vor ‚Ihnen‘. Um ‚Sie‘ ruhig zu halten, mussten ‚Wir‘ uns gut mit ‚Ihnen‘ stellen. ‚Wir‘ gaben Göring erhebliche Geldsummen und handelten als sein Vertreter; ‚Wir‘ gaben Himmler Obdach in der Stunde der Not, ‚Wir‘ gaben ihm Taschengeld und spielten die Rolle von Mitgliedern des ‚Freundeskreises‘; ‚Wir‘ erwarben mit Bedauern Eigentum, das Göring und Pleiger bei unglücklichen Juden und Franzosen beschlagnahmt hatten; ‚Wir‘ waren entsetzt, als ‚Wir‘ uns klar darüber wurden, daß ‚Wir‘ gezwungen worden waren, Tausende von Ausländern zu beschäftigen, die ‚Sie‘ zu Sklaven gemacht hatten im Interesse der Aufrechterhaltung unseres Geschäfts. Es war alles höchst bedauerlich, aber was hätten ‚Wir‘ tun können?“


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Wir rollen abermals auf deutschen Gleisen, hier in Südwestfalen schon seit 1861 in Betrieb.
Heute verläuft in Nord-Süd-Richtung die Ruhr-Sieg-Strecke, in West-Ost-Richtung die Rothaarbahn durch das Wittgensteiner Land Richtung Marburg. Zudem gibt es hier den einzigen Rangier-Bahnhof in Südwestfalen. An den Rangier-Bahnhof angeschlossen liegt der einzige Container-Bahnhof der Region.
Wir halten in einer Gegend Deutschlands, in der das Wort „Kriegsverbrecher“ einen unwirklichen Klang hat …


— flicker — flicker — flicker ... stopp

„ ... auf dem Parkplatz vor dem Friedrich-Flick-Gymnasium im westfälischen Kreuztal. Es geht auf den Abend zu, der Schulbetrieb ruht, Blütenduft weht aus Gärten herüber.“

DIE FLICK-AFFÄRE — Teil 3
Oder: wie in Deutschland Politik gekauft wurde


Oliver Hirsch deutet auf die Betonschule aus den siebziger Jahren mit ihrem Flachdach ...
„Hier hat von Anfang an einiges nicht gestimmt. Ein Flachdach im Siegerland, wo es dauernd regnet. Das ist fast so schlimm wie der Name: Siegerland.
Mehr als zwanzig Jahre ist es her, seit ich hier mein Abitur gemacht habe — am Friedrich-Flick-Gymnasium, benannt nach dem Großindustriellen und verurteilten Kriegsverbrecher. Als ich und andere Schüler damals gegen den Namen protestierten, hat der Schulleiter gesagt: ‚Ihr gehört nicht an diese Schule.‘
Jetzt bin ich einundvierzig und Neuropsychologe. All die Jahre hat mich diese Geschichte nicht losgelassen. Deshalb habe ich sie jetzt wieder aufgegriffen.
Ich erinnerte mich, daß vor zwanzig Jahren im Kreuztaler Stadtparlament um die Frage gerungen wurde, ob ein städtisches Gymnasium den Namen eines Kriegsverbrechers tragen dürfe. 1988 entschieden die Verordneten mit 29 zu 16 Stimmen: Ja. Der Antrag der Grünen auf Umbenennung wurde abgelehnt. Ich habe jetzt jedem einzelnen Abgeordneten per Brief die Frage gestellt, wie er damals abgestimmt hat und warum gerade so. Viele antworteten, einige beschimpften mich, etliche wollten nur Ruhe. Es ist unfassbar: die meisten halten noch immer an Flick fest.“

Auf der Zeitschiene geben wir Dampf, um durch einen unserer Geschichtstunnel die Stadt Kreuztal im kommenden Jahr zu besuchen.
Regie! Geschichtstunnel!
Stopp auf der Zeitschiene: 14. Mai 2008!


„Was hat sich denn geändert, gibt es irgendeinen neuen Sachstand?“ fragt Werner Müller, CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament. Der Sachstand ist der gleiche. Aber es hat sich etwas geändert. Auch im kleinen Siegerland gibt es heute das Internet. Ende April schaltete Oliver Hirsch zusammen mit einem früheren Schulfreund eine Website mit dem Titel „Flick-ist-kein-Vorbild“, die seither weit über Kreuztal hinaus für Diskussionen sorgt. „Wie kann es sein, daß ein Gymnasium nach einem Mann benannt wird, der Zwangsarbeiter beschäftigt hat, von denen viele starben?“ sagt Hirsch. „Einen Mann, der wegen Sklavenarbeit zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde?“
Ja, wie? Weil Friedrich Flick aus Kreuztal stammte. Und weil es ohne ihn das Friedrich-Flick-Gymnasium gar nicht geben würde. Denn er, der einstmals reichste Mann Deutschlands, hat 1969 drei Millionen Mark für den Bau der Schule gestiftet und sie auch später stets finanziell gefördert. Es gibt allerdings Stimmen, die sagen, das Geld sei über Steuerabschreibungen und Bauaufträge an ihn zurückgeflossen.
„Sie verstehen unser Dilemma?“ fragt der Schulleiter Herbert Hoß, ein hochgewachsener 53-Jähriger mit Schnurrbart. Wenn man ihn besuchen will, muss man an einem Porträt Friedrich Flicks vorbei. Der Geist von Flick, waltet er hier? „Den werden Sie nicht finden“, sagt der Direktor. „Wir sind keine Ewiggestrigen.“ Der Frage nach dem Vorbild versucht er auszuweichen. „Müssen etwa alle Schüler auf dem Rubens-Gymnasium malen können? Oder auf dem Clara-Schumann-Gymnasium musizieren?“ Man spreche ohnehin nur vom „FFG“ statt vom Friedrich-Flick-Gymnasium. Das Kürzel sei die Marke der Schule.
Hoß weiß, daß sich die Widersprüche nur mit viel Mühe übertünchen lassen. So geht das schon seit vierzig Jahren. Kein Geist von Flick, aber sein Name. Ein Bild im Vorzimmer, aber kein Text über ihn auf der Homepage der Schule. Ein Verbrecher — kein Verbrecher. „Er hat was gemacht, dafür hat er gebüßt“, sagt Herbert Hoß. „Hier hat er viel Gutes getan. Ohne ihn könnten wir unsere Migrantenkinder nicht fördern oder auch keine Zuschüsse für Klassenfahrten geben.“
Noch immer fließt aus zwei Stiftungen Geld an das Gymnasium mit seinen 800 Schülern. Vor zwei Jahren konnten neue Computer angeschafft werden. Der Physikraum wurde neu ausgestattet. Der beste Abiturient bekommt einen Förderpreis. „Und bei uns muss kein Lehrer seine Kopien selbst bezahlen.“ Geld stinkt also wirklich nicht? „Ich kann schlecht dazu beitragen, jemandem, der so viel getan hat, einen Fußtritt zu geben“, sagt Hoß. „Aber es ist ohnehin nicht unsere Aufgabe, das zu entscheiden. Das kann nur die Stadt Kreuztal.“
Als Stadt gibt es Kreuztal erst seit 1969, als sie aus vier Dörfern entstand. Damals wurde an einer Wegkreuzung ein neues Stadtzentrum gebaut, das mit seinen Betonfassaden, einem monströsen Kaufmarkt und der Fußgängerzone den Geist der siebziger Jahre atmet. Im Rathaus regiert der CDU-Bürgermeister Rudolf Biermann, ein schlanker Mann mit weißem Haar, ein unkonventioneller Typ. Er will zur Umbenennungsfrage nichts sagen, bis er eine Anfrage der Grünen über die rechtliche Lage geklärt hat: Wenn man den Namen ändert, muss dann zurückgezahlt werden? Ist die Förderung an den Namen gebunden? Und — kann die Stadt es sich leisten?
Das sollte möglich sein, denn in Kreuztal gibt es nur sechs Prozent Arbeitslosigkeit und gute Steuerzahler, viele Industriebetriebe, darunter die ‚Brauerei Krombacher‘. Er habe „den besten Fachanwalt des Siegerlandes“ eingeschaltet, um das Problem zu erörtern, sagt der Bürgermeister. Er weiß, daß man die Vergangenheit nicht so einfach loswird. „Der Rat ist verpflichtet, sich der Thematik zu stellen“, sagt er. Er halte nichts davon, die Diskussion einfach abzuwürgen.
Das ist ein offener Affront gegen den Fraktionsvorsitzenden seiner Partei, Werner Müller, der im Rat angekündigt hatte, jeden Antrag auf eine Debatte mit der CDU-Stimmenmehrheit abzulehnen. Wenn allerdings die Schulkonferenz etwas anderes wolle, dann gäbe es eine „neue Qualität der Auseinandersetzung“, sagt Müller. „Dann werden wir neu diskutieren.“ Die Stadt versteckt sich hinter der Schule, die Schule hinter der Stadt. Das ist das Spiel, wie es in Kreuztal seit zwanzig Jahren gespielt wird.
Störend ist nur, daß die Schuldiskussion auch alles andere wieder aufzurühren droht, was Kreuztal zu einem Ort macht, den das Magazin ‚Der Spiegel‘ einmal als ‚gekaufte Stadt‘ bezeichnete. Denn es ist das eigentliche Dilemma von Kreuztal, daß die Geburtsstadt von Friedrich Flick sehr gut mit und von ihrem erfolgreichsten Sohn gelebt hat ...
Die Bonner Republik verlieh ihm das ‚Große Bundesverdienstkreuz‘. Trotz seines Reichtums weigerte sich Friedrich Flick beharrlich, die NS-Zwangsarbeiter zu entschädigen. 1985 verkauften seine Erben den Konzern für fünf Milliarden Mark an die Deutsche Bank, die sich später am Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft beteiligte. Damals war der Unternehmensgründer schon lange tot. Er liegt seit 1972 begraben in Kreuztal-Ernsdorf, nur ein paar hundert Meter von seinem Geburtshaus entfernt. „Der reichste Mann Deutschlands kam aus Kreuztal“, sagen die Leute heute noch, und man hört den Stolz heraus, daß einer von ihnen es geschafft hat.
Während er seinen Zwangsarbeitern keinen Pfennig gönnte, überschüttete Flick seine Heimatstadt mit Wohltaten. Die Friedrich-Flick-Förderstiftung in Düsseldorf, dem Sitz der Konzernzentrale, hatte Anweisung, Anträge aus Kreuztal unbürokratisch und schnell zu bearbeiten — was sie bis zum heutigen Tag tut. „Es fließen noch immer viele Gelder“, sagt der frühere Schulleiter Günter Schweitzer, der an diesem Tag zu einem Besuch ins Gymnasium gekommen ist. Der 78-Jährige hatte den Ruf, ‚ein harter Knochen‘ zu sein. Bei ihm hätten die Abiturienten die Gänge nicht mit bunten Cartoons bemalen dürfen. „Hier der Physiksammelraum, den habe ich noch selbst aufgebaut“, sagt er. „Meinen Sie, wir hätten das ohne das Geld von Flick geschafft?“
Schweitzer kann erklären, wie es seinerzeit zu dem Namen gekommen ist. Als die Schule gebaut wurde, schien es unmöglich, die Kosten von rund zehn Millionen Mark allein aus dem städtischen Etat aufzubringen. Als Sponsor trat wie stets Flick auf den Plan, und zum Dank schlug man vor, die Schule ‚Friedrich-Flick-Gymnasium‘ zu nennen. „Die Idee kam aus dem Stadtrat“, sagt Schweitzer. „Darüber wurde nicht diskutiert.“ Der Gründungsdirektor hält Friedrich Flick durchaus für ein Vorbild, „in Arbeitsamkeit, Sparsamkeit, Fleiß“...


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Ex-„FFG“-Schüler Oliver Hirsch, und Freunde, im Internet:
Das Friedrich-Flick-Gymnasium (FFG) wurde am 6.11.2008 in ‚Städtisches Gymnasium Kreuztal‘ (SGK) umbenannt, diese Seite wurde seither nicht mehr aktualisiert.




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