"Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen."  
 
 
Bremer Bürgerrundfunk mitbestimmen!

Stand: 30.09.2014

Gewollte Funkstille?

Erfahrungen beim Bremer Bürgerradio
von Klaus Jürgen Schmidt



Vor rund dreissig Jahren hatte ich Bremen verlassen, um in Afrika als “Rundfunk-Berater” u.a. dabei zu helfen, dass Stimmen des Südens von Ohren im Norden gehört werden können, ich baute an einer “Übersee-Brücke”. Nach meiner Rückkehr merkte ich: In Bremen wird offenbar für ungehörte Bürgerstimmen eine Brücke zum “Bürgerradio” gebraucht!

Als ich vor zehn Monaten einem alten Kollegen meine Idee vorstellte, Sendungen für den Bremer Bürgerrundfunk zu produzieren, u.a. mit deutschsprachigen Programm-Versionen meiner afrikanischen Kollegen, sagte der mir: “Da kannst du dich gleich auf ein Podest an den Marktplatz stellen!” Und er meinte nicht die beabsichtigten Programm-Inhalte, sondern eher das Verhallen im Nichts von Sendungen bei
“Radio Weser.TV“.

Wie kann das sein, fragte ich mich – ein Bürgerradio, einst eingerichtet, um neben kommerziellen Radio- und Fernsehbetreibern “Graswurzel”-Stimmen eine Chance zu geben, finanziert aus Bruchteilen der Rundfunk-Gebühren, verwaltet von den jeweiligen Landesmedien-Anstalten, in Bremen nun aber kaum noch wahrnehmbar als öffentliches Medium?

Im Oktober 2013 schrieb ich mich als “Nutzer” bei “Radio Weser.TV“ ein für eine wöchentliche Einstunden-Radiosendung, auszustrahlen jeden Sonntagmorgen um 9 Uhr und am selben Tag zu wiederholen um 21 Uhr. Bei der Einweisung wurde mir mitgeteilt: Für Radio gibt es drei Kabelfrequenzen. Über Antenne kann das Programm in Bremen auf 92,5 Mhz empfangen werden. Und dann gibt es noch den Audio-Live-Stream im Internet, abrufbar über die “Radio Weser.TV“-eigene Website:
www.radioweser.tv/index.php?id=33&L=1

Damit deutschsprachige Hörer in aller Welt auch nach diesem Live-Stream meine Programme jederzeit hören könnten, richtete ich auf meiner Website Links zu identischen Audio-Files mit zusätzlichen Programm-Informationen ein, die nach wie vor abrufbar sind:
www.radiobridge.net

So liefen also elf Monate lang insgesamt fünf Sendereihen, von mir zu Hause am PC produziert und auf USB-Stick beim 3-Köpfe-Team des Bürgerradios im Hause der Bremer Landesmedienanstalt am Bremer Richtweg abgeliefert, …



... oder sollten eigentlich laufen im wie es in einem Flyer von “Radio Weser.TV“ heisst: Bürgerrundfunk … vier Sender ein Programm – Bremen, Bremer Umland, Bremerhaven und Nordenham. Erst bei Sendereihe Nr. 3, im Juni 2014, sollte ich erfahren, dass es sehr wohl vier Sender gibt, aber die strahlen nicht EIN Programm aus, sondern irgendwie eigene. Ich hätte mich nicht auf den Flyer verlassen sollen, und auch nicht auf die Homepage von “Radio Weser.TV“ (wo es ebenfalls heisst: Bürgerrundfunk – vier Sender – ein Programm), sondern ein paar Klicks weiter nachgucken, was denn – außerhalb Bremen-Stadt – im Bremer Umland, in Bremerhaven und in Nordenham so läuft, jedenfalls – bis dato – keines meiner Programme!

Nun wäre das unerheblich, hätten potentielle Hörer des Bremer Bürgerrundfunks Gelegenheit, anderenorts davon zu erfahren, wo, wie und was ihnen engagierte Radiomacher zu Gehör bringen möchten. Und von denen sind einige bald 20 Jahre dabei. Sie haben erlebt …
… wie Jahr um Jahr das Budget reduziert und nicht abgerufene Gelder aus Rundfunkgebühren statutengemäß bei Radio Bremen landeten,
… wie ihnen verboten wurde, selber Sponsoren für ihre Programmarbeit zu finden, während der grosse öffentlich-rechtliche Bruder sich immer öfter Programme ungeniert sponsern lässt,
… wie aus einer einst lebendigen Radiomacher-Community mit einer Begegnungsstätte in Findorff internetkompatible Individual-Produzenten wurden, die sich nicht mehr persönlich kennenlernen, sondern von daheim oder aus dezentralen Stationen ihre Programme digital einspeisen,
… wie ihr Bürgerradio samt automatisierter Sendeanlage in drei kleinen Büros im Verwaltungshaus der Landesmedienanstalt versteckt wurde,
… wie Bremer Politiker eine Debatte darüber begannen, den Bürgerfunk eventuell ganz verzichtbar zu machen,
… in der Zusammenfassung: wie das Bremer Bürgerradio zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft wurde.

Und meine eigene Erfahrung? Ich erlebte am Bremer Richtweg ein professionelles 3-Köpfe-Team auf seinem ungerichteten Weg, mit immer weniger Geld und immer desolaterem Gerät ein Programm aufrecht zu erhalten, bei dem in einem 28-Tage-Rhythmus “Nutzerinnen” & “Nutzer” mit ihren Produktionen von insgesamt 672 Stunden lediglich 281 Stunden belegen (das schwankt: zugrunde gelegt wurde der Zeitraum 01. - 28.07.2014). In den verbleibenden 391 Stunden läuft automatisierte Musik. Der grösste Anteil der Programmlosigkeit fällt zwar in die Zeit zwischen 00:00 und 08:00 Uhr, doch sind erfahrungsgemäß Nachtstunden für eine überraschend hohe Zahl von Hörern attraktiv. (Deutschlandradio hat sich mit der Abschaffung einer beliebten Nachtfunkstrecke kürzlich erheblichen öffentlichen Ärger eingehandelt.)

Die an Wochenenden unbeaufsichtigte Digitaltechnik schaltet gelegentlich vorproduzierte Programme komplett aus und dafür zwei Tage lang die im Hintergrund laufende Musik-Automatik ein. An solchen Wochenenden einen technischen Notdienst zu alarmieren, bleibt aussichtslos, es gibt keinen! Betroffene Programm-Macher erfahren von dem Malheur sowieso nur, wenn sie es selber hören; informiert werden sie nur auf Nachfrage. Sie müssen auch selber nachfragen, wenn z.B. tagelang der Live-Stream für das Internet ausfällt. Die Personalknappheit beim Bremer Bürgerradio am Bremer Richtweg ist eingerichtet!

In den Sendebereichen der vier Standorte “Bremen“, “Bremer Umland”, "Bremerhaven” und “Nordenham” produzieren lokale “Nutzerinnen” & “Nutzer” ihre Beiträge für vier voneinander komplett getrennte Sendeplätze; somit gibt es vier parallele Programm-Inhalte, die nicht miteinander koordiniert sind. Für “Bremer Umland” (Standort Delmenhorst) und “Nordenham” gibt es eigenständige Organisationsformen, die sich am niedersächsischen Landesmediengesetz orientieren. Nur die Standorte “Bremen“ und “Bremerhaven” fallen unter die Bestimmungen des Bremer Landesmediengesetzes und werden von einem Bürgerrundfunk-Beauftragten der Landesmedienanstalt von Bremerhaven aus koordiniert. Dabei hat in der Vergangenheit vor allem Bremerhaven bei der Investition für technische Innovationen erhebliche Vorteile erfahren. Laut Statuten sind die Aufgaben des Bürgerrundfunk-Beauftragten auf Verwaltung und Kontrolle begrenzt, kreative Förderung des Bürgerrundfunks etwa durch Öffentlichkeits- oder Lobby-Arbeit scheint nicht zu seinem Job zu gehören.

Ende April 2014 hatte ich allen mir erreichbaren "Nutzern & Nutzerinnen" sowie weiteren Bremer Medien-Interessierten in einer Rundmail vorgeschlagen, in ein Gespräch darüber einzutreten, wie wir gemeinsam mehr Verantwortung übernehmen und noch besser Kreativität entwickeln können. In Rückmeldungen las ich Frust über sich verschlechternde strukturelle Rahmen-Bedingungen, über Erfahrungen mit fehlgeschlagenen Anstrengungen, etwas gemeinsam anzupacken, über Sorgen, eventuell bei der schon investierten eigenen Medienarbeit gegängelt zu werden. Bei allen, die geantwortet haben, war Skepsis spürbar gegenüber einem Korsett neuer Strukturen, etwa durch die Gründung eines Vereins, wie ich ihn vorgeschlagen hatte, aber bei allen war auch die Bereitschaft spürbar, sich eventuell und vorsichtig auf Versuche einzulassen, die aus unserer Vereinzelung herausführen könnten.

In Bremen haben Institutionen, Stiftungen und Vereine, die sich kulturellen und sozialen Aufgaben widmen, bisher kaum das ihnen zugestandene Recht genutzt, beim hier existierenden Bürgerrundfunk mitzuwirken, um ihre Arbeit vorzustellen, sei es in eigenen, vorproduzierten Sendereihen oder in redaktionell bearbeiteten Live-Mitschnitten ihrer öffentlichen Auftritte. In den vergangenen Monaten habe ich mich als Besucher zahlreicher Veranstaltungen in Bremen immer öfter gefragt, warum wird hier nichts aufgenommen, weshalb ist davon nichts im Bremer Bürgerrundfunk zu hören?
(Dass ich dort in der Regel auch keine Teams von Radio Bremen entdeckte, ist hier nicht Debatten-Gegenstand!)

Eine “Bürger-Brücke” – z.B. als Produktionsgenossenschaft für das Bürgerradio angesiedelt bei der Bremer Bürgerstiftung mit ihren Institutionen, Stiftungen und Vereinen – könnte auch den bisherigen Machern des Bremer Bürgerfunks neue Impulse geben, ihnen zugleich eine neue Begegnungsstätte bieten und dabei ihre Kreativität mit der Vermittlung von Medien-Kompetenz weiter fördern.

Kontakt:
radiobridge@aol.com

 
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www.weser-kurier.de/bremen_artikel,-Demografischer-Wandel-ist-Reichtum-_arid,871212.html
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www.kunst-stoff-werk.de/news/save-radioweser-tv/
petition.bremische-buergerschaft.de/index.php?n=petitionsdetails&&pID=239
petition.bremische-buergerschaft.de/documents/Abschlussbericht_L_17-843-Balkow_149cca932.pdf
www.taz.de/!77328/
www.lmk-online.de/fileadmin/webdateien/LMK-Veranstaltungen/2009/Sarcinelli_1-10-09.pdf
mp.ew.tu-dresden.de/aktivitaeten/publikationen/Buergermedien.pdf
mmm.verdi.de/archiv/2009/01-02/rundfunk/buergermedien_ohne_publikum
www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P6-TA-2008-0456+0+DOC+XML+V0//DE&language=DE
 
 
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