Khuê Pham
wurde 1982 in Berlin geboren. Sie studierte
Soziologie in London und arbeitete danach in
Berlin für das amerikanische National Public
Radio und Spiegel Online. Von 2009 bis 2010 war
sie an der Henri-Nannen-Schule, ihr letztes
Praktikum führte ins iPad-Team des Spiegel. Seit
September arbeitet sie als Politikredakteurin bei
der Zeit.
Khue Phams Familie bei
einem Ausflug im Mekong-Delta >
Du besuchst deine Verwandten, und sie
sind dir fremd. Du weißt nicht genau, was sie arbeiten,
wo sie wohnen und wann sie geboren sind. Sie leben in
einem Land, das du nur aus Urlauben kennst und aus den
Erzählungen deiner Eltern. Du weißt, du bist für deine
Verwandten eine Ausländerin. Eine reiche Westlerin. Die
deutsche Nichte.
Im Flugzeug denkst du darüber nach, wohin die Reise
führt. Leute, die dich nicht so gut kennen, sagen: in
die Heimat. Deine Verwandten sagen: nach Hause. Deine
Eltern sagen: zur Familie. Aber du weißt es nicht.
Kannst dieses dumpfe Gefühl im Magen nicht benennen, das
dich auf jede Reise hierher begleitet.
Am Flughafen von Saigon rätst du, wer ein echter
Vietnamese ist und wer ein Auslandsvietnamese. Du
erkennst es an der Kleidung (Polyester gleich Vietnamese)
und an der Anzahl der Koffer (viele Koffer gleich viele
Geschenke, also Auslandsvietnamese). Neben dir stehen
deine beiden Geschwister, mit euren geraden Zähnen und
der hellen Haut strahlt ihr diesen Wohlstand des Westens
aus.
Deine Verwandten rollen auf dich zu. Kinder, die du noch
nie gesehen hast, springen zwischen den Erwachsenen
herum. Es ist halb sieben und tiefdunkel, es ist laut und
schwül und voller Menschen. Alles dröhnt.
»Du bist aber dünn geworden!«
»Warum hast du dir deine Haare geschnitten?! Ist das in
Deutschland modern?«
»Dein Gesicht sieht alt aus, du arbeitest zu viel!«
»Bist du müde? Willst du was essen?«
»Deine Geschwister sind ja viel größer als du!«
Sie umarmen dich auf diese komische Art, mit der
Vietnamesen einander umarmen: schnell und möglichst ohne
Körperkontakt. Du verhaspelst dich dabei, die Namen bei
der Begrüßung zu nennen. Weißt nicht, was du sagen
sollst, und könntest es auch nicht sagen, wenn du es
wüsstest. Du erinnerst dich plötzlich, dass deine
jüngste Tante Yoga macht. Sagst dir den Satz im Kopf vor
und sprichst ihn dann aus. Sie nickt. Du bist
erleichtert, weil du etwas gefunden hast, das euch
verbindet. Nicht das Yoga, sondern die Erinnerung an den
Moment, in dem sie dir davon erzählt hat. Du warst schon
mal hier. Du kennst sie doch. Wieso hast du das
vergessen?
Seither hattest du mit deinen Verwandten keinen Kontakt
mehr. Worüber solltet ihr euch auch austauschen: dass du
für ein langes Wochenende nach Paris geflogen bist? Dass
deine größte Sorge ist, nicht genug Zeit zum Abschalten
zu haben? Dass dein neues iPad sehr praktisch ist?
Und was würden sie dir antworten: dass die
Luftverschmutzung in Saigon unerträglich ist? Dass sie
sich Sorgen machen um die Zukunft ihrer Kinder? Dass 200
Dollar im Monat reichen, um die Familie zu ernähren,
aber nicht für teure Medikamente, wenn einer krank wird?
Ihr lebt in zwei Ländern, zwischen denen Jahrzehnte
liegen. Wie ein Riss zieht sich die Ungerechtigkeit der
Globalisierung durch eure Familie. Gibt es mehr, das euch
verbindet, oder mehr, das euch trennt? Selbst wenn es die
Sprachbarriere nicht gäbe könntet ihr einander
jemals verstehen?
Du denkst, dass man Menschen kennen muss, um sie zu
mögen. Dass man sich aussucht, mit wem man Beziehungen
eingeht, und dass sie tiefer werden, je mehr man
voneinander weiß und je mehr man sich schätzt. Für
deine Verwandten spielt das keine Rolle. Entscheidend ist
nicht, wer oder wie du bist. Entscheidend ist, dass ihr
verwandt seid. Ihr müsst euch nicht gegenseitig
befragen, ihr müsst nur zusammen sein. Gemeinsam essen
oder gemeinsam rumsitzen, egal. Deswegen ist es auch
nicht schlimm, dass ihr euch jahrelang nicht seht und in
dieser Zeit keinen Kontakt habt.
So denken deine Verwandten, und so denkst du auch,
nachdem du in Vietnam angekommen bist. Dein Leben in
Deutschland verblasst. Unwichtig, dass du arbeitest,
alleine lebst und oft reist. Wenn du in Vietnam bist,
bist du das Kind.
Wie ein Kind wirst du danach gefragt, was dein
Lieblingsessen ist. Ob es dir gefallen hat, auf den Markt
zu gehen. Welchen Film du im Kino sehen möchtest und ob
du nun müde bist. Als Kind musst du nichts entscheiden,
nur zufrieden nicken, wenn deine Bedürfnisse erfüllt
sind. Und schweigen, wenn du hörst, wie die Erwachsenen
über dich reden. Wenn sie dein Aussehen, deinen
Charakter oder dein Vietnamesisch kommentieren, während
du danebenstehst.
Du hast gelernt, in welcher Reihenfolge deine Tanten
geboren sind und dass es einen Unterschied gibt zwischen
der Familie der Mutter und der des Vaters. Du hast
gelernt, dass es innerhalb der Familie verschiedene
Positionen gibt: älterer Bruder des Vaters, Großmutter
mütterlicherseits, Frau des jüngeren Bruders der
Mutter, ältere Schwester, Neffe und so weiter. Du redest
auch Fremde auf der Straße als ältere Schwester und
Großvater an.
Du hast gelernt, dass es verboten ist, vor
Respektspersonen von dir selbst in der ersten Person zu
sprechen. Du sprichst von dem anderen und dir selbst in
der dritten Person:
»Macht die Tante noch Yoga?«
»Ja, die Tante macht noch Yoga. Macht die Nichte auch
Joga?«
»Nein, die Nichte macht kein Yoga. Sie findet es
langweilig.«
Wenn du in Vietnam bist, vergisst du, dass es ein Ich
gibt. Du bist nie allein und hast weder die Ruhe noch die
Sprache, um so zu denken. In Ich-Form zu denken ist
selbstbezogen und anmaßend. Wer bin ich? Das ist eine
Frage, die du in Vietnam nicht beantworten kannst.
Wenn du hier geboren wärst, dann wärst du eine andere.
Du wärst daran gewöhnt, dass der Jüngere dem Älteren
gehorcht und die Frau dem Mann. Du würdest mit hoher,
weicher Stimme sprechen, so wie die Frauen hier. Du
würdest jeden Satz mit »Ja« beginnen, auch wenn er
danach mit »Nein« weitergeht. Du würdest hoffen, einen
Mann kennenzulernen, der nicht trinkt und Arbeit hat.
Vielleicht würdest du davon träumen, eines Tages ins
Ausland zu gehen. Die Welt hätte eine natürliche
Ordnung, und du hättest deinen Platz darin, vom
Schicksal festgelegt wie deine Schuhgröße.
Wenn du in Vietnam bist, vergisst du dich. Du sprichst
mit einer hohen, weichen Stimme, so wie alle Frauen hier.
Du beginnst jeden Satz mit »Ja«, auch wenn er danach
mit »Nein« weitergeht. Wenn du siehst, dass deine
Tanten für deine Onkel auf etwas verzichten, machst du
es ihnen nach. Wenn du hörst, dass Frauen von ihren
Männern betrogen und geschlagen werden, schweigst du.
Dass Frauen leiden, ist normal. Wozu beklagen, was man
nicht verändern kann?
Du siehst, wie du dich verwandelst, und du weißt auch,
warum: weil du dich einfügen willst in die natürliche
Ordnung. Du weißt, wo dein Platz ist. Aber wer bist du,
wenn du deine Werte ablegen kannst wie Kleidung, die für
dieses Klima zu warm ist?
Du hoffst, dass der Unterschied zwischen Vietnam und
Deutschland kleiner wird. Dass die beiden Welten
zusammenrücken, sodass du dich nicht jedes Mal ganz
verlierst, wenn du von einer in die andere gehst.
Du bist aufgeregt, weil Siemens in Saigon eine U-Bahn
bauen will. Du fotografierst die neuen Shoppingmalls mit
den Louis-Vuitton-Geschäften, in denen keiner einkauft.
Du mietest dich in Hanoi in einem neuen Hotel ein, in dem
dieWände noch feucht sind. (Du checkst nach zwei Stunden
wieder aus.) Du siehst, dass die Großstädte immer
westlicher werden, aber du weißt auch, dass in Vietnam
immer alles besser aussieht, als es ist.
Du weißt, dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist, dass
sie nicht statistisch erfasst wird. Dass das Essen immer
teurer wird. Du siehst an deiner eigenen Familie, dass
der Kommunismus, der ein Turbokapitalismus ist, das Land
reicher gemacht hat, aber auch ungerechter:
Zwei deiner Onkel sind Zwillinge, sie studierten nach dem
Vietnamkrieg Landwirtschaft. Beide bekamen von der
Regierung in der Provinz eine Parzelle Land zugeteilt,
zur Pacht. Der eine Onkel züchtete Shrimps, der andere
Onkel Kautschuk. Der eine ging pleite, der andere
expandierte. Onkel Loc arbeitet jetzt als Journalist und
verdient weniger als ein Hartz-IV-Empfänger. Onkel Hoi
verdient mit seiner Kautschukplantage so viel wie ein
deutscher Chefarzt. Er versorgt seinen Bruder, wenn der
mal Geld braucht.
In deiner Familie fragt niemand, warum es dem einen gut
geht und dem anderen schlecht. Das Schicksal hat den
beiden ihre Plätze zugewiesen. Du fragst deinen Vater,
was er davon hält. Er streckt seine Hand in die Luft:
»Die Hand hat fünf Finger, und jeder ist
unterschiedlich lang.« Wenn du auch so denken könntest,
hättest du nicht diese Schuldgefühle gegenüber deinen
Verwandten. Warum hast du schon als Kind die Welt gesehen
und deine Tante noch nicht mal Nordvietnam?
Warum kannst du diesen Text hier schreiben und dein
Onkel, der Journalist, nicht?
In Hanoi triffst du gleichaltrige Vietnamesen, Studenten,
Sozialwissenschaftler oder Beamte, mit denen du dich auf
Englisch unterhältst. Wenn das Wort »Politik« fällt,
dann senken sie die Stimme und schauen sich um. Sie
fragen, ob Vietnam in Deutschland als Demokratie
wahrgenommen werde, und rezitieren, was sie über die
Vor- und Nachteile der Einparteienregierung gelernt
haben. Vorteil: langfristige Politik, Nachteil: wenig
Wettbewerb. Sie wollen mehr Transparenz und weniger
Korruption, aber keinen Systemwandel. Das würde die
Ordnung durcheinanderbringen.
Du denkst, dass die KP das Land regiert wie der Patriarch
die Familie, von oben herab und mit Verboten. Die Bürger
sind wie Kinder, die ihm gehorchen müssen. Wer die
Regierung kritisiert, kann verhaftet werden. Wer die
Autorität infrage stellt, vergisst seinen Platz. Die
Hierarchie in der Familie erzieht die Vietnamesen zur
Hierarchie in der Gesellschaft. Du fragst dich, wie sich
der Einzelne gegen das Ganze auflehnen kann, wenn er doch
kein »Ich« hat.
Du sitzt vor den jungen Vietnamesen mit deinen Idealen
der freien Presse, der Mehrparteiendemokratie und der
Aufklärung. Dir wird klar, dass du bei ihnen etwas
suchst, was du nicht finden wirst: den Wunsch, sich von
der autoritären Gesellschaft zu emanzipieren. Diese
Jugendlichen wünschen sich nicht, »frei« zu sein, denn
sie empfinden sich nicht als gefangen. Du denkst nur,
dass sie sich so fühlen sollten. Weil du selbst so
empfindest.
Einer deiner Gesprächspartner fragt dich: »Willst du in
dein Mutterland zurückkehren und beim Aufbau helfen?«
Du sagst, dein Vietnamesisch sei nicht gut genug.
Er fragt: »Wirst du etwas Kritisches über Vietnam
schreiben?« Du sagst, das wüsstest du noch nicht.
Du fragst dich, wie er auf die Idee kommt, dich als
Patriotin zu sehen. Als Vietnamesin, die seinen Stolz auf
das Land teilt. Es befremdet dich, aber es berührt dich
auch. Du bist für ihn eine Schwester.
Du spürst eine Wehmut, als das Flugzeug abhebt und
Vietnam verlässt und sich ein Teil von dir verabschiedet
bis zum nächsten Mal. Du hast viele Stunden Zeit, um
nachzudenken, was du von dieser Reise mitnimmst. Warum du
dich von dir selbst entfremdet fühlst, weil du dich
deiner Familie gegenüber fremd fühlst. Ob du eine
andere wirst, wenn du in das andere Land reist. Was das
bedeutet: mehr als eine Person zu sein. Und du spürst
dieses Gefühl im Magen und spürst, dass es warm ist.
Und wenn du dann in Deutschland landest, dann fühlst du
dich kurz kalt und einsam, bis es dir wieder einfällt:
Ich bin zu Hause.