KAPITEL
4
"Ich protestiere erneut! Fragen Sie
den Herrn doch mal nach seiner
Verbindung zur Vierten Internationale
..."
Zu was, Mr.
Rockefeller?
"... alles Trotzkisten, wissen Sie
das denn nicht? ... mit Filialen in den
U.S.A., in Kanada, Grossbritannien,
Deutschland, Australien, Sri Lanka,
Russland ...!"
Und nirgendwo in
Afrika? ... Klemmt da wieder was?
...
Hallo, VIP-Betreuung! ... We want to hear
it from the horses mouth! ...
Und wir begrüssen ... Gospodin Lew
Dawidowitsch Bronstein!
Genau einhunder Jahre ist es her seit
Ihrem letzten Auftritt per Eisenbahn
1917 in Petrograd!
"Ja, aber da nannte ich mich schon
seit fünfzehn Jahren Trotzki ..."
Geboren 1879 ...
nur fünf Jahre nach Ihnen Mr.
Rockefeller ... in Janowka, einem Schtetl
in der Ukraine, fünftes Kind des
jüdischen Bauern David Bronstein ...
Trotzki für Bronstein? Weg mit dem
jüdischen Namen?
"Ach nein, wissen Sie, Jude blieb
ich Zeit meines Lebens, auch wenn das
nicht einfach war in Russland vor
und nach der Revolution.
Vom orthodoxen Judentum des Schtetls hab
ich mich bald verabschiedet, die
Scheinfrömmigkeit meiner Eltern zu
erkennen, da half ein langer Aufenthalt
in der Hafenstadt Odessa; ich trat immer
für ein weltoffenes, assimiliertes
Judentum ein.
1898 wurde ich zum ersten Mal verhaftet,
aber nicht weil ich Jude war ..."
Das war so um die
Zeit, als Ihr Vater, Mr. Rockefeller, den
seltsamsten Völkern in den entferntesten
Gegenden der Welt sein Licht brachte.
"... ein Tischler namens Nesterenko
verriet mich an die zaristische Polizei.
Die war gegen die Art von Erleuchtung,
die i c h zu verbreiten half die
Ideen des internationalen Sozialismus.
Im Moskauer Überführungsgefängnis
heiratete ich Alexandra Lwowna
Sokoloskaja
... weil sie zu meinen Überzeugungen
stand, ging sie mit mir in die Verbannung
ins sibirische Irkutsk ... zwei Töchter
hatte ich mit ihr, und alle drei liess
ich zurück, als sich mir die Gelegenheit
zur Flucht bot mit einem falschen
Pass auf den Namen Trotzki so
hiess der Oberaufseher des Gefängnisses
in Odessa, wissen Sie ...
Als Trotzki habe ich in London Wladimir
Iljitsch Uljanow kennengelernt, er hatte
mich zur Mitarbeit eingeladen.
Erst seit kurzem nannte er sich Lenin.
Viele von uns wählten damals Decknamen.
Es hiess immer, Wladimir Iljitsch habe
den seinen vom sibirischen Fluss Lena
abgeleitet nach Sibirien verbannt
zu werden, bedeutete damals praktisch,
dass man im zaristischen Russland als
anerkannter Oppositioneller galt.
Aber es war wohl eher die Erinnerung an
sein Kindermädchen Lena, schon als
kleiner Junge soll er auf die Frage
wessen Junge er sei, geantwortet haben
Lenin auf russisch
heisst das Lenas ...
Kichern Sie nicht, Mr. Rockefeller, wir
haben alle unsere kleinen Geheimnisse,
nicht wahr?
Als Trotzki lernte ich Ihre Vereinigten
Staaten von Amerika kennen, und gleich zu
Beginn ein Eckchen des
schwarzen Problems in Ihrem
gelobten Land.
Seit 1903 hatte ich mit Natalija Sedowa
zusammengelebt, sie war Kunststudentin in
Paris wissen Sie, als
Revolutionär sind familiäre Bindungen
so unstet wie politische Allianzen ...
Aber Natalija Sedowa hatte ihre
Lebensreise mit der meinen verbunden,
durchlebte mit mir neue Verbannungen in
Russland, neue Flucht, das rastlose Irren
der Emigranten von Land zu Land ...
Ich war Kriegsberichterstatter auf dem
Balkan gewesen, ich war unter den
Akteuren in Konstantinopel, als es zur
Revolution gegen das Osmanische Reich
kam.
In der Schweiz unterzeichnete ich mit
Lenin das Internationale Sozialistische
Antikriegsmanifest.
Das Jahr 1916 sah uns dann im
gelobten Land in New
York! ..."
Wir mieteten eine Wohnung in einem
Arbeiterviertel und nahmen Möbel auf
Abzahlung. Die Wohnung für achtzehn
Dollar im Monat war mit einem für
europäische Begriffe unerhörten Komfort
ausgestattet: elektrisches Licht,
Gasofen, Badestube, Telephon,
automatischer Aufzug für Lebensmittel
und ein ebensolcher, um den Müllkasten
hinunterzubefördern. Das alles hatte
unsere Jungens sofort für New York
eingenommen. Der Mittelpunkt ihres Lebens
wurde für eine Weile das Telephon.
Dieses kriegerische Instrument hatten wir
weder in Wien noch in Paris gehabt.
Der Portier unseres Hauses war ein Neger.
Meine Frau bezahlte ihm die Miete für
drei Monate im voraus, bekam aber die
vorschriftsmässige Quittung nicht, da
der Hausbesitzer das Quittungsbuch am
Vorabend zur Nachprüfung mitgenommen
hatte. Als wir nach zwei Tagen in die
Wohnung einzogen, stellte sich heraus,
dass der Neger flüchtig geworden war
unter Mitnahme des Wohnungsgeldes von
einigen Mietern. Ausser dem Geld hatten
wir ihm auch unsere Sachen zur
Aufbewahrung gegeben.
Wir waren beunruhigt. Das war ein
schlechter Anfang. Aber es stellte sich
heraus, dass die Sachen vorhanden waren.
Und als wir die Holzkiste mit dem
Geschirr aufmachten, fanden wir darin zu
unserer grössten Verwunderung unsere
Dollars, die sorgfältig in ein
Papierchen eingewickelt waren.
Der Portier hatte nur das Geld jener
Mieter mitgenommen, die rechtmässige
Quittungen erhalten hatten. Der Neger
besass mit dem Hausbesitzer kein Mitleid,
wollte aber die Mieter nicht schädigen.
Wahrhaftig, das war ein herrlicher Mann.
Ich und meine Frau waren tief gerührt
von seiner Aufmerksamkeit und haben ihm
eine dankbare Erinnerung bewahrt.

tazara tazara tazara
...
Es hat ja seinen
besonderen Pfiff, Sie heute gerade in
Afrika begrüssen zu dürfen, Genosse
Trotzki wenn ich Sie so nennen
darf hier in Afrika gibt es noch
ein paar Veteranen von
Befreiungsbewegungen, die Wert auf eine
solche Anrede legen ...
... Und Sie befinden sich auf dem
"Great Uhuru Railway" in
der "Grossen Freiheitsbahn",
fertiggestellt vor dreissig Jahren als
Zeichen internationaler Solidarität
zwischen Nationen in Asien und in Afrika
...
tazara tazara tazara
...
"Na ja, wie Sie schon sagten, vor
hundert Jahren bin ich auch schon mit der
Eisenbahn gefahren im Mai 1917 zur
Oktober-Revolution nach Petrograd ...
Ich kam aus New York, ach ja, und da
auf dem Schiffsweg nach Russland
begegnete mir in Halifax, im
kanadischen Neuschottland, jemand, der
sich gerne an Afrika zu erinnern schien
...
Ich landete mit meiner Familie in einem
Internierungslager, wir hatten ja einen
Weltkrieg, von dem wir damals noch nicht
wussten, dass er später der
Erste genannt werden würde.
Lagerkommandant war ein Oberst Morris.
Der hatte seine Karriere in den
englischen Kolonien und im
südafrikanischen Burenkrieg gemacht
..."
Da ich mit ihm ohne die üblichen
Respektsbezeigungen sprach, brüllte er
hinter meinem Rücken: Der sollte
mir an der südafrikanischen Küste
begegnen ... Das war überhaupt
sein Lieblingssatz.
tazara tazara tazara
...
Vor hundert Jahren
scheinen bei der russischen Revolution
Eisenbahnen eine besondere Rolle gespielt
zu haben, Genosse Trotzki. Schon einen
Monat vor Ihnen war Lenin mit dem Zug in
Petrograd eingetroffen ...
"Die April-Thesen hat er
tatsächlich von einer Lokomotive
herunter verkündet, die Möglichkeit und
Notwendigkeit, die russische Revolution
zur Machtergreifung der Arbeiter, Bauern
und Soldaten zuzuspitzen ..."
tazara tazara tazara
...
Von einer
Lokomotive herunter was für ein
schönes Bild ...
"... vielfach in Öl gemalt!"
Aber, das Bild der
internationalen Eisenbahn-Solidarität
stellte sich damals ein bisschen anders
dar: Lenin, Ines Armand, Karl Radek und
weitere prominente Kommunisten kehrten ja
mit Unterstützung der deutschen Obersten
Heeresleitung nach Russland zurück.
Sie fuhren aus der Schweiz über das
Gebiet des Kriegsgegners Deutschland,
Schwedens und Finnlands in einem
versiegelten Waggon, der zu
exterritorialem Gebiet erklärt worden
war.
Dass ein siebzehnjähriger deutscher
Gymnasiast namens Emil Belzner
versehentlich in das Abteil der
Revolutionäre gelangte, weil er in
seinen Osterferien 1917 Hilfsdienst bei
der Eisenbahn machte, bewahrte der
Schriftsteller Emil Belzner in seinem
Buch "Die Fahrt in die
Revolution" als Fussnote der
Geschichte auf.
Es gibt Thesen, denen zufolge der Zug in
Berlin gehalten hat, wo er mit vierzig
Millionen Goldmark beladen worden sei.
Das Geld habe aus der Kasse des Deutschen
Reiches gestammt und habe die
bolschewistische Revolution vorantreiben
sollen. Man habe sich erhofft, nach dem
Umsturz in Russland einen Separatfrieden
schliessen zu können ... Emil Belzner
hat die vierzig Millionen Goldmark damals
leider nicht zu Gesicht bekommen ...
Unzweifelhaft ist allerdings, dass Lenins
Rückkehr nach Russland ohne die
Unterstützung des Deutschen Reichs in
dieser Form nicht hätte stattfinden
können.
"Aber, es war nicht Lenin, der in
Russland für die blutige Niederschlagung
von Bauernaufständen verantwortlich war
sondern dieser Herr hier! Und was
war mit den Kronstätter Matrosen? ...
Sie waren 1921 Oberster Heerführer, Sie
haben doch den Aufstand jener Matrosen
niederschlagen lassen, die einst
Kerngruppe Ihrer Oktoberrevolution waren,
in der Festung Kronstadt vor Petersburg!!
..."
"Petrograd, Mr. Rockefeller ... wir
nannten es Petrograd! ... Ansonsten
wissen Sie erstaunlich gut Bescheid! ...
Ich werde gleich auf meine Verantwortung
bei den Aufständen von Bauern und
Matrosen während der sowjetischen
Revolutionsjahre eingehen. Zuvor möchte
ich aber doch gerne vermitteln, wie gut
i c h Bescheid weiss, nach meiner Zeit
als Reporter einer kommunistischen
Zeitung an der Ostseite der New Yorker
City ...
... Ich war ein wissbegieriger Besucher
in Ihren öffentlicher Bibliotheken, ich
las alles, was mir unter die Augen kam,
vor allem, wenn es mit der Organisierung
des amerikanischen Wirtschaftssystems und
dessen Auswirkungen auf das Leben der
abhängig Beschäftigten zu tun hatte ...
da wäre es schwer gewesen, nicht dem
Namen Rockefeller zu begegnen!
Ich will erzählen, was ich mir
seinerzeit notierte ...
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