Die Heimat-Brücke

Dieses Kapitel – ein Schlusskapitel ? – beginne ich sieben Tage bevor ich Elsa abermals zum Flughafen bringe. Es ist Anfang März 2013.
Nach Afrika wird es dabei nicht mehr über eine Brücke in Dolldorf gehen. Diese Brücke rottet seit Jahren zwischen rostenden Geländern. Moos und wucherndes Unkraut zeugen davon, dass hier kaum noch jemand geht. Der Weg über die aufgegebenen Bahngleise führt jetzt, knapp zweihundert Schritte daneben, über einen Damm, aufgeschüttet und geteert im Auftrag der Kommune, die so den jahrelangen Kleinkrieg zwischen aufmüpfiger Dörfler-Basis und Samtgemeinde-Spitze beendete. Provisorische, einzementierte Metallbaken, die eine motorisierte Querung der baufälligen Brücke verhindern sollten, waren immer wieder in nächtlicher Robin Hood-Manier beiseite geschafft worden. Der Versuch, mit Bauschutt die Brücke für motorisierte Robin Hoods unpassierbar zu machen, endete als Schuss in‘s eigene Verwaltungsbein: Nach einer Anzeige wegen illegaler Abkippung war der Schuttberg auf Kosten der Verwaltung wegzuräumen. …

Anfang März 2013 – über den Brückenersatz in Dolldorf geht es nach Afrika nur noch für Elsa – und vermutlich nur noch einmal. Sie will ordentlich Abschied nehmen von Freunden und Bekannten, etwas, das vor gut einem Jahr in der Hektik des damaligen Aufbruchs für sie nicht möglich gewesen war. Zu jener Zeit, am letzten Tag des Jahres 2011, wenige Stunden vor Jahresende, signalisiert mein Handy eine Textbotschaft. Ich bin soeben, aus Bremen kommend, in den Hang hinunter zu unserem Dolldorfer Häuschen eingebogen, will mich kurz darauf der Sylvester-Feier von Dorf-Bekannten anschliessen, die mit einem gemeinsamen Essen in einem Gasthaus beginnen, dann mit einem Umtrunk im Hause eines Nachbarn enden soll. Die Textbotschaft, den Nachbarn verkündet nach Eintreffen im Gasthaus, kommt mich teuer zu stehen: eine Runde für alle … Und ein seltsam unklares Gefühl, eher Beklemmung als Erleichterung, stellt sich ein. Die Botschaft war aus Harare gekommen, wohin über Weihnachten und Neujahr aus London Tochter Conny angereist war, zur Unterstützung für Elsa bei dem Versuch, die Zelte abzubrechen, endgültig … nach 27 Jahren!
Die Handy-Botschaft hatte gelautet: »VERKAUFT!«

Und ich erinnere mich an das Gedicht des Liberianers Roland Tombakai Dempster:

Ich bin nicht du -
doch du willst mir
nicht meine Chance geben,
willst mich nicht ich sein lassen.

»Wenn ich du wäre« -
jedoch du weisst:
Ich bin nicht du,
und doch willst du
nicht, dass ich ich bin.




Im Frühjahr 2013 kommt zum 33. Mal eine Kirchendelegation aus Südafrika zu Partnern in unseren norddeutschen Kirchenkreis. Irmtraut und Walter Thomfohrde, nachbarschaftliche Gemeinde-Aktivisten und Herbergseltern für zwei Frauen der Delegation, motivieren uns, einen halben Tag bei deren Annäherung an norddeutsches Leben dabei zu sein:
Besuch auf einem ökologisch und ökonomisch selbstbestimmten Milchbauernhof, Einführung in Betrieb und Geschäft einer regionalen Landwirtschafts-Kooperative, Vortrag und Diskussion zu Bedingungen von deutscher Nahrungsmittelerzeugung.
Kaum einer der Gastgeber registriert, dass alle Delegationsmitglieder zwei-, sogar dreisprachig sind: Englisch, Zulu, Setswana. Der betreuende deutsche Pastor, selber während vieler Jahre in Südafrika seelsorgerisch tätig gewesen, übersetzt – schweisstreibend – deutsch-englisch-deutsch, gelegentlich können wir helfen. Die zweite Sprache einiger Gastgeber hier erschöpft sich in: Platt.
Trotz sprachlicher Hemmnisse lassen sich mindestens drei Delegierte nicht entmutigen bei der Erkenntnissuche in der Fremde. In ihren Fragen und Beiträgen sortieren sie rasch aus, was für ihre südafrikanische Lebensrealität von Relevanz ist und was nicht. Ich bin beeindruckt, und ich bin geneigt, den Dichter aus Liberia zu revidieren:

Ich bin nicht du -
doch du gibst mir
die Chance,
ich ich sein zu lassen.


Wäre es doch so einfach … Gedichte umzuschreiben.
Wäre es doch so einfach … kulturelle Eigenheiten anzupassen



ÜBER DIE BRÜCKE IN DOLLDORF
GEHT‘S JETZT ZUR »DORF-ERNEUERUNG«


… abends mit dem Fahrrad.
Während im Dorfgemeinschaftshaus der Rest der Dorf-Aktiven hereintröpfelt, der sich – nun schon im zweiten Jahr – unter professioneller Anleitung zur Debatte einer überfälligen »Dorf-Erneuerung« trifft, erzähle ich dem Jäger-Obmann Kreinhop beim ersten Bier ein Döntjes von meiner Beobachtung am Morgen beim Blick aufs Tierleben rund ums Haus an der Brücke: Eine kleine braune Feldmaus beim Klettern von Moos-Stein zu Moos-Stein habe mich belustigt. Plötzlich sei sie weggeflogen!
Es war gar keine Feldmaus, es war ein kleiner brauner Zaunkönig.
»Du brauchst einen Optiker!« ist der trockene Kommentar.
»Dorf-Erneuerung!« Es werden – wieder einmal – drei »Kompetenz-Gruppen« gebildet. Ich finde mich in jener wieder, die sich hauptsächlich mit der Bewältigung von Leerständen befassen soll. Auf immer mehr Höfen leben nur noch ein bis zwei Personen – 70 Jahre alt und darüber. Auf manchen Höfen, so wird uns anhand von Luftbild-Auswertung erklärt, könnten bis zu zehn verfallende Aussengebäude weg, könnten der Ansiedlung von Neubürgern in Neubauten weichen. Den Alt-Bewohnern müsste nur verständlich gemacht werden, dass für Abriss und für z.B. die Errichtung kleiner Senioren-Heime oder kleiner Gewerbebetriebe oder Touristen-Herbergen künftig Fördermittel zur Verfügung stehen könnten – nach Genehmigung des »Dorf-Erneuerungsplanes«.
»Touristen?« grummelt einer am Tisch. »Bei immer mehr Gülle auf den Feldern? In einer Luft voller Insektizide-Chemie, die schon Bienen und Schmetterlinge ersticken lässt? Wandern entlang endloser Felder für Mais? Bedrängt von Mais-Häcksel-Transportern auf dem Weg zu immer mehr Biogas-Anlagen? Vorbei an immer mehr Windrädern?«
Nun, ich erlebte die wellige Feld- und Wald-Landschaft der Region bei ausgedehnten Wanderungen bisher eher lieblich. Aber es gibt diese Leerstände, nicht bloss auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Höfen, ein ganzes Kur-Zentrum bricht uns weg, Hotel und Kurmittelhaus im Nachbarort, der sich deshalb nicht mehr »Bad Blenhorst« nennen darf.
Schon vor zwei Jahren hatten wir Dorf-Aktivisten Pläne für eine Re-Vitalisierung debattiert: Senioren-Heim, Touristen-Anlauf-Zentrale, Dorf-Bücherei mit Literatur-Café … heute hören wir: »Es wäre ein Fass ohne Boden!« Aber die Sparkasse, die den Komplex am Hacken hat und ihn schon ’mal hatte versteigern lassen wollen, war noch nie eingeladen, mit uns Aussichten für eine »Erneuerung« zu besprechen.
Und die Alten auf ihren Rest-Höfen? Wäre es nicht klug, sich ihre Geschichten anzuhören, bevor ihnen Abriss-Angebote gemacht werden? Wäre es nicht klug, vor einer »Dorf-Erneuerung« die Wurzeln der Menschen in dieser dörflichen Region zu verstehen?
Wenn »Erneuern« nicht bloß »Modernisieren« bedeuten soll, sondern auch »Gesundes Wachsen«, dann dürfen Wurzeln nicht abgehackt werden, dann müssen sie gepflegt werden.
Das weiss der Bauer im Dorf.
Und aus einer Maus wird niemals ein Zaunkönig!

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Das Haus an der Brücke

Eine Brücke für unsere Tochter

Die Brücke zum Worldwide Web

Die Brücke zum eigenen Leben

Die Brücke in die Vergangenheit

Die Brücke als Kreuzweg

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Die Brücken-Sperre bei Radio Bremen

Die Heimat-Brücke

Die kriminelle Brücken-Idee

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