"WIE WAR DAS IN DER DDR?"

TEIL 2
                               
      Klaus Jürgen Schmidt erinnert sich
                                 
                                IN DER "NOCH"-DDR
Seit 1985 lebte meine Familie in Afrika. Meine Frau half bei der Einrichtung von Kindergärten, unsere Tochter besuchte eine Mädchen-Schule. Ich arbeitete mit afrikanischen Kolleginnen und Kollegen an Aufbau und Betrieb einer kulturellen Radiostation bei der "Zimbabwe Broadcasting Corporation". Danach berichtete ich von Harare aus für deutsche Radiostationen – bis im November 1989 das Redaktionsinteresse an Afrika-Themen dramatisch zurückging
– in Berlin war die Mauer gefallen.
An jenem 9. November hörten wir davon zuerst durch einen Telefon-Anruf von Verwandten in Australien. Die sofort eingeschaltete Deutsche Welle sendete weiter ein Feature zur Kulturgeschichte von Treppen. Umgeschaltet zur BBC, hörten wir einen Reporter, der es schon geschafft hatte, am Brandenburger Tor des Englischen mächtige DDR-Bürger für LIVE-Interviews aufzutreiben.
 

Zu der Zeit hatte ich das Skript für mein Buch "Der Weg nach Zimbabwe – oder Versuche, die Fremde zu verstehen" beendet. Es erschien 1990 beim Hamburger Ergebnisse-Verlag mit jenem einführenden Kapitel, das meinen persönlichen "Weg aus der Enge" beschrieb, mein Kinder-Leben vor der Flucht der Familie aus der DDR in den Westen im Jahr 1958.
Anfang 1990 – es war noch nicht absehbar, dass es bald keine DDR mehr geben würde – erhielt ich von einem westdeutschen Verlag die Anfrage, ob er dieses Kapitel für eine geplante Anthologie, also für eine Sammlung ausgewählter Texte über persönliche Erfahrungen von DDR-Heimkehrern, verwenden dürfe. Das Projekt fiel aus – dank "Wiedervereinigung". ...

In Zimbabwe hatte unsere Tochter erfolgreich alle Prüfungen des "A-Level" bestanden, den mit dem westdeutschen Abitur vergleichbaren Abschluss im englischen Cambridge-System (ein bis heute nicht überwundenes koloniales Erbe!). Sie hatte gerade an der Technischen Universität in Berlin ihr Architektur-Studium begonnen, als sie lernte, wie durch den Versprecher eines Parteibonzen eine Mauer durchlässig werden kann.

Im Frühjahr 1990 fuhren wir beide mit unserem alten Passat (der jetzt ihr gehörte) vom Westen in den Osten der jetzt nur noch formal getrennten Stadt. Meine Idee war es, Conny die alte Heimat zu zeigen, bevor an jeder Ecke die Werbung für West- Zigaretten zu sehen sein würde, dafür aber kaum noch ein Trabi auf den Straßen.

An der noch vorhandenen Zonengrenze wurden wir von DDR-Beamten durchgewunken, an unseren Ausweispapieren war keiner mehr interessiert.

Ich hatte eine langsame Annäherung vorgeschlagen, die Basis bloß elf Kilometer entfernt vom Heimatort. Als Junge hatte ich es von Bernsdorf aus öfter mit dem Fahrrad dorthin geschafft.

  Kamenz, Arbeitsort von Vater und Geburtsort des Namens- gebers seiner Firma, der "Lessing-Druckerei", im Frühjahr 1990 noch immer ein "Volkseigener Betrieb".

Bei Gotthold Ephraim Lessing, Dichter, Literatur-Theoretiker und -Kritiker (1729 - 1781) las ich, was mir sehr gut auf deutsch-deutsche Entwicklungen zu passen schien:

"Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus dem Auge verliert, geht immer noch geschwinder, als jener, der ohne Ziel um- herirrt."

Gegenüber des Roten Rathauses fanden wir eine private Pension, von der wir in den folgenden Tagen unsere Ausflüge unternehmen wollten. Beim ersten Frühstück klagte die Besitzerin der "Goldenen Sonne" über zu wenig Besucher.

Die würden bald kommen, wegen Gotthold Ephraim Lessing natürlich und wegen des Rhododendron-Blütenzaubers im Frühling am Kamenzer Hutberg, nicht wegen Geschichten, die WIKIPEDIA kennt:

Während des Zweiten Weltkrieges, vom Oktober 1944 bis April 1945, wurde im Gebäude der stillgelegten Kamenzer Tuchfabrik Gebr. Noßke & Co., Herrental Nr. 9 (Tarnname „Elster GmbH“), ein Außenlager des KZ Groß-Rosen betrieben, in dem nahezu 1000 Häftlinge, unter ihnen 150 Juden, für die Daimler-Benz AG Flugzeugmotorenteile herstellen mussten.
 
     
  Bei WIKIPEDIA sind auch Angaben zu unserem ersten Ziel zu finden: Prinz Ernst Heinrich von Sachsen benutzte die Moritzburg 1933–1945 als festen Wohnsitz. ... Wertvolle, ausgelagerte Bestände wurden in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 bei den Luftangriffen auf Dresden komplett zerstört. 1945 wurden die Besitzer enteignet. Sie konnten große Teile ihrer noch vorhandenen Schätze im Schlosspark vergraben. ... Bis auf wenige Stücke wurden diese von den sowjetischen Truppen gefunden und abtransportiert. Meine Erinnerung: Als kleiner Junge hatte ich zur Moritzburg hinter Vater und Schwester herzuradeln, 35 km hin, 35 km zurück!
     
(Suchbild:)


Auf ihrer zweiten DDR-Station
lassen sich Tochter und Vater von der Genossin einer Spreewald-Kooperative vorwärts staken.Von den anderen Bootsinsassen hört diese jetzt Bayrisches, Berlinerisches, Schwäbisches, manchmal sogar Englisches und Französisches.
An einer Anlegestelle nötigt sie alle,
eine Pause einzulegen. Ein erster West-Unternehmer verkauft hier Münchener Fassbier und Schweinshaxen – noch gegen Ost-Mark. Der Spreewald als Kulturlandschaft wurde entscheidend durch die Sorben geprägt. Wer wird ihre Kulturlandschaft künftig prägen?

 
  Von der Spree an die Elbe: Den Rad-Dampfer nach Bad Schandau verpassten wir in Dresden nur knapp. Wir wollten es bis zur nächsten Anlegestelle schaffen. Also zurück über die Elb-Brücke.
Auf der anderen Seite erlaubte die Verfolgung des Dampfers mit Blick auf den Fluss bald nur noch ein Waldweg, und der war unerlaubt. Das wollte uns ein Volkspolizist klar machen als er – hinter einem Baum hervortretend – unseren Passat stoppte. Als er das West- Kennzeichen wahrnahm, ließ er die Kelle sinken. "Noch'nbar Monade, un dann is hier sowieso Feierahmd." Er ließ die Kelle sinken und uns durch.
Wir schafften es mit dem Dampfer hin und zurück, und Conny lernte in Bad Schandau von einem Kellner sächsisch- sozialistischer Schule, was auf seiner Speisekarte "Sättigungs- beilage" meinte: "Kartoffeln"

Und dann ist es soweit:

Das Rathaus auf der aktuellen Webseite des Dorfes – seit 18. November 1968 mit Stadtrecht, verliehen zehn Jahre nachdem ich mit Mutter und Schwester zum Vater "nach'm Westen weggemacht" war. ...

  Dieses Rathaus wurde zur Faschingzeit von "Truppen" des Bernsdorfer Karnevalsprinzen-Paares "gestürmt" und für die tollen Tage besetzt gehalten.

Wenn dabei irgendjemand eine Anspielung auf einen tatsächlichen "Machtwechsel" gemacht hätte, zu meinen Ohren wäre das bis zum eigenen "Wegmachen" nie gedrungen.

Als Kinder waren wir viel zu beschäftigt, uns für die paar Tage in Kostüm und Maske angelesene Träume zu erfüllen.

(Suchbild: Wer ist der Klaus?)

Wo könnten wir noch einen meiner alten Schulfreunde finden, an diesem Pfingstmorgen in Bernsdorf?

Einer wohnte im Waldweg, und dorthin fährt Conny mit dem Passat. Den stellen wir ganz vorne ab, dann suche ich das Haus, linkerhand, das erinnere ich. Ein Vorgarten, das Tor verschlossen, daneben eine Klingel.

Conny wartet hinter mir, ich drücke einmal, ich drückte ein zweites Mal. Am Haus geht die Tür auf. Ein Mann erscheint, ein Badetuch um die Hüften. Er guckt, ich grüße und frage: "Sind Sie der Lösche Günter ?" Mir ist eingefallen, dass die Bernsdorfer immer zuerst den Familiennamen, danach erst den Vornamen nannten.
"Ja – und wer sind Sie?" Er kommt zum Tor. Ich hebe den Hut. Er bleibt stehen.
"Klaus? – Der Schmidt Klaus?"
Ich nicke. Er schließt das Tor gar nicht erst auf. Er langt darüber hinweg und drückt mich an sich.

WILLKOMMEN BEI EINEM BERNSDORFER FREUND
PFINGSTEN 1990

Wir lernen seine Frau, seinen Sohn kennen.
Wir erinnern uns an den Schraubstock unter dem Schuppenvordach, in den wir eine im Wald gefundene Gewehrpatrone geklemmt hatten, um auszuprobieren, ob man mit Hammer und Nagel das Ding zum Schießen kriegen könnte. Es knallte, es gackerte, ein vorbeilaufendes Huhn fiel um. ...
Wir erinnern uns an Schätze, die wir im Wald vergraben und nie wiedergefunden haben.

Ich erzähle ... er erzählt ...

 

... unter anderem von seinem früheren Job im Rathaus, und plötzlich fällt ihm etwas ein. Er springt auf, kramt in Schubladen, spricht dabei weiter.
"Ist das bei Euch auch so? Alle dreißig Jahre werden bei uns Akten aussortiert, was weg kann, wird verbrannt. Vor ein paar Jahren sollte ich das wieder machen, ich will das im Rathaus-Keller schon in den Ofen schmeißen, da sehe ich, das sind ja Akten aus unserer Schule. Dann hab' ich das erst'mal weggelegt. ..."
Jetzt hält er einen schwarzen Stapel in die Höhe.
"Und das hab' ich für dich gerettet!"
Ich glaub' es nicht, es sind meine Schulhefte aus der Klasse 8a, jene Hefte, in denen ich noch Prüfungsaufgaben in Deutsch, in Mathe, in Physik, in Chemie, in Geografie, in Russisch zu lösen versucht hatte – eine Prüfung, deren Ergebnis ich nie erfuhr, weil ich vorher "weggemacht" war. Beim Aussortieren der Schulakten, drei Dekaden später, hatte Freund Günter an mich gedacht.

Und ich erfahre mehr von ihm über unser früheres Leben in diesem Dorf. Beide im Kriegsjahr 1944 geboren, seien unsere Mütter wohl Freundinnen gewesen. Günter holt aus einer der Schubladen ein altes Agfa-Foto, das uns beide als kleine Pökse in unseren Sportwagen zeigt, nebeneinander hergeschoben von seiner und von meiner Mutter. Auch er hat das erst erkannt, als er das Foto im Nachlass seiner Mutter fand.

Von der Straße ein Pfiff. Günter sagt, das ist Mehle Dieter, der kommt von der Nachtschicht in der "Schwarzen Pumpe". Er ruft aus dem Fenster: "Komm 'mal rein! Du glaubst nicht, wer hier ist. Der Schmidt Klaus aus'm Westen!"
Keine gute Idee!
"Warum kommste denn nich? ... Der geht einfach weiter!"
Als er sich ratlos umwendet, erinnere ich ihn: "Der hatte doch immer 'was gegen mich. Hast du vergessen, was damals auf dem Schulhof passiert ist, und später bei der Schulspeisung ..."
"Das ist doch über dreißig Jahre her ..."
"Das erste Mal vierzig Jahre! Da hat er mir mit einem Schiefergriffel in den Hals gestochen. Ich hatte Schwein, dass er keine Ader getroffen hatte, aber der Griffel war abgebrochen und musste rausoperiert werden."
"Ich sag ja immer, wir haben noch die Steinzeit erlebt in der Schule, Schiefertafel, Schiefergriffel ..."
"Für mich war das kein Spass! Als er mir ein paar Jahre später seine Suppenschüssel an den Kopf geknallt hat, war ich für eine Weile bewusstlos ..."
"Und er hatte einen kaputten Topf. ... Der war sauer, weil Du dauernd Medaillen für gute Schulleistungen bekommen hast und dann noch deine Pionierarbeit ..."
"Du meinst, ich war ein Streber?"
"Kein Streber, aber einer, der immer mehr wollte als wir anderen, einer, der dann ... na ja, eben wegmachte."
Pause.
"Das habt ihr so gesehen?"
"Na, wir sind geblieben."
"Aber ich wollte doch gar nicht, wir sind doch bloß weg, weil Vati schon weg war. ..."

So, oder so ähnlich habe ich unser Gespräch zu Pfingsten 1990 in der "Noch"-DDR in Erinnerung. Seitdem habe ich darüber nachgedacht, weshalb mein Vater meine Schwester mitgenommen hatte nach Bremen, um sie dann alleine zurückzuschicken. Mutter und ich hatten sowieso als "Geiseln" in der DDR bleiben müssen.
Eigentlich hatte seinerzeit schon Günter Lösche unbewusst ein Stichwort genannt: "Schwarze Pumpe"! Von dort war der Mehle Dieter an jenem Pfingstmorgen nach seiner Nachtschicht gekommen. Dorthin hatte 1956 mein Vater hingehen müssen. Aber weshalb? ...

  ... Weg von der Lessing-Druckerei, wo er sogar Leiter des Betriebs-Chores gewesen war? Da hinten, direkt neben dem Klavier, hatte er bei der Weihnachtsfeier gesessen.

Zu Hause hat mir nie jemand erklärt, wie es möglich war, rausgeschmissen zu werden von einem "Volkseigenen Be- trieb", strafversetzt zu werden in eine Braunkohle-Brikett- Fabrik.

Ich war damals zwölf und ich begriff nicht, weshalb sich Mutter mit einigen Hausbewohnern aufmachte, um die Bahngleise nach Vater abzusuchen, weshalb er bald darauf Mutter und mich alleine ließ, um Verwandte in der BRD zu besuchen. Bald darauf, das hieß Anfang 1957. ...

In der Schule wurde mir das Halstuch der Jungen Pioniere abgenommen. Auf dem Schulhof bei einem Fahnen-Appell musste ich mir anhören, dass mein Vater mit seiner Flucht in den Westen die Errungenschaften der Arbeiterklasse verraten habe. Konsequenz: Die vorgesehene Delegierung an die Oberschule in Kamenz konnte ich vergessen.

Was hatte mein Vater gemacht?

Seit dem Besuch in der "Noch"-DDR mussten dreißig Jahre vergehen bis mir ein Licht aufging. Ich hatte die Flucht des Vaters von 1957 nie in Verbindung gebracht mit seinen persönlichen Erfahrungen und mit Weltereignissen im Jahr davor.

Am 13. Oktober 2020 sah ich diesen Film im Fernsehen, und wie die sprichwörtlichen Schuppen fiel es mir von den Augen: Das Jahr, in dem mein Vater "wegmachte", war dem Jahr des Ungarischen Volksaufstandes gefolgt. Und plötzlich kamen Erinnerungen zurück, die ich nie in diesem Zusammenhang vermutet hätte – die russischen Panzerkolonnen die nachts auf der Hauptstraße durch das Dorf nach Osten rollten – "... nach Ungarn", hatte Vater geflüstert, die leisen RIAS-Reportagen aus Ungarn, bei denen Vater mich zuhören ließ, immer mit dem Hinweis, niemandem etwa davon zu erzählen, der Hilferuf von Imre Nagy, eines Reform- Kommunisten, an die Freie Welt.
Am 1. November hatte dieser die Neutralität Ungarns proklamiert und die Mitgliedschaft seines Landes im Warschauer Vertrag aufgekündigt. Die seit 1945 stationierten sowjetischen Besatzungstruppen sollten das Land verlassen. Damit war für die Sowjets, die bereits seit Ende Oktober eine Intervention in Ungarn vorbereitet hatten, endgültig der Zeitpunkt zum Handeln gekommen. Am 4. November rückten starke sowjetische Panzerverbände in Ungarn ein. Bis zum 15. November schlugen sie mit brutaler Härte den Aufstand in der Hauptstadt Budapest nieder. Imre Nagy wurde am 22. November verhaftet, obwohl man ihm Straffreiheit zugesichert hatte, und im Juni 1958 nach einem streng geheimen Prozess mit anderen Anführern des Volksaufstandes hingerichtet.

In unserer Schule gab es 1956 kein "Schweigendes Klassenzimmer", aber mein seit seiner Rückkehr aus dem Krieg eher verschlossener Vater brach 1956 – auf eine für mich dreißig Jahre lang unverstandene Weise – sein Schweigen.

 
     
 

Die Erinnerung liegt bis heute in meinem Schreibtisch-Schublade:
Vaters Drucker-Lupe. Darunter hatte er mir den Ausschnitt eines Bildes von Wilhelm Pieck gezeigt. Der hatte sein politisches Handwerk über die Jahrhundertwende bei der Bremer SPD gelernt (siehe Link ganz unten).
Nach Gründung der DDR, 1949, war er bis zu seinem Tod ihr einziger jemals amtierende Präsident. Auf den meisten amtlichen Fotos trug er eine Krawatte mit weißen Punkten. Auf jenem, das mein Vater mitgebracht hatte, gab es einen Fleck auf einem der Punkte. Unter der Lupe erkannte ich ein winziges Hakenkreuz. ... Niemandem durfte ich davon erzählen. Nie werde ich erfahren, ob er es war, der es in diesen Punkt montiert hatte, und – wenn ja –
weshalb ... Erinnerung vielleicht an jenen 17. Juni 1953, als schon einmal sowjetische Panzer einen Aufstandsversuch niedergerollt hatten, zu Hilfe gerufen von der DDR-Führung? An deren Spitze:
Wilhelm Pieck!
Oder eigene Erfahrungen mit sowjetischen Panzern vor etwas mehr als einer Dekade –
als Hitlers Soldat? Davon hat er mir nie etwas erzählt. ...

 
                               
                               
Siegfried Körner,
der eifrige Bernsdorfer Geschichtensammler,
in seiner Chronik:
 

Lagebericht vom 30. Juni 1990:
Die Konsum-Kaufhalle Industriewaren in der ehemaligen Gaststätte "Zur Bauerei" hatte fast keine Waren mehr anzubieten. Ein eigenartiger Anblick, wenn in den Schaufenstern und in den Regalen fast nichts mehr an Waren steht.
Das HO-Textilkaufhaus hatte nur notdürftig bekleidete Puppen im Schaufenster.
Ein gespenstischer Anblick ... Mit dem Staatsver- trag wurden alle Volkseigenen Betriebe ab 1. Juli 1990 in Kapitalgesellschaften umgewandelt.
Der "VEB Holzbauwerke" nennt sich jetzt "Bauelemente GmbH".

Dieser Betrieb, in der Wendezeit von der Treuhand übernommen, war 1910 als Baugeschäft "Otto Schneider" gegründet worden und produzierte Holzhäuser, Flugzeughallen und Möbel. (Quelle: Bernsdorfer Arbeitsgruppe Stadtgeschichte)
1928 verließ die tausendste Küche die Fabrikhalle. Mitte der Dreißiger Jahre erlebten die Holzbauwerke mit einem kurz- fristigen Anstieg von ehemals 500 Mitarbeitern auf 1000 ihren Höhepunkt.

1945 wurde das Baugeschäft durch Volksentscheid enteignet und demontiert. Schon ein Jahr später erfolgte jedoch der Wiederaufbau unter dem Namen "VEB Holzbauwerke Bernsdorf" ...     ... Der Haupteingang des Betriebes lag genau gegenüber vom Erkerfenster der Familie Schmidt auf der anderen Seite der Dresdener Straße.

Und aus diesem Betrieb "machte" ebenfalls eine Familie "weg", drei Jahre vor meinem Vater, vier Jahre vor meine Mutter, meiner Schwester und mir. Diese Familie hatte auch einen Jungen dabei. Der war zur Schule gegangen – wie ich – in Berns- dorf. Und er wohnte – wie ich – ein halbes Jahrhundert später in der selben niedersächsischen Samtgemeinde!
Wir trafen uns zufällig an Bord eines Weser-Schiffes bei einer Kaffeefahrt von Nienburg nach Hoya und zurück. Danach lernte ich noch seine Mutter kennen, sein Vater war schon tot. Er habe den "Volkseigenen Betrieb Holzbauwerke Bernsdorf" geleitet, erzählte mir der Sohn. Die Abreise aus Bernsdorf habe schon 1954 stattgefunden. Nach seinen Worten war es eine Art Umzug zu Verwandten – mit Möbeln, mit Büchern, mit allem, was ihnen lieb und wichtig gewesen war. An Bernsdorf hatte er kaum Erinnerungen, er war etliche Jahre jünger als ich. Und er ist wieder aus meinem Leben verschwunden, nach dem Tod auch seiner Mutter.
Diese hatte nie reagiert auf die alten Bernsdorfer Schwarz-Weiß-Fotos, die in ihrem Briefkasten steckten, begleitet von einem Brieflein, mit dem ich den Austausch gemeinsamer Erinnerungen angeregen wollte.

Ein führender sozialistischer Betriebskader, der 1954 mit Familie samt Möbeln in den Westen ausreisen durfte? ...
Noch ein DDR-Geheimnis!

Und ein paar Straßen weg von der letzten Adresse jener Familie (der Sohn hatte das Haus verkauft), gab es in meiner Nach- barschaft eine weitere DDR-Verbindung, eine sehr prominente sogar! Zweimal besuchte er in Blenhorst Verwandte, zweimal verpasste ich den Mann, den ich als Kind 1955 bei einer "Friedensfahrt" durch Bernsdorf hatte radeln sehen.
Im August 2011 las ich bei t-online/sport:

  Bei einer Lesung von Radsport-Legende Täve Schur in Berlin ist es zum Eklat gekommen. Während der 80-Jährige aus seinem Buch "Der Ruhm und ich" las, sprangen die Doping-Opfer Uwe Trömer und Andreas Krieger auf und pro- testierten lautstark gegen Aussagen von Schur. Besonders der Satz "Den DDR-Sport als 'kriminelle Vereinigung' hinzustellen, geht mir ans Herz'', erzürnte die Zuhörer. "Ich litt durch Doping an beidseitigem Nierenversagen, hatte schwarzen Urin. Ich war zehn Stunden vom Tod entfernt. Und Sie sagen, das war kein Unrechtssystem?", rief Trömer, zu DDR-Zeiten Bahnradfahrer. Trömer ergänzte: "Es war richtig, Sie nicht in die 'Hall of Fame' aufzunehmen."
Schur nahm die Einwände zur Kenntnis: "Ihr Fall ist tragisch, aber es gab Ent- schädigungen." Krieger, als Frau unter dem Namen Heidi Krieger 1986 Europa- meisterin im Kugelstoßen, ergänzte: "Meine Gesundheit kann ich mir nicht zurückkaufen."

Schur gilt als einer der erfolgreichsten DDR-Sportler. Der gelernte Mechaniker wurde 1958 und 1959 Straßenweltmeister der Amateure, 1955 und 1959 triumphierte er bei der Friedensfahrt, der Tour de France des Ostens.

Zu DDR-Zeiten saß Schur in der Volkskammer. Später zog er für die PDS in den Bundestag ein. Seine Rolle blieb strittig, deshalb wurde er auch nicht in die "Hall of Fame" des deutschen Sports aufgenommen.

(Das Foto stammt aus dem "Bundesarchiv")

>>> Erfahrungen bei und Erkenntnisse nach dem Besuch 1990 mit Tochter Conny in der "Noch"-DDR. <<<

2007 erreichte mich in Afrika eine Einladung zu einer Jubiläumsfeier in Bernsdorf.
Wie hatte man dort meine Adresse herausgefunden?
Das Vorbereitungskommittee hatte einen alten Schulkameraden gefragt.
Dessen Ost-Erfahrung als "Rechercheur" war nach der Wende im Westen gefragt.
Das und viel mehr erfuhr ich, als meine Frau und ich 2008 der Einladung in die "Ex"-DDR folgten:

Eine Bilder-Geschichte in der nächsten Folge!

Und hier geht es zu einer zusätzlichen "Weltexpresso"-Geschichte :
"KEIN GEDENKEN, WENN ES UM DIE DDR GEHT ... und was es doch zu lernen gäbe, zumindest für Bremer
(danach auf "zurück" klicken, um noch TEIL 3 anzusehen)

                                 
                               

TEIL 1

 

TEIL 3