KAPITEL
6
I believe that evry right
implies a responsibility; every
opportunity, an obligation; every
possession, a duty.
"Jawohl, meine Worte! Meine
Überzeugung ..."
Ich glaube,
jedes Recht bedeutet auch Verantwortung,
jede Gelegenheit bedeutet auch Pflicht,
jeder Besitz bedeutet auch Dienst ...?
"... steht auf einer
Plakette gegenüber vom
Rockefeller-Center in New York, meiner
wichtigsten Unternehmung, ein kollossaler
Komplex im Herzen der Stadt. Ich liess
ihn in den dreissiger Jahren errichten
trotz der wirtschaftlichen
Depression damals ...
Eigentlich sollte die Metropolitan Opera
ein neues Haus erhalten, aber nach dem
Börsenkrach 1929 stieg die Oper aus ...
Wir beschritten einen völlig neuen Weg
in der Geschichte der modernen
Architektur und wir realisierten ein ganz
neues städtebauliches Konzept ...
Ich wollte nicht nur e i n e n
Wolkenkratzer bauen ich meine, das
hatten andere vor mir schon glanzvoll
erreicht ich wollte eine G r u p p
e von Gebäuden als architektonische
Einheit mitten in eine Stadt stellen.
Und wissen Sie, woraus die Verkleidung
des gesamten Centers besteht?
Aus weissem Kalkstein! Er stammt aus
einem Steinbruch in Indiana ...
Und das besondere daran: Dieser Kalkstein
enthält zahlreiche Fossilien von Tieren,
die vor dreihundert Millionen Jahren das
Meer bevölkerten ... vor dreihundert
Milllionen Jahren!"
... und die nicht
bei Rockefeller als Erdöl endeten!
Lexikon-Wissen:"Erdöl entstand
aus tierischen und pflanzlichen
Organismen, die bei der in Randmeeren und
Binnenseen herrschenden Sauerstoffarmut
nicht verwesten. Sie bildeten
Faulschlamm, der durch Bakterien und
Enzyme in Stoffe umgewandelt wurde, die
Bestandteile des uns heute bekannten
Erdöls sind."
Fossile Total-Verwertung: Das
Rockefeller-Center brachte jedes Jahr
hundert Millionen Dollar Einkünfte
allein aus der Miete ... bis 1989,
da kauften Japaner den ganzen Komplex,
eine Tochtergesellschaft von MITSUBISHI.
"Eine nationale
Schande, wenn ich das sagen darf! ...
1933 hatte ich den Bürgern von New York
einen Platz eingerichtet, von wo sie ihre
grossartige Stadt bewundern und
zelebrieren konnten, ein Panorama-Blick,
zweihundertneununfünfzig Meter über dem
Gehsteig ...
Meine Observationsetage war entworfen
worden, um den Eindruck des Oberdecks
eines riesigen Linienschiffes zu
erwecken. Damals war die siebzigste Etage
eingerichtet mit Deckstühlen,
Schwanenhälsen und grossen Ventilatoren,
die aussahen wie diejenigen auf den
Schiffen."
Wir können Sie
beruhigen, Mr. Rockefeller, am 1.
November 2005 wurde nach fast zwanzig
Jahren die Aussichtsplattform im
siebzigsten Stockwerk des General
Electric Building, des höchsten
Gebäudes Ihres Komplexes, unter dem
Namen Top of the Rock wiedereröffnet.
MITSUBISHI hatte bloss zehn Jahre lang
das Herzstück Ihres Centers im Griff.
Dann kaufte die Ihnen sicherlich nicht
unbekannte Firma Tishman Speyer den
Japanern alle ursprünglichen Art-Déco
Gebäude des Ensembles ab.
Tishman Speyer steht an der Spitze der
globalen Immobilienindustrie, die Wurzeln
der Firma gehen auf ein 1898 gegründetes
Familienunternehmen zurück. Sie erwarb
und entwickelte bis heute ein Portfolio
von mehr als sieben Millionen
Quadratmetern Fläche in den grössten
Metropolen der U.S.A., in Europa und
Lateinamerika, Gesamtwert: etwa zwanzig
Milliarden US-Dollar!
Und das wird Sie auch freuen:
Täglich besuchen rund
zweihundertfünfzigtausend Menschen den
Rockefeller Plaza Komplex. Die Besucher
von Top of the Rock betreten den Komplex
durch die Ladeneingänge von der 50th
Street, zwischen der 5th und der 6th
Avenue, gleich neben der berühmten
Ladenmarkise. Danach gelangen sie zu Fuss
oder via Rolltreppe zur
"Mezzanine"-Ausstellungshalle.
Während sie dort auf einen der Aufzüge
warten, können sie eine Multimedia-Show
auf Plasmabildschirmen verfolgen, die von
der Geschichte des Rockefeller Centers
erzählt.
Die Besucher besteigen dann einen der Sky
Shuttle Lifts, die man sich als Zeit- und
Lichtkapseln vorstellen kann. Ein
durchsichtiges Glasdach erlaubt den
Insassen, ihre eigene rapide
Beschleunigung durch den Schacht in
Richtung Dach und Licht zu beobachten
eine vertikale Zufgahrt sozusagen.
Vier Videoprojektoren benutzen das
Glasdach des Aufzugs als
Projektionsfläche und präsentieren
schnelle Sequenzen mit Bildern vom
Rockefeller Center aus den dreissiger
Jahren bis heute. Saphirblaue Lichter
blitzen innerhalb des Schachts als Symbol
für den Abschluss eines Jahrzehnts. Die
Aufzüge bringen die Besucher in den
"Grand Viewing"-Raum auf der
siebenundsechzigsten Etage. Von dort
haben sie dann eine absolut freie
Aussicht auf die meisten berühmten
Sehenswürdigkeiten der Stadt, vom
Chrysler Building zur Freiheitsstatue,
den gesamten Central Park und den Hudson
River bis zum East River.
... nur die beiden Türme des World Trade
Centers an der Spitze von Manhattan
sorry to say gehören
leider nicht mehr zum Panorama, Mr.
Rockefeller ... Die beiden
"Schwurfinger des Kapitalismus"
abgehackt!
"Unsinn! Nicht im
World Trade Center gab es den für
globale Kartell-Kapitalisten wichtigsten
Raum der Welt, der befindet sich
nach wie vor im
Rockefeller-Center."
Was denn für ein
Raum, Dag?
"Tatsächlich nicht
bloss ein Raum ... die gesamte Fläche
der Stockwerke fünfundfünfzig und
sechsundfünfzig in diesem
Gebäudekomplex heisst im Sprachgebrauch
der Rockefeller-Dynastie Room 5600
..."
Wichtiger als alle
Räume in deinem Glaspalast am East
River, Dag?
"In meinem
Glaspalast? ... Er war nie meiner!
..."
Dieser Glaspalast
am East River, Mr. Rockefeller, war er
nicht schon Ihr zweiter Versuch, einer
Art Weltregierung zu einer Bleibe zu
verhelfen?
"Nun, kurz nach dem
Ersten Weltkrieg da stiftete ich in der
Schweiz, am Genfer See, einen Sitz für
den neugeschaffenen Völkerbund, auch
Genfer Liga genannt. Diese
Liga sollte sowohl die internationale
Kooperation fördern, in Konfliktfällen
vermitteln, als auch die Einhaltung von
Friedensverträgen überwachen.
Ich weiss nicht, ob man das Weltregierung
nennen kann, es war eher der Vorgänger
der von Ihnen geführten Vereinten
Nationen, Mr. Hammarskjöld ..."
Und es war ein
Art-Déco Gebäude ganz im Stil
Ihres späteren Rockefeller-Centers in
New York, nicht wahr? ...
"Es war der Stil
jener Zeit, gewiss!"
Und die Idee für
den Entwurf einer weltweiten
kosmopolitischen Föderation, wie sie in
diesem Gebäude am Genfer See ihren
Anfang nehmen sollte, entsprach die auch
dem Stil jener Zeit?
"Nun, Mr.
Hammarskjöld wird doch wissen, dass
diese Idee viel älter ist!"
"In der Tat! Der Mann, der diese
Idee erstmals formulierte, hat am Anfang
seiner philosophischen Abhandlung ein
Bild beschrieben: Das Aushängeschild
über einer holländischen Gastwirtschaft
in seinem Deutsch aus dem Jahr
1795."
REGIE!
INTERNET-VERBINDUNG BITTE!

ZUM EWIGEN FRIEDEN
Ob diese satyrische Ueberschrift auf dem
Schilde jenes holländischen Gastwirths,
worauf ein Kirchhof gemalt war, die
Menschen überhaupt, oder besonders die
Staatsoberhäupter, die des Krieges nie
satt werden können, oder wohl gar nur
die Philosophen gelte, die jenen süßen
Traum träumen, mag dahin gestellt seyn.
Der Mann war
Immanuel Kant. Sein Werk Kritik der
reinen Vernunft kennzeichnete den
zentralen Wendepunkt in der
Philosophiegeschichte und den Beginn der
modernen Philosophie. Die Schrift auf
jenem Gasthausschild, das den ewigen
Frieden von Toten auf einem Friedhof
zeigt, wählte Kant als Titel seiner
Begründung für einen Völkerbund.
REGIE!
INTERNET-VERBINDUNG BITTE!

ZUM EWIGEN FRIEDEN
Ein philosophischer Entwurf
von
Immanuel Kant
Königsberg
bey Friedrich Nicolovius
1795
Nun, Dag, wir haben
dir gerne zugehört, und Ihnen, Mr.
Rockefeller auch ...
Wir entnehmen Ihrem Dialog, Sie beide
kennen sich aus mit der Idee für den
Entwurf einer weltweiten kosmopolitischen
Föderation, von Immanuel Kant entworfen,
von Ihnen, Mr. Rockefeller, unterstützt
mit einer Gebäude-Spende für den ersten
Versuch, 1920 einen Völkerbund zu
gründen.
Haben wir soweit alles richtig
verstanden?
Frieden auf Erden, das war das Ziel?
Dürfen wir auch
mal was fragen, Mr.
Hammarskjöld? ... Waren da eigentlich
Afrikaner dabei?
"Liberia und Südafrika gehörten zu
den Gründungsmitgliedern des
Völkerbundes. Abessinien kam später
hinzu ... im Rest von Afrika sassen zu
der Zeit noch europäische Siedler und
Kolonisten allerdings nicht mehr
Deutsche! Deren Kolonien waren ja an die
Siegermächte des Ersten Weltkrieges
gefallen.
Die Weimarer Republik wurde erst am 10.
September 1926 Mitglied des Völkerbundes
und trat am 14. Oktober 1933 unter Hitler
wieder aus."
Der Völkerbund
wurde 1946 aufgelöst den Zweiten
Weltkrieg hat er nicht verhindert! Mr.
Rockefeller, Sie hatten doch in die Idee
investiert was ging schief?
"Nun, die Idee eines
Völkerbundes kommt wie wir
gehört haben von den Philosophen
Europas, aus der Zeit, da das alte Europa
die sogenannte Aufklärung erfasste.
Immanuel Kants Schrift Zum ewigen
Frieden beschrieb erstmals die Idee
einer durchgängig friedlichen
Gemeinschaft der Völker.
Ein vergleichsweise konkretes Programm
zur Umsetzung dieser Forderung fand sich
dann, ausgelöst durch die Schrecken des
Ersten Weltkriegs, im Vierzehn-Punkte
Programm unseres Präsidenten Thomas
Woodrow Wilson von 1918 ...
Unglücklicherweise trieb Wilson dann die
Ratifizierung der Völkerbund-Satzung
ohne Konsultation mit unserem Senat
voran, der fühlte sich übergangen.
Die Satzung des Völkerbundes war Teil
des Versailler Vertrages und dessen
Ratifizierung wurde vom Senat im Gegenzug
abgelehnt, deshalb wurden meine
Vereinigten Staaten von Amerika leider
auch nie Mitglied des Völkerbundes
..."
Ihr Vater brachte
der Welt das Licht, Sie wollten ihr den
Frieden bringen? Und dann dieser
Management-Fehler?
REGIE! PROJEKTOR AN!
Was sehen wir auf diesem
Schwarz-Weiss-Foto?
Eine triste Waldlandschaft mit laublosen
Bäumen. Ein Schienenstrang führt in die
Mitte des Bildes. Weit im Hintergrund
treffen sich zwei Züge. Vom linken sieht
man das Ende, offenbar geparkt in einer
langen Linkskurve des Gleises, vom
rechten sehen wir den Kopf mit einer
Dampflokomotive; er muss kurz vor einer
Weiche gestoppt haben, die auf das
Hauptgleis führt ...
Was wir tatsächlich sehen, ist eine
Weichenstellung der Weltgeschichte ...
Wir sehen den Rahmen, in dem im Wald von
Compiègne am 11. November 1918 der
Waffenstillstand geschlossen wurde, der
den Ersten Weltkrieg beendete. Links der
Zug des französischen Marschalls
Ferdinand Foch, rechts derjenige der
deutschen Unterhändler unter der Leitung
von Mathias Erzberger.
Und noch ein Bild, knapp zweiundzwanzig
Jahre später, schon in Farbe
derselbe Schauplatz, derselbe
Eisenbahnwagen ... Hitler hatte darauf
bestanden.
Am 22. Juni 1940 wird in Compiègne der
Waffenstillstand zwischen dem Deutschen
Reich und Frankreich unterzeichnet.
Beteiligte sind die Generäle Wilhelm
Keitel auf deutscher sowie Charles
Huntziger auf französischer Seite.
Was wir tatsächlich sehen, ist eine
Weichenstellung in den "totalen
Krieg", der wie wir schon
erfahren haben unter anderem
nützlich war für die ...
... Standard Oil und
die Chase Bank, die beide von den
Rockefellers kontrolliert wurden ...
Diese Geschäftsbeziehungen dauerten bis
nach Beginn des Krieges an; Standard Oil
lieferte noch 1942 über die Schweiz
Benzin an die Nazis, arbeitete mit den
I.G. Farben zusammen, die das Zyklon B
für die Todeskammern der Nazis
herstellten, und unterhielt ein
Gummiwerk, in dem Sklavenarbeiter aus
Auschwitz beschäftigt waren.
"Wir sind jetzt auf Seite 36, und
ich möchte endlich wissen, woher diese
Lautsprecher-Stimmen mit diesen
ständigen Beleidigungen kommen!"
Geduld, Mr.
Rockefeller die Geister, die Sie
riefen, Sie werden sie so schnell nicht
los! ... Wir merken uns bitte das
Stichwort "Auschwitz"!
REGIE!!! ACHTUNG:
TUNNELVERBINDUNG ZWISCHEN PUNKTEN DER
GESCHICHTE!
Sagt Ihnen eigentlich der Name Carl
Leonhard Reinhold etwas, Mr. Rockefeller?
"Ein Zeitgenosse
Immanuel Kants!"
Natürlich kennen
sie ihn!
Und Du, Dag, kennst ihn bestimmt auch
den grössten Förderer der Ideen
Immanuel Kants?
· Ohne ihn keine
weltweite Verbreitung der Idee von
Friede, Freude, Eierkuchen!
· Ohne ihn keine
weltweiten Verschwörer-Theorien
von Umberto Eco bis Dan Brown!
REGIE!! INTERNET-VERBINDUNG BITTE!
In Wien trat Reinhold 1772 in den
Jesuitenorden ein. 1774 erfolgte sein
Übertritt in den Barnabitenorden. Er
studierte dort Philosophie und Theologie
und wurde 1778 Lehrer für Philosophie im
Barnabitenkollegium. 1780 wurde er zum
Priester geweiht und damit
Ordensgeistlicher. 1781 wurde er Mitglied
der Freimaurerloge "Zur wahren
Eintracht" in Wien. Im November 1783
floh Reinhold aus dem Wiener Kloster
"St. Michael" nach Leipzig.
Anschliessend reiste er nach Weimar. Hier
fand 1784 sein Übertritt zum
protestantischen Bekenntnis statt, was
unter der Anregung und Aufsicht Johann
Gottfried Herders erfolgte. Im Mai
desselben Jahres lernte er Christoph
Martin Wieland kennen und wurde
Mitarbeiter an Wielands
Literaturzeitschrift "Der Teutsche
Merkur". Für diesen verfasste er ab
1786 die "Briefe über die Kantische
Philosophie", die 1790 auch als Buch
erschienen und wesentlich zur
Popularisierung des Kantianismus
beitrugen. 1785 heiratete er Wielands
Tochter Sophie Katharina Susanne und
wurde sachsen-weimarischer Hofrat.
Bereits 1783 war er Illuminat mit dem
Namen Decius geworden und
wurde 1787 "Präfekt" des
Ordens in Jena.
Oh oh!
Der Illuminatenorden (von
lateinisch illuminati: die Erleuchteten)
war eine am 1. Mai 1776 vom Philosophen
und Kirchenrechtler Adam Weishaupt im
bayerischen Ingolstadt gegründete
Geheimgesellschaft. Sein Ziel war es,
durch Aufklärung und sittliche
Verbesserung die Herrschaft von Menschen
über Menschen überflüssig zu machen.
Aufklärer Goethe,
Aufklärer Herder, Aufklärer Knigge
sie alle waren Illuminati!
Goethe nannte sich Abaris nach einem
skythischen Magier, Knigge den
meisten Europäern eher bekannt als
Dozent gepflegter Umgangsformen
hiess Philo wie ein jüdischer Philosoph
... Decknamen wie eben bei geheimen
Unternehmungen üblich!
REGIE!!
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Der Illuminatenorden wurde in Bayern
1784/1785 verboten und stellte seine
Aktivitäten daraufhin ein.
Leider glaubt das
keiner! Sie doch auch nicht, Mr.
Rockefeller!
REGIE!! INTERNET-VERBINDUNG BITTE!

Zahlreiche Mythen und
Verschwörungstheorien ranken sich um die
angebliche Weiterexistenz des Ordens und
seine vermeintlichen Tätigkeiten, wozu
unter anderem die Französische
Revolution, der Kampf gegen die
katholische Kirche und das Streben nach
Weltherrschaft gerechnet werden.
Genosse Trotzki,
was sagen Sie denn dazu?
Die "rote Kirche" hat den Kampf
ja irgendwie schon aufgegeben, jedenfalls
in jenen Territorien, die einst zum
Beispiel UdSSR oder DDR hiessen.
In allen realsozialistischen Staaten
wurde seinerzeit das Wort
"Kosmopolit" von den jeweiligen
kommunistischen Parteien synonym für
"Jude" verwandt.
Kosmopolitismus galt als anstössige
jüdische Ideologie.
... Ist Ihnen bekannt?
Bereits in der
Volksfront-Ideologie der KPD-Führung in
der Zeit des Nationalsozialismus war
"kosmopolitisch" negativ mit
Fiktionen des "Jüdischen"
besetzte. Im Meyers Neues Lexikon der DDR
hiess es:
Kosmopolitismus: 1.
unwissenschaftliche, äusserst
reaktionäre Ideologie der
imperialistischen Bourgeoisie, die in
verschiedenen Spielarten auftritt. Der K.
verlangt den Verzicht auf das Recht der
Nationen auf Selbstbestimmung, auf
staatliche Unabhängigkeit und
Souveränität ... Er wird bes. vom
amerikanischen ... Imperialismus
propagiert, deren Expansionsbestrebungen
er apologetisch mit "allgemein
menschlichen Interessen" zu
verschleiern sucht. Der K. ist eine
demagogische, historisch unwahre Kritik
der angeblich "überlebten" und
"egoistischen" Ideen der
nationalen Souveränität ... Die
Kehrseite des K. ist der bürgerliche
Nationalismus. K. und Nationalismus sind
dem proletarisch-sozialistischen
Internationalismus und Patriotismus
völlig entgegengesetzt ...
"Verzicht auf
das Recht der Nationen auf
Selbstbestimmung, auf staatliche
Unabhängigkeit und Souveränität
..."
Als du deinen Job antratest, Dag, hast du
dich da als Chef einer Art Weltregierung
gesehen?
Jemand gab mir das
Weberschiff in die Hand. Jemand hat die
Fäden geordnet. (1)
... die Fäden
geordnet? ... Aber nicht erst für deinen
Einsatz, Dag, schon für einen Schweden,
der vor dir im Dienste der Vereinten
Nationen stand! Im September 1948 wurde
Graf Folke Bernadotte, Neffe eures
Königs, ermordet in Jerusalem,
von israelischen Terroristen ... Fünf
Jahre danach warst du stellvertretender
Aussenminister Schwedens, zuständig bei
wirtschaftlichen Entscheidungen
internationalen Charakters.
Da ereilte dich am 7. April 1953 die
Berufung zum Generalsekretär der
Vereinten Nationen. Zwei Tage später
kamst du in New York an ... und
erklärtest der Welt wie du deine Aufgabe
sahst ...
... von innen her
denjenigen helfen, welche die
geschichtsformenden Beschlüsse fassen,
lauschen und analysieren und versuchen,
voll und ganz die Kräfte zu verstehen,
um die richtigen Ratschläge zu erteilen,
wenn die Situation es verlangt ... (1)
Doch die Ereignisse
der folgenden Jahren lehrten dich, dass
in den Machtzentren der Welt deine
Ratschläge nicht gefragt waren.
· Sommer 1956: Suezkanal-Krise nach der
Verstaatlichung des Wasserweges durch
Ägyptens Nasser
· Oktober 1956: Aufstand in Ungarn;
gleichzeitig rücken England, Frankreich
und Israel in die Suez-Kanalzone ein
Du hast dir keine Freunde gemacht bei den
Regierungen Grossbritanniens,
Frankreichs, der Sowjetunion
diesen Ständigen Mitgliedern des
UN-Sicherheitsrates!
Bei der Unterdrückung der Ungarn durch
die Sowjetunion warst du noch machtlos,
doch in die Suez-Kanalzone liessest du
internationale Polizeikräfte der
Vereinten Nationen einmarschieren.
Durch Unrecht
niemals Recht. Durch Recht niemals
Unrecht. (1)
In vier Jahren
hattest du deine Lektion gelernt ... Am
26. September 1957 hast du es ihnen
gesagt, Dag, auf ihrer
Generalversammlung!
Ich glaube nicht,
dass Mitgliedsstaaten vom
Generalsekretär verlangen sollten, dass
er handle wenn weder aus der
Charta noch aus den Entscheidungen der
hauptsächlichen Organe der Vereinten
Nationen Richtlinien für sein Handeln
abgeleitet werden können; innerhalb
dieser Genzen jedoch halte ich es für
meine Pflicht, dass er von seinem Amt und
ganz gewiss auch von der Maschinerie der
Organisation so weit wie nur möglich und
in dem vollen Umfang, welchen die
praktischen Umstände in dem jeweiligen
Stadium zulassen, Gebrauch macht.
Andererseits entspricht es, so glaube
ich, dem Sinn der Charta, wenn man vom
Generalsekretär erwartet, dass er auch
ohne solche Richtlinien handelt, sofern
ihm das nötig erscheint, um irgendwelche
Lücken zu füllen, welche in den der
Sicherung des Friedens dienenden Systemen
der Charta und der traditionellen
Diplomatie auftauchen mögen. (1)
Das waren deine
Worte, Dag, und dabei hast du im
entscheidenden zweiten Teil keiner
hats gemerkt jenen Mann
zitiert, den wir nun schon kennen als den
Begründer der Idee für den Entwurf
einer weltweiten kosmopolitischen
Föderation: Immanuel Kant. Wir ahnen
jetzt, du hast ihn studiert!
In seinem alten Deutsch hatte Kant ja
ZUM EWIGEN FRIEDEN auch
angemerkt und wir vergleichen ihn
mit deinen Worten ...
Der moralische
Politiker wird es sich zum Grundsatz
machen: wenn einmal Gebrechen in der
Staatsverfassung oder im
Staatenverhältnis angetroffen werden,
die man nicht hat verhüten können, so
sey es Pflicht, vornehmlich für
Staatsoberhäupter, dahin bedacht zu
seyn, wie sie, sobald wie möglich,
gebessert, und dem Naturrecht, so wie es
in der Idee der Vernunft uns zum Muster
vor Augen steht, angemessen gemacht
werden könne: sollte es auch ihrer
Selbstsucht Aufopferungen kosten.
Versuchtest du,
Ideen des Kosmopolitismus in
Weltordnungspolitik umzusetzten, ohne zu
begreifen, dass du bloss Werkzeug und
nicht Gestalter sein durftest?
Versuchtest du auf eigene Faust
Lücken in den institutionellen
Systemen der Friedenssicherung zu
füllen?
Dein Amt hatte sich gewandelt! Mit ihm
auch du?
Im November 1959 warst du im laotischen
Vientiane, im Frühjahr 1960 hier in
Afrika, die Rassenpolitik des
südafrikanischen Apartheid-Regimes war
zu verhandeln. Und so reistest du von
Pretoria weiter in andere Hauptstädte
Afrikas.
Der 30. Juni dieses Jahres brachte
Belgisch-Kongo die unglückselige
Selbständigkeit.
Schon in den ersten Julitagen hatten die
vierundzwanzigtausend Mann der
Kongo-Armee gemeutert, am 11. Juli hatte
Moïse Tschombé die bodenschatzreiche
Provinz Katanga für unabhängig erklärt
ohne Katanga kein lebensfähiger
Kongo!
Tschombé Kasavubu Lumumba
... ein Dreieck, das sich auf den Kopf
stellte immer wieder auf einen
anderen ...
Die UNO-Truppen, die du Mitte Juli nach
Leopoldville schicktest, sie konnten den
Frieden nicht bringen sie konnten
nicht einmal dich schützen, Dag!
"MORD AM GROSSEN
FLUSS"
Oh, nein
Dag, der Titel bezieht sich nicht auf das
Ende deines Lebens während deiner
Vermittlung am Kongo. Er wurde
ausgewählt als Buchtitel vom
professionellen Beobachter eines
Vierteljahrhunderts afrikanischer
Unabhängigkeit...
... und für den bist du eine Randnotiz
geblieben! Der Mann hat ein faible für
reisserische Buch-Titel, zum Beispiel:
· "Mord am Grossen
Fluss"
· "Der Tod im
Reisfeld"
· "Den Gottlosen
die Hölle"
· "Afrikanische
Totenklage"
Wir rufen auf: Herrn Peter Scholl-Latour,
deutscher Fernseh-Korrespondent,
Welt-Erklärer und Bestseller-Autor
mit dem Recht, aus seinem eigenen
Werk vorlesen zu dürfen und
ansonsten zu schweigen ...
"Das ist
ungerecht!"
Nun gut, er darf
wenn er mag uns zusätzlich
erklären, ob und wie in seinen
Medien-Produkten Sichtweise und
Sprachgebrauch hinsichtlich ehemaliger
Kolonialvölker in Asien und Afrika etwas
zu tun haben mit seiner geistigen
Prägung als junger Mann beim (zu lange)
verschwiegenen zweijährigen Einsatz als
Angehöriger des französischen
Fallschirmjäger-Expeditionskorps ab 1945
in Indochina...
Herr Scholl-Latour, wenn Sie bitte für
einen Moment von Ihrem französischen
Rotwein lassen würden ...
Wer zahlt hier eigentlich
die Spesen?
... um uns Ihre
Kurz-Benotung des UN-Kongo-Eisatzes in
Ihrem Bestseller "Mord am grossen
Fluss" vorzulesen?
Die Dilettanten des
UN-Kommandos hatten nicht einmal die
Residenz des Katanga-Chefs umzingeln
lassen. Das einzige Militärflugzeug,
über das die Separatisten verfügten,
ein französischer Fouga-Magister, das
mehr zur Ausbildung als zum Kampfeinsatz
taugte, stiftete unter den Blauhelmen
Verwirrung ...
(Peter Scholl-Latour,
dtv, München, 1986) = (2)
Und woher wissen
Sie das, Herr Scholl-Latour?
Den ersten
Katanga-Feldzug der Vereinten Nationen im
September hatte ich aufgrund meiner
Kriegsberichterstattung in Algerien
verpasst. Dieses Mal wollte ich
dabeisein. Die erste Maschine würde am
nächsten Morgen starten. Ich buchte den
Flug mit einer Gruppe meist britischer
Kollegen.
An Bord kam ausgelassene Stimmung auf.
Das Flugzeug wurde von Böen
geschüttelt, und meine angelsächsischen
Begleiter liessen die Whiskyflaschen
kreisen, obwohl es noch Mittag war. Unter
diesen Presseleuten von Fleet-Street, die
durch ein Kontingent lang etablierter
Afrika-Spezialisten mit Sitz in Nairobi
oder Salisbury verstärkt waren, kam
Jagdfieber auf. Das Katanga-Abenteuer, in
das sie sich begierig stürzten, mochte
für sie wie ein Schulausflug wirken.
Diese selbstbewussten, oft skurrilen
Männer hatten in der Mehrzahl den
Zweiten Weltkrieg intensiv erlebt. Sie
waren dabei gewesen, als die
Schwarzhemden Mussolinis in Äthiopien
kapitulierten, als die japanische
Offensive sich in Burma totlief. Sie
hatten in Nordafrika und Italien
gekämpft. Rückblickend erschien ihnen
diese Leutnantserinnerungen wohl als die
besten Jahre ihres Lebens. In
Katanga glaubten sie vielleicht, ein
Stück ihrer Jugend wieder einzuholen.
Während des Flugs hatten sie mir
ausführlich den Ablauf des ersten
Katanga-Feldzugs der Vereinten Nationen
im letzten September geschildert und sich
ob so viel militärischer
Stümperei vor Lachen auf die
Schenkel geschlagen ... (2)
Und, Herr
Scholl-Latour, haben Sie sich wenigstens
ein eigenes Bild von diesem Herrn hier
machen können, vom Herrn der UN-Truppe
damals, vom Generalsekretär der
Vereinten Nationen?
Dag Hammarskjöld
habe am Kongo eine unglückliche Hand
gehabt, stellten die englischen
Beobachter fest. Dieser nach aussen so
kühle Mann, dem ein Reporter aus
Salisbury paranoische Züge, ja
wie sich an seinen späten Dichtungen
ablesen lasse welterlöserische
Ambitionen unterstellte, habe sich durch
tief eingefleischte Antipathien leiten
lassen. Lumumba sei ihm ein Greuel
gewesen ... (2)
"Zeichen am
Weg", die deutsche Ausgabe des
Hammarskjöld-Nachlasses ist 1965
erschienen, einundzwanzig Jahre v o r der
deutschen Ausgabe Ihres Buches, Herr
Scholl-Latour! Haben Sie da mal
selber einen Blick reingeworfen?
Von "späten Dichtungen" kann
keine Rede sein, da er doch schon als
zwanzigjähriger Student begann, dieses
Tagebuch zu führen. Das Manuskript fand
man nach seinem Tod in seiner New Yorker
Wohnung, zusammen mit einem undatierten
Brief an den schwedischen
Kabinettssekretär Leif Belfrage ... mit
deiner Genehmigung, Dag?
Lieber Leif,
einmal habe ich Dir erzählt, vielleicht
erinnerst Du Dich daran, dass ich trotz
allem eine Art Tagebuch geführt habe.
Ich wäre froh, wenn Du Dich irgendwann
seiner annähmest. Hier ist es.
Begonnen wurde es ohne einen Gedanken
daran, dass jemand es lesen sollte. Mein
späteres Schicksal, mit allem, was über
mich geschrieben oder gesagt worden ist,
hat aber die Lage verändert. Das einzige
richtige Profil, das man zeichnen
könnte, ergeben diese Notizen. Darum
habe ich in den letzten Jahren mit einer
Veröffentlichung gerechnet, obwohl ich
weiterhin für mich selbst und nicht für
ein Publikum schrieb.
Wenn Du findest, dass sie verdienen
gedruckt zu werden, so gib sie heraus
als eine Art Weissbuch meiner
Verhandlungen mit mir selbst und
mit Gott.
Dag (1)
"Lassen Sies gut sein
und dem Herrn seinen Rotwein ...
Ich habe gelernt: Nachrichten sind selten
das Produkt journalistischer Recherche,
sondern meistens das Produkt spezieller
Gruppen-Interessen ...
Eine Methode zur Verschleirung
tatsächlicher Zusammenhänge: Was
wirklich vorgeht, wird von den
Nachrichten-Machern so lange zerkleinert,
bis uns einzelne bunte Steinchen
faszinieren und das gesamte Mosaik im
Dunkeln bleibt.
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