© KJS / 2007

Einführung
Vorwort
Kapitel 01
Kapitel 02
Kapitel 03
Kapitel 04
Kapitel 05
Kapitel 06
Kapitel 07
Kapitel 08
Kapitel 09
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40

 
TAZARAmit der Eisenbahn durch die Zeitgeschichte © KJS / 2008
Leo Trotzkis Ankunft 1917 in Petrograd - Quelle - wikipedia
ACHTUNG AN DER BAHNSTEIGKANTE!
Steigen Sie ein zur Fahrt mit dem TAZARA-Express durch die Zeitgeschichte.
Die virtuelle Reise ist längst über die hier vorgestellten Lesestationen hinaus.
Sie ist auf bisher 412 Seiten dokumentiert.
Eine pdf-Version kann erworben werden für nur:
4 Euro
Einfach am Monitor blättern, oder alles ausdrucken.
Schicken Sie dem Weichensteller, Klaus Jürgen Schmidt, eine Anfrage:
radiobridge@aol.com
Mit dem Text erwerben Sie das Recht, kostenlos auch das Ende der TAZARA-Geschichte als pdf-file zu erhalten, sobald die Protagonisten des virtuellen TAZARA-Expresses das Abstellgleis erreicht haben. Ausserdem gibt es Zugang zu einer Website mit allen ständig aktualisierten online-Quellen.
Diese erlauben eigene, weiterführende Recherchen.

KAPITEL 4

"Ich protestiere erneut! Fragen Sie den Herrn doch ‘mal nach seiner Verbindung zur Vierten Internationale ..."

Zu was, Mr. Rockefeller?

"... alles Trotzkisten, wissen Sie das denn nicht? ... mit Filialen in den U.S.A., in Kanada, Grossbritannien, Deutschland, Australien, Sri Lanka, Russland ...!"

Und nirgendwo in Afrika? ... Klemmt da wieder ‘was? ...
Hallo, VIP-Betreuung! ... We want to hear it from the horses mouth! ...
Und wir begrüssen ... Gospodin Lew Dawidowitsch Bronstein!
Genau einhunder Jahre ist es her seit Ihrem letzten Auftritt per Eisenbahn — 1917 in Petrograd!


"Ja, aber da nannte ich mich schon seit fünfzehn Jahren Trotzki ..."

Geboren 1879 ... nur fünf Jahre nach Ihnen Mr. Rockefeller ... in Janowka, einem Schtetl in der Ukraine, fünftes Kind des jüdischen Bauern David Bronstein ...
Trotzki für Bronstein? Weg mit dem jüdischen Namen?


"Ach nein, wissen Sie, Jude blieb ich Zeit meines Lebens, auch wenn das nicht einfach war in Russland — vor und nach der Revolution.
Vom orthodoxen Judentum des Schtetls hab ich mich bald verabschiedet, die Scheinfrömmigkeit meiner Eltern zu erkennen, da half ein langer Aufenthalt in der Hafenstadt Odessa; ich trat immer für ein weltoffenes, assimiliertes Judentum ein.
1898 wurde ich zum ersten Mal verhaftet, aber nicht weil ich Jude war ..."

Das war so um die Zeit, als Ihr Vater, Mr. Rockefeller, den seltsamsten Völkern in den entferntesten Gegenden der Welt sein Licht brachte.

"... ein Tischler namens Nesterenko verriet mich an die zaristische Polizei. Die war gegen die Art von Erleuchtung, die i c h zu verbreiten half — die Ideen des internationalen Sozialismus.
Im Moskauer Überführungsgefängnis heiratete ich Alexandra Lwowna Sokoloskaja
... weil sie zu meinen Überzeugungen stand, ging sie mit mir in die Verbannung ins sibirische Irkutsk ... zwei Töchter hatte ich mit ihr, und alle drei liess ich zurück, als sich mir die Gelegenheit zur Flucht bot — mit einem falschen Pass auf den Namen Trotzki — so hiess der Oberaufseher des Gefängnisses in Odessa, wissen Sie ...
Als Trotzki habe ich in London Wladimir Iljitsch Uljanow kennengelernt, er hatte mich zur Mitarbeit eingeladen.
Erst seit kurzem nannte er sich Lenin. Viele von uns wählten damals Decknamen. Es hiess immer, Wladimir Iljitsch habe den seinen vom sibirischen Fluss Lena abgeleitet — nach Sibirien verbannt zu werden, bedeutete damals praktisch, dass man im zaristischen Russland als anerkannter Oppositioneller galt.
Aber es war wohl eher die Erinnerung an sein Kindermädchen Lena, schon als kleiner Junge soll er auf die Frage wessen Junge er sei, geantwortet haben ‘Lenin’ — auf russisch heisst das ‘Lenas’ ...
Kichern Sie nicht, Mr. Rockefeller, wir haben alle unsere kleinen Geheimnisse, nicht wahr?
Als Trotzki lernte ich Ihre Vereinigten Staaten von Amerika kennen, und gleich zu Beginn ein Eckchen des ‘schwarzen’ Problems in Ihrem gelobten Land.
Seit 1903 hatte ich mit Natalija Sedowa zusammengelebt, sie war Kunststudentin in Paris — wissen Sie, als Revolutionär sind familiäre Bindungen so unstet wie politische Allianzen ...
Aber Natalija Sedowa hatte ihre Lebensreise mit der meinen verbunden, durchlebte mit mir neue Verbannungen in Russland, neue Flucht, das rastlose Irren der Emigranten von Land zu Land ...
Ich war Kriegsberichterstatter auf dem Balkan gewesen, ich war unter den Akteuren in Konstantinopel, als es zur Revolution gegen das Osmanische Reich kam.
In der Schweiz unterzeichnete ich mit Lenin das Internationale Sozialistische Antikriegsmanifest.
Das Jahr 1916 sah uns dann im ‘gelobten Land’ — in New York! ..."

Wir mieteten eine Wohnung in einem Arbeiterviertel und nahmen Möbel auf Abzahlung. Die Wohnung für achtzehn Dollar im Monat war mit einem für europäische Begriffe unerhörten Komfort ausgestattet: elektrisches Licht, Gasofen, Badestube, Telephon, automatischer Aufzug für Lebensmittel und ein ebensolcher, um den Müllkasten hinunterzubefördern. Das alles hatte unsere Jungens sofort für New York eingenommen. Der Mittelpunkt ihres Lebens wurde für eine Weile das Telephon. Dieses kriegerische Instrument hatten wir weder in Wien noch in Paris gehabt.
Der Portier unseres Hauses war ein Neger. Meine Frau bezahlte ihm die Miete für drei Monate im voraus, bekam aber die vorschriftsmässige Quittung nicht, da der Hausbesitzer das Quittungsbuch am Vorabend zur Nachprüfung mitgenommen hatte. Als wir nach zwei Tagen in die Wohnung einzogen, stellte sich heraus, dass der Neger flüchtig geworden war unter Mitnahme des Wohnungsgeldes von einigen Mietern. Ausser dem Geld hatten wir ihm auch unsere Sachen zur Aufbewahrung gegeben.
Wir waren beunruhigt. Das war ein schlechter Anfang. Aber es stellte sich heraus, dass die Sachen vorhanden waren. Und als wir die Holzkiste mit dem Geschirr aufmachten, fanden wir darin zu unserer grössten Verwunderung unsere Dollars, die sorgfältig in ein Papierchen eingewickelt waren.
Der Portier hatte nur das Geld jener Mieter mitgenommen, die rechtmässige Quittungen erhalten hatten. Der Neger besass mit dem Hausbesitzer kein Mitleid, wollte aber die Mieter nicht schädigen. Wahrhaftig, das war ein herrlicher Mann. Ich und meine Frau waren tief gerührt von seiner Aufmerksamkeit und haben ihm eine dankbare Erinnerung bewahrt.



— tazara — tazara — tazara ...

Es hat ja seinen besonderen Pfiff, Sie heute gerade in Afrika begrüssen zu dürfen, Genosse Trotzki — wenn ich Sie so nennen darf — hier in Afrika gibt es noch ein paar Veteranen von Befreiungsbewegungen, die Wert auf eine solche Anrede legen ...
... Und Sie befinden sich auf dem "Great Uhuru Railway" — in der "Grossen Freiheitsbahn", fertiggestellt vor dreissig Jahren als Zeichen internationaler Solidarität zwischen Nationen in Asien und in Afrika ...


— tazara — tazara — tazara ...

"Na ja, wie Sie schon sagten, vor hundert Jahren bin ich auch schon mit der Eisenbahn gefahren — im Mai 1917 zur Oktober-Revolution nach Petrograd ...
Ich kam aus New York, ach ja, und da — auf dem Schiffsweg nach Russland — begegnete mir in Halifax, im kanadischen Neuschottland, jemand, der sich gerne an Afrika zu erinnern schien ...
Ich landete mit meiner Familie in einem Internierungslager, wir hatten ja einen Weltkrieg, von dem wir damals noch nicht wussten, dass er später der ‘Erste’ genannt werden würde.
Lagerkommandant war ein Oberst Morris. Der hatte seine Karriere in den englischen Kolonien und im südafrikanischen Burenkrieg gemacht ..."

Da ich mit ihm ohne die üblichen Respektsbezeigungen sprach, brüllte er hinter meinem Rücken: ‘Der sollte mir an der südafrikanischen Küste begegnen ...’ Das war überhaupt sein Lieblingssatz.


— tazara — tazara — tazara ...

Vor hundert Jahren scheinen bei der russischen Revolution Eisenbahnen eine besondere Rolle gespielt zu haben, Genosse Trotzki. Schon einen Monat vor Ihnen war Lenin mit dem Zug in Petrograd eingetroffen ...

"Die April-Thesen hat er tatsächlich von einer Lokomotive herunter verkündet, die Möglichkeit und Notwendigkeit, die russische Revolution zur Machtergreifung der Arbeiter, Bauern und Soldaten zuzuspitzen ..."

— tazara — tazara — tazara ...

Von einer Lokomotive herunter — was für ein schönes Bild ...

"... vielfach in Öl gemalt!"

Aber, das Bild der internationalen Eisenbahn-Solidarität stellte sich damals ein bisschen anders dar: Lenin, Ines Armand, Karl Radek und weitere prominente Kommunisten kehrten ja mit Unterstützung der deutschen Obersten Heeresleitung nach Russland zurück.
Sie fuhren aus der Schweiz über das Gebiet des Kriegsgegners Deutschland, Schwedens und Finnlands in einem versiegelten Waggon, der zu exterritorialem Gebiet erklärt worden war.
Dass ein siebzehnjähriger deutscher Gymnasiast namens Emil Belzner versehentlich in das Abteil der Revolutionäre gelangte, weil er in seinen Osterferien 1917 Hilfsdienst bei der Eisenbahn machte, bewahrte der Schriftsteller Emil Belzner in seinem Buch "Die Fahrt in die Revolution" als Fussnote der Geschichte auf.
Es gibt Thesen, denen zufolge der Zug in Berlin gehalten hat, wo er mit vierzig Millionen Goldmark beladen worden sei. Das Geld habe aus der Kasse des Deutschen Reiches gestammt und habe die bolschewistische Revolution vorantreiben sollen. Man habe sich erhofft, nach dem Umsturz in Russland einen Separatfrieden schliessen zu können ... Emil Belzner hat die vierzig Millionen Goldmark damals leider nicht zu Gesicht bekommen ...
Unzweifelhaft ist allerdings, dass Lenins Rückkehr nach Russland ohne die Unterstützung des Deutschen Reichs in dieser Form nicht hätte stattfinden können.


"Aber, es war nicht Lenin, der in Russland für die blutige Niederschlagung von Bauernaufständen verantwortlich war — sondern dieser Herr hier! Und was war mit den Kronstätter Matrosen? ... Sie waren 1921 Oberster Heerführer, Sie haben doch den Aufstand jener Matrosen niederschlagen lassen, die einst Kerngruppe Ihrer Oktoberrevolution waren, in der Festung Kronstadt vor Petersburg!! ..."

"Petrograd, Mr. Rockefeller ... wir nannten es Petrograd! ... Ansonsten wissen Sie erstaunlich gut Bescheid! ...
Ich werde gleich auf meine Verantwortung bei den Aufständen von Bauern und Matrosen während der sowjetischen Revolutionsjahre eingehen. Zuvor möchte ich aber doch gerne vermitteln, wie gut
i c h Bescheid weiss, nach meiner Zeit als Reporter einer kommunistischen Zeitung an der Ostseite der New Yorker City ...
... Ich war ein wissbegieriger Besucher in Ihren öffentlicher Bibliotheken, ich las alles, was mir unter die Augen kam, vor allem, wenn es mit der Organisierung des amerikanischen Wirtschaftssystems und dessen Auswirkungen auf das Leben der abhängig Beschäftigten zu tun hatte ... da wäre es schwer gewesen, nicht dem Namen Rockefeller zu begegnen!
Ich will erzählen, was ich mir seinerzeit notierte ...

Weiter TAZARA-Index Ihr Beitrag

Fragen? radiobridge@aol.com

web page hit counter

web page hit counter