Die Brücke als Kreuzweg


Während der vergangenen Nacht sind in den meisten Ländern Europas die Uhren um eine Stunde zurückgestellt worden - Winterzeit. Ich muss im Haus sieben Uhren justieren, einschliesslich jener im Auto und der auf dem Handy. PC und Laptop haben das in der Nacht selber besorgt. Sie teilten mir das heute früh mit der Bitte um Überpüfung mit.
"Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit". Das hatte die RBO-Praktikantin Bea Schallenberg bei ihrem Aufenthalt in Simbabwe notiert... Im Vergleich zu Simbabwe hinke ich im Haus an der Dolldorfer Brücke jetzt eine Stunde hinterher. Da sich die biologische Uhr aber nicht umgestellt hat, bin ich an diesem Sonntagmorgen eine Stunde zu früh aufgestanden. Das bringt mich auf die Idee, einen Kurzausflug zu unternehmen, dessen Ziel zwar nur fünfzehn Minuten Autofahrt nördlich der Brücke liegt, das aber - um es mit Leben erfüllt vorzufinden - eben nur an einem Sonntagvormittag besucht werden kann.
  Die Stiftskirche zu Bücken, "St. Matermiani et St. Nicolai", wurde um das Jahr 882 durch Erzbischof Rimbert von Bremen gegründet. Den Kirchengründungen seines Vorgängers Ansgar fügte er damit ein weiteres geistliches Zentrum hinzu, das neben der Missionierung und der Verwaltung der Diözese möglicherweise auch als Fluchtstätte vor den Einfällen der Nomannen diente.
Immerhin wurde über einhundert Jahre nach der Stiftsgründung der Schatz der Bremer Kirche vor normannischen Raubzügen in das etwa 50 Kilometer weseraufwärts gelegene Bücken in Sicherheit gebracht. Der erste Bau war nur eine Holzkirche, die erst um 1050 durch einen Steinbau ersetzt wurde. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts entstand in mehreren Bauabschnitten eine eingewölbte dreischiffige Basilika mit Querhauskonchen. Der spätere Doppelturmbau litt durch die Auflösung des Stifts und seiner Güter als Folge der Reformation, einer der Türme wurde sogar abgerissen. Der Architekt Adelbert Hotzen, der vor anderthalb Jahrunderten zeitweise in Bücken wohnte, ergriff die Initiative zu einer umfangreichen Innen- und Aussenrenovierung. Zwischen 1863 und 1868 erhielt der Kirchenbau seine heutige Gestalt.
Ich machte hier schon einmal Station, um der Tochter nach einem Dolldorf-Besuch und auf ihrem Rückweg zum Architekten-Job in London zu zeigen, was auf dem flachen Lande einem Künstler eingefallen ist, als von September 1997 bis Oktober 1998 die verrottete Kupferbedachung der beiden Kirchtürme zu erneuern war.

"Pablo" Holger Hirndorf wurde 1963 im Kirchspiel geboren.
Er studierte Kunstpädagogik an der Uni Hannover, dann Malerei, 1992 schloss er als Meisterschüler ab.
Über seinen Auftrag schreibt er:

 

"Seitens des Kirchenvorstandes wurde an mich der Gedanke herangetragen, die 15 Kreuzwegstationen, den Weg Jesu von der Verurteilung bis zum Kreuz und seine Auferstehung, auf Altkupfer vom Kirchenturm darzustellen..."

  Und Jürgen Claus von der Universität Hannover notiert im selben (in der Kirche erhältlichen) Pamphlet:
"Gewaltsam traktierte, von der Zeit dunkel patinierte Kupferbleche, welche ehemals die Kirchtürme der alten Stiftskirche zu Bücken zierten, präsentieren sich unserem Blick mit Verfomungen der Oberfläche und mit Schleif- und Schlagverletzungen, die beim Aushebeln der Platten aus der Turmbekleidung entstanden sind. Witterungsspuren und Spuren der Zerstörung suggerieren rohe Kraft und zeigen sich uns unverhohlen dokumentarisch.
Das ist die eine Seite der assoziations-reichen Bildtafeln des Künstlers Holger Hirndorf. Diese Tafeln werden in ungeahnt eindringlicher Weise zur Metapher für menschliches Leiden und damit auch für den Leidensweg Christi... Holger Hirndorf entwickelt parallel zu den Zufallsspuren einen faszinierenden Kosmos aus Fantasie- und Realformen. Grafische Spuren schwirren und strudeln wie Gestirne durch einen imaginären Äther, in welchem schemenhaft irdisch Szenerien erblühen. Ein Schöpfungakt von bildträchtiger Kraft. Zerstörung wird zur Krönung..."
 
http://www.evlka.de/extern/syke/buecken/kreuzwegbildergalerie.html
Das Gesamtwerk aus 15 Kupfertafeln wird am Ende etwa 35.000 Euro kosten. "Der Kreuzweg wird jeweils dann um eine weitere Station wachsen wenn genügend Geld für den Erwerb vorhanden ist," lese ich in dem Pamphlet. "Ihre Spende fördert einen kulturellen und kirchlichen Zweck und kann bei der Steuer geltend gemacht werden..."

Seit meinem letzten Besuch sind ein paar Tafeln an der Nordwand der Kirche hinzugekommen. Als ich an diesem Sonntagmorgen zum Gottsdienst unter dem Häuflein der regulären Gemeinde sitze, höre ich, dass bei der letzten sonntäglichen Kollekte für Minderheitenkirchen in Südosteuropa etwas mehr als 26 Euro zusammengekommen sind. Die betuchten Spender, die den grossartigen "Kreuzweg" bis hierher finanziert haben, sind heute morgen wohl nicht da. In die beiden Samtbeutel an langen Stangen fallen wieder nur Münzen. Eine der Stangen mit dem Beutel am Ende wird von einem älteren Herrn durch die spärlichen Reihen gereicht. Er hatte zuvor zu diesem 19. Sonntag nach Trinitatis das Zitat aus dem Evangelium gelesen...
  ...eine Aufgabe, fällt mir ein, der ich möglicherweise ebenfalls hätte nachkommen müssen - heute in der "Martin-Luther-Gemeinde" in Harare, wo Pastor Veller mich mit dem Charme eines fröhlichen Hirten zu solchem Dienst in der deutschen Gemeinde Simbabwes zu vergattern pflegt. Manchmal flicke ich da auch das defekte Mikrofon an der Kanzel.

Die Stimme des älteren Herrn hier in der Kirche zu Bücken brauchte eigentlich gar keine Mikrofon-Verstärkung, er scheint gewohnt, sich vor grösseren Menschenmengen zu artikulieren. Die Stimme kenne ich! Ich schaue mir den Mann genauer an als er mit dem Kollektenbeutel vorüberwandert.
Er ist es! Ein bisschen kleiner und dünner vielleicht und ungefähr sechzehn Jahre älter. 1987 hat ihm in Simbabwe meine Frau ihr Billet für die Kino-Premiere von Sir Richard Attenborough's Film "Cry Freedom" abgetreten.

"Schrei nach Freiheit" - "Cry Freedom" - die Geschichte eines schwarzen Freiheitskämpfers in Südafrika: Steve Biko, und die Geschichte eines weissen Journalisten in Südafrika: Donald Woods. "Schwarzer, verlaß dich auf deine eigene Kraft", so heißt ein Leitsatz des Black Consciousness Movement im Apartheid-Südafrika der 70er Jahre, dessen Zentralfigur Steve Biko (Denzel Washington) ist. Biko steht unter dem "Bann", d.h. er wird ständig überwacht, darf sich nicht mit mehr als einer Person gleichzeitig treffen, darf weder seinen Wohnbezirk verlassen noch schreiben und keine Kontakte zur Presse pflegen. Er ist politisch isoliert.

 

Donald Woods (Kevin Kline), wohlhabender Weißer, schreibt als liberaler Journalist gegen das Apartheidsystem. Er lernt Biko kennen. Durch die entstehende Freundschaft radikalisieren sich seine Ansichten. Biko wird bei dem Versuch, sein Banngebiet zu verlassen, gefasst und stirbt an den Verletzungen, die er durch das darauffolgende "Verhör" erlitten hat. Polizei und Regierung verständigen sich auf die "Selbstmordthese". Woods, entsetzt und verbittert, protestiert öffentlich gegen die Ermordung seines Freundes. Daraufhin wird er ebenfalls mit dem Bann belegt. Er durfte nicht mehr schreiben, keine öffentlichen Gebäude betreten, keine Veranstaltungen besuchen und er wurde ständig von der Sicherheitspolizei überwacht. Mordanschläge auf seine Familie machten ihm bewusst, dass er keine Chance hatte, in diesem Land zu überleben. Er beschloss zu fliehen. Am Silvesterabend 1977 machte er sich, als Priester verkleidet, das Manuskript zum Buch über seinen toten Freund in der Reisetasche, auf den gefährlichen Weg.
Der Film wurde in Simbabwe gedreht. Die Premiere mit Regisseur Attenborough fand im Avondale-Kino-Komplex der Hauptstadt Harare statt, auf dessen Vorplatz kurz zuvor eine Bombe hochgegangen war, gelegt von Agenten des südafrikanischen Geheimdienstes. Entsprechend scharf waren die Sicherheitsvorkehrungen, denn zur Premiere hatte sich auch Simbabwe's Regierungschef Robert Mugabe angesagt. Ich empfahl meinem Gast, seinen Diplomaten-Pass bereizuhalten, auf dem Billet für die Premiere stand der Name meiner Frau, nicht seiner:

  Horst-Werner Franke , Bildungssenator in Bremen, Präsident der deutschen Kultusministerkonferenz auf Besuch u.a. bei deutschen Lehrern, die vom seinerzeit vorhandenen Lehrerberg in Deutschland zum Einsatz in's Land am Sambesi geschwemmt worden waren.
(gestorben am 20.12.2004)
Im Internet finde ich den Hinweis auf einen Vortrag des Bildungsexperten Franke, bei dem er 1996 - schon im Ruhestand - überraschend weitsichtig die Diskussion um den Zustand der Schulen in Deutschland mit den seinerzeit noch relativ neuen elektronischen Medien verknüpfte.

http://www.sommeruni.uni-osnabrueck.de/20_stage.htm
Horst-Werner Franke

Schulen der Zukunft - zwischen Bildungsauftrag und Edutainment?
(Vortrag auf der Internationalen Sommeruniversität Münster-Osnabrück 1996,
gehalten am 10. September 1996 an der Universität Osnabrück)

...Die Schule, wie wir sie im Augenblick vorfinden, ist im wesentlichen eine Schule, die sich, etwas überspitzt formuliert, in den letzten Jahrhunderten nicht so wesentlich verändert hat. Seit der Zeit des Mittelalters steht der Lehrer mit der vor ihm versammelten Schülerschar im Mittelpunkt des Geschehens. Wenn ein Lehrer von damals in einer Zeitreise in eine Schulklasse von heute käme, würde er natürlich eine ganze Menge von merkwürdigen Dingen entdecken, die er nicht kennt, aber die Grundstruktur, wie er mit Schülern umgeht, ist im wesentlichen gleich geblieben. Das ist auch die Einschätzung von Bildungsreformern. Allen Reformansätzen zum Trotz, hat die Schule ein großes Beharrungsvermögen bewiesen und sich im wesentlichen in den alten Strukturen, zwar ein wenig weiterbewegt, aber nicht prinzipiell geändert.
Eine wirkliche Bildungsreform, die diesen Namen verdient, könnte man auf eine kurze Formel bringen: sie zielt darauf, die Schüler nicht zum Objekt der Bildungsbemühungen, sondern zum Subjekt zu machen, den Einzelnen also zu einem wirklich handelnden Subjekt zu befähigen, der von sich aus agiert, das Notwendige lernt und etwas Vernünftiges unternimmt. Alle Reformansätze in dieser Richtung haben leider bisher keine ausreichende Breitenwirkung erzielen können. Die Gründe dafür kann man vielleicht sehr vereinfacht auf den Punkt bringen, daß wir keine Werkzeuge, keine Mittel zu einer durchschlagenden Reform in der Weise besessen haben, die tatsächlich ein neues Rollenverständnis für Lehrer und Schüler mit sich gebracht hätte.
Die Situation, daß vor der Klasse oder Gruppe eine Lehrperson steht und doziert und die anderen zuhören müssen, ist von den Möglichkeiten her, über die wir bislang verfügt haben, nicht radikal aufzubrechen. Allerdings scheint es in der gegenwärtigen Situation zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte Ansätze, Möglichkeiten oder Vehikel zu geben, die eine völlig neue Unterrichtssituation für die Schule ermöglichen. Die Einführung der neuen elektronischen Medien in den Unterricht wird von den verschiedensten Stellen enthusiastisch begrüßt und als die Möglichkeit zur radikalen Umgestaltung von Schule gesehen. Vielleicht leben wir im Augenblick in so einer Art Zwischenzeit, in der eine jahrhundertelange Schulentwicklung zu Ende zu gehen scheint und sich eine völlig neue Form von Schule abzuzeichnen beginnt. Wenn man diese neue Form von Schule versucht, visionär oder utopisch zu beschreiben, dann könnte man meinen, zunächst einmal große Begeisterung dafür zu finden. Im Schulalltag sieht das jedoch in der Regel anders aus.
Wenn Schüler mit den neuen elektronischen Medien im Unterricht bekanntgemacht werden, dann geschieht das bei uns im Augenblick in der Regel dadurch, daß man bestimmte Unterrichtseinheiten zur Verfügung stellt und sagt, so hier in diesem Punkte werdet ihr die elektronischen Medien einmal kennenlernen. Diese Einführung in ein neues Feld wird dann in der Regel nur als eine Art Fachunterricht verstanden. Das, was jedoch eigentlich für die neue Form von Schule gemeint sein könnte, ist etwas anderes. Es zielt auf eine völlige Auflösung der bisherigen Unterrichtsstruktur, eine völlige Abkehr von dem Prinzip eines geplanten, reglementierten, von einem Lehrplan und einem Fundamentum bestimmten Unterrichts. Die Schule von morgen könnte so aussehen, daß jeder Schüler sich mit Hilfe der elektronischen Medien seine eigene Wissensentdeckungsreise selber zusammenstellt...

In gewisser Weise hat es unsere Tochter dem Bremer Bildungssenator Franke zu verdanken, mit den Ergebnissen ihrer vierjährigen Schulbildung in Simbabwe zum Studium der Architektur an der Technischen Universität Berlin zugelassen worden zu sein. Dafür musste in Deutschland der im simbabweschen Cambridge-System erworbene A-Level als vollgültiges Abitur anerkannt werden. Zuständig war dafür die Kulturbehörde des Bundeslandes, in dem Conny vor dem Afrika-Aufenthalt zur Schule gegangen war - Bremen. Senator Franke liess seinerzeit für uns auflisten, welche Fächer im A-Level zu belegen seien, um dafür in Bremen später die Anerkennung zu erhalten.

  Die Universität in Bremen hatte – seit Aufnahme ihres Lehrbetriebs im Jahr 1971 - nie einen offiziellen Namen, nur einen inoffiziellen, einen Schmähnamen – erfunden in der Gründerzeit von jenen, denen das Bremer Reformprogramm zu weit ging: “Rote Kaderschmiede”.

Der heutige SPD-Landeschef in Bremen, Detlev Albers, seinerzeit von Gründungsrektor Thomas von der Vring an die neue Uni geholt, zeigt gerne ein altes Pressefoto, das ihn als studentischen Bannerträger zeigt. Auf dem Transparent steht: “Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren”.

Nach Überwindung der Apartheid standen in Südafrika auch die Institutionen für höhere Bildung an einem Kreuzweg. Vor allem eine, die in ihrem Namen bis heute die koloniale Vergangenheit konserviert. Als ich diese Universität anlässlich eines Seminars zur “Anwendung neuer Medien” besuchte, riet mir der Chef des Publizistik-Departments, vor dem Eintritt ins Foyer einfach nach rechts zu sehen ...

... Er wusste, dass ich aus Simbabwe, dem ehemaligen Rhodesien kam. Und links steht die Büste des Namensgebers der Universität von Grahamstown: Cecil Rhodes.

 

Bei Radio Bridge Overseas dachten wir, sieben Jahre nach dem Ende der Apartheid sei es Zeit, Kollegen im Publizistik-Department der “Rhodes-University” zu Grahamstown zu bitten, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was hatte sich geändert? Die Recherche-Ergebnisse, die uns die Kollegen per Internet übermittelten, wurden im

 

Radio Bridge Overseas / 1998
Eine Universität im Umbruch

Ein Glockenturm in Grahamstown, in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zweitgrösste Stadt im südlichen Afrika. Mehr als 40 Kirchen im alten britischen Stil gaben Grahamstown den Beinamen “Stadt der Heiligen” - ein Erbe der weissen Siedler. Deren Ankunft löste allerdings unheilige Konflikte aus.

  http://www.ru.ac.za

Am 22. April 1819 stürmten 9.000 Xosa-Krieger von den Bergen herab gegen das Fort von Grahamstown. 350 weisse Soldaten hielten Stand, 1.000 Tote blieben im Tal, als sich die Xosa in die Berge zurückzogen.

Fünf Jahre zuvor war im Schatten der Militär-Barracken die erste Schule für Kinder der weissen Siedler eröffnet worden. 184 Jahre später gehören Grahamtown’s Bildungseinrichtungen zu den besten Südafrikas, mit dem Campus der Rhodes-Universität im Mittelpunkt unseres Interesse: Was passiert im Jahr 1998 an diesem Institut höherer Bildung, das nach wie vor den Namen von Cecil John Rhodes trägt, des Mannes, der mit seinem imperialen Unternehmer-Drang weite Teile des südlichen Afrika unter weisse Vorherrschaft brachte?

Vasco Ndebele studiert an der Rhodes Universität.
Er sagt: “Der Hauptgrund weshalb eine Mehrheit von Studenten hier bei der Rhodes Universität keine Chance hat, aufgenommen zu werden, sind die steigenden Studiengebühren.

 

Zweitens ist da eine Bestrebung, die Institution grundsätzlich innerhalb englischer Traditionen zu halten. Ich glaube, sie ist eine der letzten Bastionen weisser Vormachtansprüche in unserem Land. Die Verwaltung wird alles tun, um sie so weiss wie möglich zu belassen, mit ein paar Schwarzen, die man hereinlässt, aber unter Beibehaltung von Werten einer weissen, englischen Universität.” Ndebele ist Vorsitzender des schwarzen südafrikanischen Studenten-Kongresses. Sein direkter Kontrahent in dieser Diskussion wäre der Kanzler der Universität, Professor David Woods. Der sagt in einem separaten Interview:

  “Wir sind keine traditionelle, klassische, irgendwie abgehobene oder elitäre Universität. Wir versuchen, Schritt zu halten mit dem, was in der Gesellschaft passiert, und wir betreiben einige Projekte innerhalb der Gemeinschaft, in der wir angesiedelt sind.
Zur selben Zeit bleibt aber Herzstück unseres Geschäfts die Ausbildung unserer Studenten, und das bedarf eines hohen akademischen Niveaus, wir sind eben kein allgemein bildendes College innerhalb dieser Gemeinschaft hier. Wir können uns an Gemeinschaftsarbeit beteiligen, gewiss, aber unsere akademische Arbeit benötigt einen bestimmten Standard formaler Bildung bei jenen, die zu uns kommen. Es wäre eine Verschwendung von Ressourcen, wenn wir plötzlich damit aufhörten und uns ganz auf weniger anspruchsvolles Training beschränkten. Wir tun das auch, und ich denke, wir können eine Menge dabei lernen, das ist Teil der Transformation. Aber das heisst nicht, dass wir unsere Hauptaufgabe umwandeln.”

Armut und schlechter Bildungsstand auf der einen Seite, die Notwendigkeit, einen hohen akademischen Standard zu erhalten, auf der anderen. Wie kann das zusammengehen? Lynnet Steenveld vom Department für Publizistik, leitet die Aktionsgruppe, die Vorschläge zur Transformierung der Rhodes Universität erarbeiten soll: “Aus meiner eigenen Sicht müssen wir auch über die Klassenfrage, nicht bloss über die Farbenfrage reden. Sehen wir uns zum Beispiel die Universität an, gewiss, wir haben mehr schwarze Studenten als früher, aber sie kommen meistens von privaten Schulen. Was passiert mit denen aus den Townships?”

Und Vasco Ndebele, der schwarze Studentführer sagt: “Es ist schockierend, wenn man sich die Statistik anschaut. Die Rhodes Universität ist in Grahamstown und das liegt in der östlichen Kap-Provinz, aber da kommen nur 30% der Studenten her. Und aus der unmittelbaren Umgebung? Ich bezweifle, dass es 2% sind.”

Mehr schwarze Jugendliche brauchen ein besseres Bildungsniveau, um sich in grösserer Zahl für die Universität zu qualifizieren. Das ist eine Aufgabe, für die nicht die Universität zuständig sein kann, dafür ist eine Umorientierung des nationalen Bildungssystems unterhalb der Universität erforderlich. Wie aber steht es mit einer Öffnung des Universitäts-Lehrkörpers für schwarze Akademiker? Professor Woods sagt: “Wenn man sich anschaut, was beim akademischen Lehrpersonal passiert, dann bewegt sich da nur langsam ‘was. Im Vergleich zu neuen Aufstiegsmöglichkeiten für Schwarze in der Industrie und in der Regierung sind die Gehälter nicht wettbewerbsfähig. Junge Schwarze drängen sich deshalb nicht in akademische Jobs. Um dem zu begegnen, ist es mir gelungen, eine Million Dollar von der Mellon-Stiftung in den USA zu kriegen, für ein Programm, mit dem wir den eigenen Nachwuchs fördern wollen. Das sind gute Stipendien für schwarze Studenten, die damit ihren Doktor machen können, und wir hoffen, dass diese jungen Leute auf den Geschmack kommen und entweder bei Rhodes bleiben, oder an eine andere Universität gehen. Wir wissen also durchaus, was getan werden muss, aber es ist sicherlich ein langer Prozess.”

Der Chef des Publizistik-Departments an der Rhodes Universität, Professor Guy Berger, führt eine Idee ein, die eigentlich gar kein Geld kosten würde. “Ich glaube, Transformation kann nicht bloss heissen, andere Leute hereinzubringen, es bedeutet auch, jene zu verändern, die schon hier sind.

 
Sie haben mit ihren Fähigkeiten etwas beizutragen. Sie müssen herausfinden, wo ihre bisherigen Beschränkungen lagen, denn es hat einen eingeschränkt, wenn man als Weisser in Südafrika aufgewachsen ist. Wahrscheinlich hat man nicht gelernt, eine afrikanische Sprache zu sprechen, aber ein Verständnis mag vorhanden sein. Ich denke nicht, bloss weil Afrikaner die Mehrheit bilden, dass Weisse beim Lehren keine Rolle mehr zu spielen haben. Obwohl, es wird schwer sein, die hier sind so umzuformen, dass sie für die Mehrheit relevant sind.”

Eine Glocke von den vielen Kirchtürmen in Grahamstown läutet immer. Es mag sein, dass trotz aller Schwierigkeiten mit der Transformation an der Rhodes Universität für lernbereite weisse Akademiker noch nicht das letzte Stündlein geschlagen hat, für mehr und mehr Schwarze aber eine neue Zeit eingeläutet wird.

Die Rhodes-Universität in Grahamstown / Südafrika feiert 2004 ihr hundertjähriges Bestehen, sie wirbt mit dem Slogan "Wo Führer lernen".
Die Universität Bremen bezeichnet sich heute als das "Wissenschaftszentrum im Nordwesten Deutschlands". Sie ist Forschungsstätte für 1.427 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studienplatz für ca. 19.000 Studierende, viele von ihnen kommen aus der Südwelt.

Und es ist geruhsamer geworden auf ihrem Gelände. Bei einer Studentendemo in den frühen Achtzigern kroch ein Vierjähriger auf den Senator zu, und der studentische Vater schrie: "Beiss ihn ins Bein!" Im Winterstreikjahr 1989/90 fiel auf den Bremer Kultursenator Franke bei einem Auftritt an der Uni bloss noch mildes Konfetti.

 
Sechzehn Jahre nach unserer Begegnung in Harare treffe ich den Ex-Senator, der sich von Freunden gerne "Thomas" - der Ungläubige (!) - nennen lässt, zufällig wieder beim Dienst in einer niedersächsischen Kirchengemeinde, wo er aus dem Evangelium liest, mit dem Klingelbeutel die Kollekte einsammelt und am Abendmahl teilnimmt.
(Ein knappes Jahr nach dieser Begegnung starb Horst-Werner Franke)
1989, so erzählt er mir, hätten seine Frau und er das alte Schulhaus in Windhorst im Kirchspiel Bücken gekauft. Seit er sich von dort immer 'mal wieder mit aufmüpfigen Zwischenrufen äusserte, ...
  ... zum Beispiel in der "tageszeitung" zu finanz- und bildungspolitischen Fragen, gilt Franke in Bremer SPD-Kreisen als "Abtrünniger".

Nach Ende des Gottesdienstes erinnern wir uns an Stationen unserer Begegnungen hier oben im Norden (später davon mehr) und unten im Süden. Dort hatte er den Film-Regisseur Sir Richard Attenborough persönlich kennengelernt, den Regierungschef Mugabe nur kurz inmitten eines Kordons aus Sicherheitsleuten, später allerdings etwas näher bei einer pompösen Hochzeitsfeier in der Mugabe-Familie. Mugabes Rolle als Verantwortlicher für die Massaker seiner Armee unter dem Stamm der Ndebele im Matabeleland (nach Erreichen der Unabhängigkeit im Jahr 1980 !) - war im Jahr 1987 für Staatsbesucher aus der Nordwelt kein Thema: Robert Gabriel Mugabe, damals noch Premierminister, hatte es gerade geschafft, seinen alten Widersacher, Joshua Nkomo, den Führer der Ndebele-Partei ZAPU, ins Lager der von seinem Stamm, den Shona beherrschten Regierungspartei, der ZANU/PF, zu ziehen.

Attenborough’s Film "Cry Freedom" enthält eine Szene, die heute, im Jahr 2003, eine für simbabwesche Journalisten bittere Bedeutung hat: Als der Journalist Donald Woods auf seiner Flucht aus Südafrika den Hochkommissar der britischen Krone in Salisbury, der Hauptstadt des benachbarten Rhodesien (heute: Harare in Simbabwe), beim Fünfuhrtee stört, weil er der drohenden Auslieferung nach Südafrika mit einem Asylantrag in Großbritannien zuvorkommen will, ist dessen Antwort: "Aber natürlich, gerne doch!". Während Donald Woods nach 13 Jahren Exil 1990 in ein Apartheid-freies Südafrika zurückkehren konnte (bevor er im August 2001 an Krebs starb), befindet sich die Elite simbabwescher Journalisten heute im Exil, in Südafrika, in den USA oder in Grossbritannien.


Ein Teil der Arbeit von Menschen, die sich bei der Martin-Luther-Kirche in Harare engagieren, widmet sich zwangsläufig den Folgen von Misswirtschaft und der staatlichen Zwangsmassnahmen, die das Land seit Anfang der neunziger Jahre zu einem Armenhaus gemacht hat.

 
Lebensmittel werden gesammelt und verteilt, bei wöchentlichen Armenspeisungen auf dem Grundstück der Kirche, das übrigens gleich um die Ecke des überfüllten Gefängnisses liegt, oder in einem wuchernden Lager für Squatter ausserhalb der Stadtgrenze, letzte Zuflucht für Familien vieler tausend Landarbeiter, die nach der Enteignung weisser Farmer ihre Wurzeln verloren haben. Sie können nicht dahin zurück, wo einst die Vorfahren lebten. Dort wären sie jetzt Fremde. Und ein strenger Glaubenskodex, der alte Traditionen beschwört und Ängste befördert, lässt in Simbabwe, im - wörtlich übrsetzt - Haus aus Stein, Eigeninitiativen oft scheitern.

Im Volksglauben, nicht nur im deutschen, ist der Kreuzweg auch der Aufenthaltsort von Geistern und Hexen. Für Radio Bridge Overseas hat der simbabwesche Kollege George Msumba einen solchen Kreuzweg besucht, und es ist ihm - aus authentischer afrikanischer Sicht - das ungewöhnliche Porträt von Menschen in einem Landstrich weit weg von Harare gelungen, an deren Bekenntnis ich dachte, als der Pastor in der Stiftskirche zu Bücken die Gemeinde aufforderte, ihr Glaubensbekenntnis zu sprechen.

http://www.radiobridge.net/rborunterladen.html
Radio Bridge Overseas
Der heilige Berg von Chikupo
George Msumba  
George:
Händeklatschen ist ein Ritual, um Respekt gegenüber den Geistern der Vorfahren meines Volkes auszudrücken, den Shona in Simbabwe, einem Land im südlichen Afrika. Gewöhnlich ist dies mit förmlichen Fragen nach Rat und Erlaubnis der Geister der Gegend verbunden, in der man eingetroffen ist. Selbst in der Stadt, in der ich wohne, ist es üblich, dass man zur Begrüssung in die Hände klatscht. Aber hier, fern der Hauptstadt, in Chikupo, hat es noch eine besondere Bedeutung. Von dieser Gegend waren mir Geschichten von einem Berg zu Ohren gekommen, auf dem es brennt, wenn Regen bevorsteht, von einem Berg, der sprechen kann, von einem Berg, der einen von der Erdoberfläche verschwinden lässt, wenn du ein falschs Wort verlauten lässt. Meine Mission bestand darin, den Mythos dieses Berges zu verstehen. An seinem Fuss traf ich Elias Muchapondwa, der eng im Glauben der Menschen hier verwurzelt ist. Er lud mich in den Schatten eines Baumes unterhalb des Berges.

Elias:
Während der Regenzeit hat der Berg gebrannt, obwohl ein Nieselregen niederging. Das Feuer konnte dadurch nicht gelöscht werden. Man hat nur die übermächtigen Flammen gesehen, die ohne Unterlass gezüngelt haben. Zur selben Zeit hat es geregnet. Das war ein Zeichen, dass in diesem Jahr eine riesige Bohnenernte bevorstehen wird.

  George:
Der Berg ist ein riesiger, nahezu kahler Granitbuckel, an dessen Ränder sich verstreut einige Bäume befinden. In Simbabwe gibt es viele solcher Berge, die als heilig angesehen werden. Wie Elias mir erzählte, seien die Ureinwohner dieser Gegend in Höhlen des Berges begraben worden.
Elias:
Es sind deren Seelen, die all diese Dinge bewirken, die im Umkreis dieses Berges geschehen.

George:
Ich selbst fühlte mich wie ein Aussenseiter in der Erzählung über meine Vergangenheit. In der Schule wurde mir gelehrt, dass es für jedes Problem eine wissenschaftliche Begründung gibt. Meine traditionelle Vergangenheit lässt hingegen Freiraum für unerklärte und unnatürliche Ereignisse im Leben der Menschen. Gab es vielleicht noch andere Zeichen für die übernatürlichen Kräfte des Berges?


Elias:
Zum Sonnenuntergang konnte man das Muhen der Kühe und die Gespräche von Personen hören, die unsichtbar waren. Wir konnten ihre Gespräche verstehen, sie zu sehen, war allerdings unmöglich.

George:
Die Idee von Tönen ohne Quelle war für mich kaum fassbar. Aus diesem Grund bat ich Elias, mir dieses Phänomen zu erklären.

Elias:
Unsere Vorfahren nannten solche Stimmen Madzimuzagara. Heute kann ein Radio mit einem Sender verknüpft werden, der weit entfernt ist. Und man kann hier hören, was Leute dort sprechen. Kann man sie sehen? Nein. Ich kann sie nicht sehen. Wenn man die Musik dort spielt, dann können wir hier danach tanzen. Und genau auf diese Weise können die Stimmen unserer Vorfahren an unsere Ohren dringen. Jeder kann die Stimmen hören.

George:
Um den Glauben an die Geister zu verstehen, der eigentlich mein eigener Glaube sein sollte, war es für mich wichtig, zu den Grundüberzeugungen unserer Religion zurückzugehen. Danach bleibt die Seele eines Verstorbenen unter den Lebenden. Seine Seele findet eine Person, die sein geistiges Zentrum wird. Durch dieses Medium können die Hinterbliebenen mit dem Verstorbenen kommunizieren. Der Tote wird dann Kontakt zwischen den Lebenden und Mwari aufnehmen, so heist unser Gott. Im Fall des heiligen Berges funktioniert das so: Mwari sendet seine Mitteilungen zu den Bewohnern von Chikupo über die Seelen der Verstorbenen. Die Geister sind der Grund für die übernatürlichen Ereignisse, die an dem Berg zu beobachten sind.

Elias:
Mwari möchte einzig und allein nur die Wahrheit. Die Welt würde viel besser sein, wenn jeder das wüsste. Autos und Paläste verändern die Menschen nicht zum Guten. Mwari möchte eine heilige Person, die gute Taten vollbringt, die nicht durch das Blut eines anderen Menschen beschmutzt wurden.

George:
Dieser Glaube türmte sich vor mir auf wie Nyaumbwe, der heilige Berg. Noch einmal warf ich einen Blick zu dem Granitfelsen, verfügt er tatsächlich über aussergewöhnliche Kräfte?

Elias:
Unsere Stärke, die Stärke des schwarzen Mannes, ruht in den Geistern unserer Ahnen. Als die Weissen kamen, mussten sie feststellen, dass die Quelle unserer Kräfte in unserem Gott liegt. Sie hatten ihren eigenen Gott, einen Gott, den wir nicht kannten, einen Gott, der im Himmel lebt. Unser Gott war niemals weit entfernt.

George:
Die Beschreibungen von Elias erweckten bei mir den Eindruck, dass der Berg seine Kräfte verloren habe. Dann erzählte er mir allerdings eine Geschichte über zwei Söhne und einen Neffen. Seine Söhne, so berichtete er, waren auf dem Weg zum Gipfel, um Vogeleier zu sammeln. Der Neffe entschied sich kurzerhand, ihnen zu folgen, ohne jedoch die notwendigen Rituale vollführt zu haben.

Elias:
Als meine zwei Söhne auf dem Weg ins Tal waren, hatte mein Neffe sie als Gespenster gesehen. Vom Rande des Berges stürzte er ab und verletzte sich so sehr, dass wir ihn ins Krankenhaus bringen mussten. Später hatte ich ihn gefragt, was hast du auf einem Berg zu suchen, über den du nichts weisst?

George:
War der Sturz vom Gipfel durch die Kraft des Berges verursacht? Die Begenung mit den Menschen von Chikupo ging ihrem Ende entgegen. Wenig später befand ich mich auf der Fahrt zurück zur Stadt. Da war der Granitdom, mächtig und schweigend. Die Distanz zwischen ihm und mir wuchs wie die Kluft zwischen traditionellem Denken und modernem westlichem Leben. Zurück bleibt das Dilemma afrikanischer Menschen, sich und ihre Spiritualität neu zu definieren.

Elias:
Du musst an unsere Tradition glauben, um diese Dinge verstehen zu können - du musst daran glauben!
 

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