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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009

Frantz Fanon New York Times

KAPITEL 12  



25 Es wird Ihnen gut tun, Fanon zu lesen ...

„Wie bitte?”

... Diese ununterdrückbare Gewalt ist, wie er genau nachweist, kein absurdes Unwetter, auch nicht das Wiederdurchbrechen wilder Instinkte, ja nicht einmal die Wirkung eines Ressentiments: sie ist nichts weiter als der sich neu erschaffende Mensch ...

... wir zitierten aus dem Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde”, aufgeschrieben im September 1961 von Jean-Paul Sartre ...
• 1952 - 56 Mitglied der französischen KP
• 1956 Kritik an der Intervention der UdSSR in Ungarn
• 1968 Kritik an der Intervention der Warschauer Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei ...

REGIE!

... Haben wir wenigstens ein Bild von diesem französischen Philosophen, der hinter seiner Hornbrille immer zur selben Zeit in zwei unterschiedliche Richtungen blickte ... blicken konnte ... blicken durfte?


„Pardon, ich dachte, Sie würden sich für mich interessieren, und nicht für meinen Vorwort-Schreiber ...“

Ah, willkommen auf unserer rollenden Bühne, Monsieur Fanon! Verfasser des „Manifests des Antikolonialismus“! Geboren 1925 in der französischen Inselkolonie Martinique, ausgesetzt dem Konflikt zwischen „Schwarzer Haut und weissen Masken“ …

„Da haben Sie den Titel meines ersten Buches sehr schön untergebracht ... Auf Martinique wohnen ja überwiegend schwarze Menschen. Wir waren in der Schule und im kulturellen Leben immer wieder mit der Tatsache konfrontiert, daß die weisse europäische Kultur als erstrebenswert galt, während unser afrikanisches Erbe als primitiv abqualifiziert wurde — nicht nur von den Weissen! Auch von uns, den Schwarzen!
Mein Buch ‚Schwarze Haut, weiße Masken‘ nannte ich eine ‚Soziodiagnose‘ der Entfremdung unserer Menschen auf den Antillen. Daß Psychiatrie zum Schwerpunkt meines Studiums wurde, hing damit zusammen. 1953 nahm ich in der französischen Kolonie Algerien eine Stelle als Chef der psychiatrischen Klinik in Blida-Joinville an, das war in der Nähe von Algier.
Im Dezember 1954 begann der Algerienkrieg. Die französische Armee versuchte mit extremer Brutalität die Unabhängigkeitsbestrebungen der algerischen Bevölkerung zu unterdrücken. Bis zur Proklamation der Unabhängigkeit am 3. Juli 1962 wurden ungefähr eine Million Menschen auf algerischer Seite und auf französischer Seite um die siebenundzwanzigtausend Menschen getötet.
Ich sah mich unmittelbar mit den Kriegsauswirkungen konfrontiert. Als Psychiater behandelte ich Folteropfer. Ich schloss mich der algerischen Befreiungsbewegung FLN an und versteckte gefolterte FLN-Kämpfer vor der französischen Armee.
Angesichts des immer weiter eskalierenden Krieges kündigte ich 1956 aus Protest meine Stelle. Ich ging nach Tunis, wo ich neben meiner Tätigkeit als Arzt auch als Redakteur der FLN-Zeitung El Moudjahid arbeitete.
Weil ich die FLN auf internationalen Tagungen ziemlich erfolgreich vertrat, versuchte der Gegner mehrfach, mich aus dem Weg räumen, einigen Mordversuchen entging ich nur knapp.

… Sie möchten, daß wir Ihre Geschichte ab hier aufnehmen?
Nun, der Tod kam nicht von Mörderhand, er kam von innen, und rasch. Ende 1960 wurde Leukämie diagnostiziert. Im Sommer 1961 begannen Sie wie ein Besessener, an diesem Buch zu schreiben. Das Manuskript zu „Die Verdammten dieser Erde" war innerhalb von zwei Monaten fertiggestellt. Am 3. Dezember konnten Sie noch die ersten Druckexemplare begutachten, ob auch das von Sartre geschriebene Vorwort, bleibt unklar. Drei Tage später erlagen Sie Ihrer Krankheit.
Während Sie Ihre früheren Schriften auch für ein europäisches Publikum verfasst hatten, Monsieur Fanon, ist Ihr letztes Werk einzig an die „Verdammten dieser Erde“ gerichtet, …


„Daß ich den Titel der ersten Strophe der Internationale entnahm, ist Ihnen klar?“

Ja, aber Sie wendeten sich endgültig ab von der europäischen Arbeiterklasse und von den westlichen linken Intellektuellen. Für Sie waren es nicht mehr Verbündete bei der Anstrengung kolonisierter Länder, sich zu befreien. Sie setzte Ihre Hoffnungen auf den gewaltsamen Aufstand der afrikanischen Massen.
Wenn wir Sartre richtig verstanden haben, waren den „Verdammten dieser Erde” in ihrer Angst und in ihrer Wut nur noch Tunnelblicke möglich?


„Es wird Zeit, daß ich mich vom Vorwort meines Freundes Jean-Paul Sartre distanziere. Er hat meine Thesen rigoros zugespitzt und zu einer platten Lesart meines Buches verleitet.

25 Einen Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen ... Was übrigbleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.

„Nicht ich habe diesen Satz geschrieben, sondern Sartre in seinem langen Vorwort. Aber damit war die Interpretationslinie für die zukünftige Rezeption meines Werkes vorgegeben. Viele Leser begnügten sich mit der Lektüre des Vorwortes und konsultierten allenfalls noch das erste Kapitel ‚Von der Gewalt‘, und somit schien die Botschaft klar: Fanon liefert eine Apologie der Gewalt, Fanon liefert eine Gebrauchsanweisung für den bewaffneten Befreiungskampf.
Wenn Sartre Trotzki empfohlen hat, mein Buch zu lesen, dann muss ich darauf bestehen, es in meinem, nicht in Sartres Sinne zu lesen.
Ich habe die therapeutische Funktion von Gewalt hervorgehoben. Dabei habe ich mich ausdrücklich auf die herausgeforderte Gegengewalt der Kolonialisierten bezogen. Gewalt an sich ist von mir nie bejaht worden. Sie ist nur legitim in einer bestimmten historisch-konkreten Situation.

Wenn ich das algerische Beispiel gewählt habe, so nicht, um unser Volk zu glorifizieren, sondern um die Bedeutung zu zeigen, die der Kampf, den es geführt hat, für seinen Bewusstseinsprozess hatte. Es ist klar, daß andere Völker auf anderen Wegen zu dem gleichen Ergebnis gekommen sind. In Algerien war, wie man heute weiß, die Kraftprobe unvermeidlich, aber andere Gebiete kamen durch ihren politischen Kampf und die Aufklärungsarbeit der Partei ihrer Völker zu den gleichen Ergebnissen.

— tazara — tazara — tazara ...


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