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| Die Schrift ist in den
Gründerbalken geschnitzt, der irgendeinmal
Nachbesitzern, vermutlich bei Ausbauarbeiten, als Träger
beim Einsetzen eines Kellertürchens im
feldsteinumfassten Innenhof diente. "Im Kriegsjahr 1940" - erst vier Jahre später wurde ich geboren, immer noch im Krieg. Dreiundvierzig Jahre später führt uns eine Maklerin in`s winterliche Dolldorf. Wir wollen weg aus Bremen, weg aus der Tretmühle, die mich schon zu viele Jahre auf journalistischen Reisen in die Südwelt fernhielt von zu Hause, nur gelegentlich unterwegs mit der Familie, häufiger ohne Elsa und ohne die heranwachsende Conny. Wohnen auf dem Lande, ein bisschen Gartenarbeit, ein Buch schreiben über "Leben im Reisfeld", Reporter-Erfahrungen in Vietnam, Laos, Kambodscha - während des Krieges und danach... Das Haus Dolldorf 27 steht zum Verkauf. So einsam, überpudert mit Watte aus Schnee, wir sind hingerissen und entscheiden uns innerhalb von vierundzwanzig Stunden, ohne langes Feilschen. Der spontane Entschluss verschuldet uns für die nächsten 25 Jahre, aber ich bleibe standhaft, wenn uns später in Afrika immer `mal wieder der Rat erreicht, angesichts nicht endend wollender Hiobsbotschaften von Mieter-Katastrophen das Objekt zu verkaufen. Als die grosse Reise nach Afrika noch gar nicht auf der Agenda stand, hatte schon ein Freund im Sender prophezeiht: Das hältst du nicht ein Jahr aus. Das wollen wir `mal sehen! |
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| Der ist mit seiner
Kartoffel-Lege-Maschine einmal um`s Riesenfeld
herumgefahren, da habe ich `mal grade eine vielleicht 15
Meter lange Reihe mit dem Spaten umgegraben, mit den
Händen frischen Pferdemist und Saatkartoffeln eingelegt.
Jedesmal, wenn er oben vorbei fährt, winkt er freundlich
vom Traktor. Dann kommen ein paar ungewöhnlich heisse
Sommermonate. Mein Mist hält die Feuchtigkeit im Boden,
mit Tochter Conny entsorge ich die Kartoffelkäfer-Plage
in leere Marmeladengläser - Erinnerung an eigene
DDR-Kindheit: Walter Ulbricht (himself) hatte uns Junge
Pioniere in den Fünfzigern zum Kampfeinsatz gegen eine
landesweite Kartoffelkäferplage antreten lassen.
Vermutet wurde der Abwurf durch CIA-gesteuerte Flugzeuge
über dem sozialistischen Kartoffelgebiet... Ha! Die geometrischen Reihen von Bauer Möhrings Kartoffelpflanzen lassen die Köpfe hängen. Ich aber habe die tollsten Knollen von Dolldorf, Frühkartoffeln, die ich im feldsteinumfassten Innenhof zum Trocknen auslege. Nachts wache ich auf, merkwürdige Mampfgeräusche dringen durch`s geöffnete Fenster. Monster im Sternenlicht, Wildsäue! Noch heute behaupten die lokalen Jäger, es gäbe in ihrem Revier gar kein Schwarzwild, vermutlich hätten Säue von Kirchmanns naher Weide den nächtlichen Ausflug zum Kartoffelschmaus unternommen. In diesem Sommer rannte allerdings ein Schwarzkittel in der Umgebung nächtens gegen einen PKW, einem Jäger kam er später vor die Flinte. |
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| Fachwerk und
Feldstein-Mauern, ja - das lieben wir heute, ein Brunnen
im Keller, eine offene Feuerstelle, ein Abort mit
Sickergrube. Elektrischer Strom? Natürlich ist
heutzutage alles auf neuesten Stand gebracht,
niedersächsische Wirtschaftsförderungsmassnahmen lassen
nichts aus, um uns dem Standard bundesdeutschen
Wohnkomforts anzupassen - und dafür zahlen zu lassen:
unter den Weiden herangelegte Stromleitung löste
Freiluft-Kabel ab, Trinkwasser-Anschluss durch ein
ebenfalls unter der Erde herangetriebenes Plastikrohr,
computer-lesbare Mülltonne, normgerechte
Kleinkläranlage mit Pflanzenbeet, und schliesslich noch
die vom Rathaus der Samtgemeinde in Marklohe erzwungene
Einführung neuer Strassennamen! Aus "Dolldorf
27" wird "Alter Schulweg 5". Aber vor dem Eingang, verborgen hinter Rhododendron-Büschen, bleibt dem Haus ein Erbe aus der Nachkriegszeit, aus einer Zeit also, da es einem Gemeindedirektor noch möglich war, sich über Normen hinwegzusetzen, um einer Familie einen Herzenswunsch zu erfüllen. Kürzlich sah ich im Fernsehen einen Beitrag über einen neuen deutschen Bürokratenstreit: Waldbesitzer haben sich eine neue Einnahme-Quelle ausgedacht - und liegen darüber prompt mit den Verwaltungen von Kommunen und Kirchen über Kreuz. Die beharren darauf, dass der leibliche Abgang von dieser Welt ordentlich auf einem Friedhof endet. Dagegen steht die neue Idee, sich noch vor dem Abgang selber das Wurzelwerk eines Patenbaumes in einem "Friedwald" als letzte Ruhestätte einer biologisch abbaubaren Urne auszusuchen. Neue Idee? Wir haben einen solchen Friedwald auf dem Grundstück. Die Urnen von Herrn und Frau Sievers, Nachfolger von Edmund Horst und Frau Anne als Hauseigentümer, ruhen unter einem Feldstein hinter den Rhododendron-Büschen. Der Bestattungsunternehmer kam seinerzeit mit einer der Urnen in der Hand auf winterlichem Eis am Hang in's Rutschen. Der Deckel sass nicht fest. |
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| Man wirft
keine Dosen weg im Wald. Ich spreche nicht mehr von
vollen Urnen, sondern von leeren Dosen. Als in
Deutschland das Dosenpfand noch nicht eingeführt war,
traf ich bei meinen Erkundungsgängen im Dolldorfer
Umland allenthalben auf diese bunten, oft zerknautschten
Getränke-Container. Auf dem Weg zum nahen Kurbad
Blenhorst sammelte ich einmal an einer Bus-Haltestelle
aus einem Waldstück 31 solcher Dosen. Dass mir dieser Zivilisationsabfall einmal positiv auffallen würde, habe ich dem Brückenschlag meiner afrikanischen Medienorganisation zu verdanken, die zur Weltausstellung "EXPO 2000" nach Hannover eingeladen war. Das machte zugleich die Rückkehr nach Dolldorf erforderlich.
... vermutlich einer,
der auch leere Dosen in den Wald schmeisst. In der
Afrika-Halle der EXPO bauten wir die Präsentation des
Projektes "Global Village Voices" von Radio
Bridge Overseas in den Nationen-Stand von Simbabwe ein.
Gegenüber entstand am Lesotho-Stand ein merkwürdiges
Gebilde, das im Archiv von Radio Bridge Overseas so
beschrieben ist: |
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| Nachts gehen wir öfter noch `mal hin, warten am oberen Ende der Brücke, bis im Norden, drüben in Blenhorst, pünktlich um 23 Uhr die Strassenlaternen abgeschaltet werden, und im Süden der Mars klar auszumachen ist. Vor 59.619 Jahren werden die frühen Menschen das orangerote Gestirn am Nachthimmel in ihrem alltäglichen Überlebenskampf kaum wahrgenommen haben. Damals war das magische Licht des Mars der Erde zuletzt so nah wie im August 2003. | ||||||||||||
| Mars, der rote Planet.
Astrophysiker sagen, das oxidierte Gestein auf seiner
Oberfläche unter einer dünnen Kohlendioxid-Hülle mache
den Mars zum Farbwunder am Abendhimmel... Er ist eine
rostfarbene Kugel, mit einem Durchmesser von 6794
Kilometern gerade halb so groß wie die Erde... Die feurige Farbe des Mars verbanden seine frühen Beobachter mit Krieg und Verderben. Bei den Sumerern hieß er vor 5000 Jahren Simbutu, der Tiefrote. Erst die Römer nannten ihn Mars nach ihrem Kriegsgott - wohl aus Furcht und in Erinnerung an blutgetränkte Schlachtfelder. In China war er Huoxing, der Stern des Feuers. Die Perser nannten ihn Pahlavani Siphir, den Himmlischen Krieger. Bei den Babyloniern hieß er Nergal, Gott des Todes - von dort stammen auch die frühesten Aufzeichnungen auf Tontafeln, etwa 2.700 Jahre alt. Wenn der Nergal nicht am Himmel sichtbar war, hütete er die Feuer der Unterwelt. Der US-Astronom Asaph Hall griff die martialischen Begriffe 1877 auf, als er zwei winzige Marsmonde entdeckte, und nannte sie Phobos (Furcht) und Deimos (Schrecken). Die Römer verehrten den Mars gleich in mehreren Funktionen: als Mars Gradivus, den Kriegsgott, Mars Silvanus, den Gott des Ackerbaus, Mars Quirinus, den Schutzgott des Staates, und Mars Ultor, den Rachegott. In dieser sternenklaren Oktober-Nacht bin ich alleine zur Brücke gegangen. Elsa ist vor zwei Wochen vorausgflogen, um unsere afrikanische Basis auf Vordermann zu bringen - Pendeln zwischen Nord und Süd, zwischen Dolldorf in der norddeutschen Tiefebene und Borrowdale in Harare auf der simbabweschen Hochebene. Der "Grosse Wagen", das Sternenbild am Dolldorfer Nordhimmel, hat seine Deichsel schon tief gesenkt. Wenn Elsa jetzt in Borrowdale nach Norden schaut, wird sie ihn tief am Horizont auftauchen sehen, nur umgekehrt, die Deichsel nach oben weisend. Ich stehe auf der Brücke, und die Strassenlichter in Blenhorst verlöschen, es ist 23 Uhr. Ich werde zurückschlendern und noch ein bisschen schreiben. Im Sommer 1983 dampfte gelegentlich noch eine Lok mit einem Güterzug an Dolldorf vorbei, dabei unterquerte sie die kleine Brücke, `mal in östlicher, `mal in westlicher Richtung. Der Güterverkehr ist seit vielen Jahren eingestellt. Die Geleise sind überwuchert, die Schwellen verrotten seit die letzte, ziemlich eigenwillige Nutzung der Schienen polizeilich untersagt wurde. Wir hatten ihn den "Schwarzen Reiter" getauft und ihm von der Brücke aus gelegentlich amüsiert zugewunken, dem Fahrer eines schwarz gestrichenen Renault 4, wenn er auf blanken Felgen herangedonnert kam, man hörte das Gefährt schon aus grösserer Entfernung. Wenn es eine halbe Stunde später zurückkehrte, war es umgedreht, Scheinwerfer wieder voran, wir haben nie herausgefunden, wo und wie es wendete.
Da erzählte ich
Geschäftsleuten bei einem G&T (tropischer Sundowner
= Gin & Tonic beim Sonnenuntergang), die (damals noch
so genannte) Deutsche Bundesbahn hätte in der Ex-DDR
tausende von Kilometern Eisenbahnlinien zu erneuern, die
seit Kaiser Wilhelms Zeiten dort nie ausgewechselt worden
seien. G&T beflügelte den folgenden Kurzschluss:
Kaiser Wilhelm = deutsche Kolonialzeit =
Eisenbahnschwellen aus afrikanischen Kolonien für die
deutsche Reichsbahn = knapp 100 Jahre später
Rücktransport des tropischen Holzes aus Deutschland nach
Afrika = Veredelung in exotisch-massive Möbel =
Re-Export aus Afrika nach Europa! Eine phantastische
Gedanken-Brücke, zumal jedes Stück Möbel mit dem
zutreffenden Zertifikat zu versehen wäre, massives
afrikanisches Tropenholz zu sein, aber nicht geraubt aus
lebenden Tropenwäldern! Und welche Symbolik! |
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| Eine
Brücke für unsere Tochter Die Brücke zum Worldwide Web Die Brücke zum eigenen Leben Die Brücke in die
Vergangenheit Die Multimedia-Brücke |