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TAZARA ... mit der Eisenbahn durch die Weltgeschichte © KJS / 2009


Leo Trotzkis Ankunft 1917 in Petrograd wikipedia

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Das war das Stichwort für unsere VIP-Betreuung! ...
Wir begrüssen ... Gospodin Lew Dawidowitsch Bronstein!
Genau neunzig Jahre ist es her seit Ihrem letzten Auftritt per Eisenbahn — 1917 in Petrograd!

„Ja, aber da nannte ich mich schon seit fünfzehn Jahren Trotzki.”

Geboren 1879 ... nur fünf Jahre nach Ihnen Mr. Rockefeller ... in Janowka, einem Schtetl in der Ukraine, fünftes Kind des jüdischen Bauern David Bronstein ...
Trotzki für Bronstein? Weg mit dem jüdischen Namen?

„Ach nein, wissen Sie, Jude blieb ich Zeit meines Lebens, auch wenn das nicht einfach war in Russland — vor und nach der Revolution.
Vom orthodoxen Judentum des Schtetls hab ich mich bald verabschiedet. Die Scheinfrömmigkeit meiner Eltern zu erkennen, da half ein langer Aufenthalt in der Hafenstadt Odessa; ich trat immer für ein weltoffenes, assimiliertes Judentum ein.
1898 wurde ich zum ersten Mal verhaftet, aber nicht weil ich Jude war ...”

Das war so um die Zeit, als Ihr Vater, Mr. Rockefeller, den seltsamsten Völkern in den entferntesten Gegenden der Welt sein Licht brachte.

„... ein Tischler namens Nesterenko verriet mich an die zaristische Polizei. Die war gegen die Art von Erleuchtung, die ich zu verbreiten half — die Ideen des internationalen Sozialismus.
Im Moskauer Überführungsgefängnis heiratete ich Alexandra Lwowna Sokoloskaja ... Weil sie zu meinen Überzeugungen stand, ging sie mit mir in die Verbannung ins sibirische Irkutsk ... zwei Töchter hatte ich mit ihr, und alle drei liess ich zurück, als sich mir die Gelegenheit zur Flucht bot — mit einem falschen Pass auf den Namen Trotzki — so hiess der Oberaufseher des Gefängnisses in Odessa, wissen Sie ...“

Wir wussten nicht, daß Sie auch witzig sein konnten …

„Als Trotzki habe ich in London Wladimir Iljitsch Uljanow kennengelernt, er hatte mich zur Mitarbeit eingeladen. Erst seit kurzem nannte er sich Lenin. Viele von uns wählten damals Decknamen. Es hiess immer, Wladimir Iljitsch habe den seinen vom sibirischen Fluss Lena abgeleitet — wissen Sie, nach Sibirien verbannt zu werden, bedeutete damals praktisch, daß man im zaristischen Russland als anerkannter Oppositioneller galt.
Aber es war wohl eher die Erinnerung an sein Kindermädchen Lena, schon als kleiner Junge soll er auf die Frage wessen Junge er sei, geantwortet haben ‚Lenin’ — auf russisch heisst das ‚Lenas’ ...
Kichern Sie nicht, Mr. Rockefeller, wir haben alle unsere kleinen Geheimnisse, nicht wahr?
Als Trotzki lernte ich Ihre Vereinigten Staaten von Amerika kennen, und gleich zu Beginn ein Eckchen des ‚schwarzen’ Problems in Ihrem gelobten Land.
Seit 1903 hatte ich mit Natalija Sedowa zusammengelebt, sie war Kunststudentin in Paris — wissen Sie, als Revolutionär sind familiäre Bindungen so unstet wie politische Allianzen ...
Aber Natalija Sedowa hatte ihre Lebensreise mit der meinen verbunden, durchlebte mit mir neue Verbannungen in Russland, neue Flucht, das rastlose Irren der Emigranten von Land zu Land ...
Ich war Kriegsberichterstatter auf dem Balkan gewesen, ich war unter den Akteuren in Konstantinopel, als es zur Revolution gegen das Osmanische Reich kam.
In der Schweiz unterzeichnete ich mit Lenin das Internationale Sozialistische Antikriegsmanifest.
Das Jahr 1916 sah uns dann im ‚gelobten Land‘ — in New York!”

Wir mieteten eine Wohnung in einem Arbeiterviertel und nahmen Möbel auf Abzahlung. Die Wohnung für achtzehn Dollar im Monat war mit einem für europäische Begriffe unerhörten Komfort ausgestattet: elektrisches Licht, Gasofen, Badestube, Telephon, automatischer Aufzug für Lebensmittel und ein ebensolcher, um den Müllkasten hinunterzubefördern. Das alles hatte unsere Jungens sofort für New York eingenommen. Der Mittelpunkt ihres Lebens wurde für eine Weile das Telephon. Dieses kriegerische Instrument hatten wir weder in Wien noch in Paris gehabt.
Der Portier unseres Hauses war ein Neger. Meine Frau bezahlte ihm die Miete für drei Monate im Voraus, bekam aber die vorschriftsmässige Quittung nicht, da der Hausbesitzer das Quittungsbuch am Vorabend zur Nachprüfung mitgenommen hatte. Als wir nach zwei Tagen in die Wohnung einzogen, stellte sich heraus, daß der Neger flüchtig geworden war unter Mitnahme des Wohnungsgeldes von einigen Mietern. Ausser dem Geld hatten wir ihm auch unsere Sachen zur Aufbewahrung gegeben.
Wir waren beunruhigt. Das war ein schlechter Anfang. Aber es stellte sich heraus, daß die Sachen vorhanden waren. Und als wir die Holzkiste mit dem Geschirr aufmachten, fanden wir darin zu unserer grössten Verwunderung unsere Dollars, die sorgfältig in ein Papierchen eingewickelt waren.
Der Portier hatte nur das Geld jener Mieter mitgenommen, die rechtmässige Quittungen erhalten hatten. Der Neger besass mit dem Hausbesitzer kein Mitleid, wollte aber die Mieter nicht schädigen. Wahrhaftig, das war ein herrlicher Mann. Ich und meine Frau waren tief gerührt von seiner Aufmerksamkeit und haben ihm eine dankbare Erinnerung bewahrt.


— tazara — tazara — tazara ...

Es hat ja seinen besonderen Pfiff, Sie heute gerade in Afrika begrüssen zu dürfen, Genosse Trotzki — wenn wir Sie so nennen dürfen — hier in Afrika gibt es noch ein paar Veteranen von Befreiungsbewegungen, die Wert auf eine solche Anrede legen.
... Und Sie befinden sich auf dem „Great Uhuru Railway“ — in der „Grossen Freiheitsbahn”, fertiggestellt vor dreissig Jahren als Zeichen internationaler Solidarität zwischen Nationen in Asien und in Afrika ...


— tazara — tazara — tazara ...

„Na ja, wie Sie schon sagten, vor neunzig Jahren bin ich auch schon mit der Eisenbahn gefahren — im Mai 1917 zur Oktober-Revolution nach Petrograd ...
Ich kam aus New York, ach ja, und da — auf dem Schiffsweg nach Russland — begegnete mir in Halifax, im kanadischen Neuschottland, jemand, der sich gerne an Afrika zu erinnern schien ...
Ich landete mit meiner Familie in einem Internierungslager, wir hatten ja einen Weltkrieg, von dem wir damals noch nicht wussten, daß er später der ‚Erste‘ genannt werden würde.
Lagerkommandant war ein Oberst Morris. Der hatte seine Karriere in den englischen Kolonien und im südafrikanischen Buren-Krieg gemacht ...”

Da ich mit ihm ohne die üblichen Respektsbezeigungen sprach, brüllte er hinter meinem Rücken: ‚Der sollte mir an der südafrikanischen Küste begegnen ...‘ Das war überhaupt sein Lieblingssatz.

— tazara — tazara — tazara ...

Vor neunzig Jahren scheinen bei der russischen Revolution Eisenbahnen eine besondere Rolle gespielt zu haben, Genosse Trotzki. Schon einen Monat vor Ihnen war Lenin mit dem Zug in Petrograd eingetroffen ...

„Die April-Thesen hat er tatsächlich von einer Lokomotive herunter verkündet, die Möglichkeit und Notwendigkeit, die russische Revolution zur Machtergreifung der Arbeiter, Bauern und Soldaten zuzuspitzen ...”

— tazara — tazara — tazara ...

Von einer Lokomotive herunter — was für ein schönes Bild ...

„... vielfach in Öl gemalt!”

Aber, das Bild der internationalen Eisenbahn-Solidarität stellte sich damals ein bisschen anders dar: Lenin, Inès Armand, Karl Radek und weitere prominente Kommunisten kehrten ja mit Unterstützung der deutschen Obersten Heeresleitung nach Russland zurück.
Sie fuhren aus der Schweiz über das Gebiet des Kriegsgegners Deutschland, Schwedens und Finnlands in einem versiegelten Waggon, der zu exterritorialem Gebiet erklärt worden war ...



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